Kleinbildspiegelreflexkamera

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Lange Zeit gehörten sie zur Kleinbildspiegelreflexkamera wie der Film und die Bereitschaftstasche: Normalobjektive von 50 mm Brennweite. Trotz hoher Lichtstärke und exzellenter Abbildungsleistungen wurden sie längst von Zoomobjektiven verdrängt und gelten heutzutage als Spezialbrennweiten für Kenner und Spezialisten. Zu Unrecht, denn trotz fester Brennweite sind Normalobjektive überaus vielseitig einsetzbar.

Es gab einmal eine Zeit, da kaufte man seine Spiegelreflexkamera mit einer so genannten Bereitschaftstasche und einem Normalobjektiv. Das hieß damals noch nicht neudeutsch Kit oder Bundle, sondern einfach nur „Spiegelreflexkamera mit Bereitschaftstasche und Normalobjektiv“. Die Bereitschaftstasche, in die die Kamera eingezwängt war und die zum Filmwechsel meist erst umständlich abgeschraubt werden musste, machte ihrem Namen keinerlei Ehre und führte in vielen Fällen zweifellos dazu, dass die bildwürdige Szene längst gelaufen war, ehe der Photograph, seine Kamera aus der Tasche gepellt hatte. Das Normalobjektiv aber war in der Regel von exzellenter Qualität und diesbezüglich den allermeisten „Standardzooms“, mit denen Kameras heute in besagten „Kits“ ausgeliefert werden, deutlich überlegen. Trotzdem führen diese einst so beliebten Normalobjektive heutzutage ein Schattendasein, sind vom Massenprodukt zur Speziallinse für anspruchsvolle Photographen mutiert. Schade und ein wenig verwunderlich zugleich.

„Normalobjektiv“ - dieser Begriff provoziert die Frage, was eigentlich so normal an diesem Objektiv ist. Tatsächlich liegt es hinsichtlich des Bildwinkels - der liegt typischerweise um 53 Grad (diagonal) - zwischen Weitwinkel- und Teleobjektiv. Es eignet sich damit nur sehr eingeschränkt, um Aufnahmen über optische Effekte, wie Perspektivüberzeichnungen (starkes Weitwinkel) oder Perspektivstauchungen (Teleobjektive) zu gestalten. Per Definition ist ein Normalobjektiv ein Objektiv, dessen Brennweite in etwa der Länge der Formatdiagonalen entspricht. Beim Kleinbildformat sind das rund 43 mm, beim FourThirds-Format etwa 21 mm, bei dem im Bereich digitaler Spiegelreflexkameras besonders verbreiteten APS-C-Format rund 32 mm und beim 6x7-Mittelformat rund 90 mm. Objektive dieser Brennweiten weisen bei Verwendung der genannten Aufnahmeformate jeweils den oben erwähnten Bildwinkel von rund 53 Grad auf. Warum gerade 53 Grad „normal“ sein sollen, lässt sich jedoch kaum vernünftig begründen. Der mitunter angeführte Grund, dass dies ungefähr dem menschlichen Blickwinkel entspräche und die Motive damit in ihren uns normal erscheinenden Ausdehnungen erschienen - unverzerrt also, - lässt sich kaum halten. Zum einen ist unser Blickwinkel deutlich größer, und zum andern ergeben sich, je nachdem wie nah man dem Motiv mit dem vermeintlich so normalen Objektiv zuleibe rückt, auch mitunter erstaunliche Verzerrungen. Formatfüllende Porträts mit dem Normalobjektiv sind daher wenig empfehlenswert - es sei denn, man möchte die Nase des Porträtierten besonders betonen, die wächst nämlich fast weitwinkeltypisch, unter Umständen beträchtlich, wenn der Photographierte frontal ins Objektiv blickt.

So richtig weiter bringt einen also diese begriffliche Spurensuche nicht. Stattdessen ist es sinnvoller, sich mit den Eigenschaften dieser Objektive zu befassen. Zum einen handelt es sich bei den klassischen 50mm-Objektiven aus dem Kleinbildbereich in der Regel um recht lichtstarke und zudem symmetrisch aufgebaute Konstruktionen. Üblich sind Anfangsblenden von 1,7 bis 2,8. Noch lichtstärkere Varianten mit Anfangsöffnungen von 0,95 bis 1,4 sind zumeist nicht mehr symmetrisch aufgebaut und erfordern einen höheren konstruktiven Aufwand. Dennoch sind 1,4/50 mm-Objektive zumeist die preiswertesten „Lichtriesen“ in den Objektivpaletten der diversen Hersteller. Neben der hohen Lichtstärke zeichnen sich die Objektive durch sehr ausgewogene Abbildungsleistungen aus. Sie verzeichnen nur minimal, bieten bereits bei offener Blende schon hohe Schärfe und gutes Auflösungsvermögen und auch andere Abbildungsfehler wie Vignettierungen - Abschattungen der Bildränder - sowie die gerade im Zusammenhang mit digitaler Photographie immer wieder zur Sprache kommende chromatische Aberration - Farbsäume an Kanten - sind bei diesen Brennweiten besonders gut korrigiert. Tatsächlich zählen einige Normalobjektive der renommierten Hersteller hinsichtlich ihrer Abbildungsleistungen zu den besten Objektiven überhaupt. All das sind stichhaltige Argumente für diese Objektive. Zieht man den direkten Vergleich zu sogenannten „Standardzooms“, welche meist Brennweitenbereiche zwischen 28 und 70 mm abdecken, so spricht lediglich die bezüglich des Bildwinkels höhere Flexibilität für die Zooms. Hinsichtlich der Lichtstärke und den übrigen optischen Eigenschaften hingegen, zeigen sich Normalobjektive klar überlegen.

Physik allein macht aber keine guten Bilder. Wichtig ist es daher, sich auch mit den gestalterischen Optionen eines Normalobjektivs auseinanderzusetzen. Im Vergleich zum einfachen Zoom, kann man den Ausschnitt bei der Festbrennweite natürlich nur zu Fuß verändern, das heißt man muss sich selbst dem Motiv nähern oder von diesem entfernen, um den Ausschnitt anzupassen. Das ist unbequem. Auf der anderen Seite aber gestattet es die hohe Lichtstärke, auch in Situationen Bilder zu machen, in denen man bei Verwendung des Zooms entweder zum Blitzgerät beziehungsweise Stativ greifen muss oder unter Umständen das Bild überhaupt nicht machen kann, weil sich deren Verwendung nicht anbietet oder das Motiv sich zu schnell bewegt, um den Einsatz des Stativs zu ermöglichen. Die hohe Lichtstärke eröffnet zudem interessante gestalterische Möglichkeiten.

Offene Blende bedeutet geringe Schärfentiefe. So lassen sich durch das Gestaltungsmittel der selektiven Schärfe auch mit Normalbrennweiten sehr schön Hauptmotive aus einem unruhigen Umfeld lösen oder bestimmte Motivbereiche über die Wahl der klar abgegrenzten Schärfenebene bei offener Blende in den Blick des Betrachters bringen. Mutige kombinieren Normalobjektive auch mal mit einem Zwischenring und erhalten so ein ganz besonderes Makroobjektiv, das bei offener Blende höchst interessante Bilder mit wirklich minimaler Schärfentiefe erlaubt.

Normalobjektive sind allerdings keine „Effektlinsen“. Weder lässt sich der Vordergrund in besonderer Weise betonen und somit beispielsweise reale Größenverhältnisse auf den Kopf stellen, wie das mit starken Weitwinkelobjektiven möglich ist, noch kann man Objekte, die in Wirklichkeit vielleicht weit voneinander entfernt liegen, optisch aneinanderrücken, Perspektiven bis zum Eindruck der Zweidimensionalität zusammenpressen, wie es lange Telebrennweiten gestatten.

Beim Photographieren mit Normalbrennweiten kommt es vor allem auf den Bildinhalt und das Motiv an, auf die Geschichte also, die das Bild erzählt. Lichtführung, Lichtstimmung und die Graphik des Bildaufbaus sind weitere Zutaten, die, überlegt eingesetzt, dessen Wirkung unterstützen. Photographieren mit der Normalbrennweite ist so gesehen gar nicht so einfach, muss man doch auf vordergründig plakative Effekte extrem langer oder sehr kurzer Brennweiten verzichten. Befasst man sich jedoch intensiv mit diesem vielfach unterschätzen Objektivtyp, wird wohl vielen klar, wie breit das Einsatzspektrum eines solchen Objektivs ist. Von der fast weitwinklig anmutenden Landschaftsübersicht, über die Innenaufnahme im Museum oder der urigen Bar bei vorhandenem Licht, bis hin zum kleinen, unter Ausnutzung der Naheinstellgrenze abgelichteten Detail reicht das Spektrum. Das alles lässt sich in einer Abbildungsqualität auf Film oder Sensor bannen, die so gut wie jedes Zoom in den Schatten stellt.

Es lohnt sich also durchaus, ein eventuell noch vorhandenes Normalobjektiv mal wieder aus dem Schrank zu kramen oder die Ausrüstung um ein solches Juwel zu ergänzen. Bei Sensoren im APS-C-Format entsprechen etwa 35 mm, dem klassischen Kleinbild-50er, bei FourThirds sind es rund 25 mm. Solche Objektive gibt es für alle Aufnahmeformate. Natürlich lassen sich auch die 50er-Kleinbildobjektive an den digitalen Spiegelreflexkameras mit kleineren Formaten nutzen. Dann entspricht deren Bildwinkel jedoch leichten (und sehr lichtstarken) Telebrennweiten von etwa 75 mm (APS-C) beziehungsweise 100 mm (FourThirds). Dank der hohen Abbildungsleistung sind eigentlich alle für analoge Kameras gerechneten Normalobjektive praktisch ohne Einschränkung an Digitalkameras zu verwenden. Aufgrund der hohen Lichtstärke und dem daraus resultierenden hellen Sucherbild, kann man dabei unter Umständen - je nach Kamerasystem - auch auf manuell zu fokussierende Versionen zurückgreifen.
 

Fotografieren in der Praxis 02 / 2008

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