Langzeitbelichtungsfunktionen moderner Kamerasysteme - Zeit im Bild

Hartmut Leuenberger, Langzeitbelichtung am Hintersee, „Blende“-Fotowettbewerb Bildgalerie betrachten Hartmut Leuenberger, Langzeitbelichtung am Hintersee, Blende-Fotowettbewerb

Zunächst ein Blick zurück zeigt, in welcher grandiosen Fotowelt wir heute leben. So waren in den Kindertagen der Fotografie ohne minutenlanges Stillsitzen keine Personenaufnahmen möglich, da sonst Bewegungsunschärfe die Aufnahme zu verderben drohte. Die geringen Empfindlichkeiten des Aufnahmematerials erlaubten noch keine kurzen Belichtungen, mit denen sich Bewegungen ‚einfrieren‘ lassen. Aber heute in Zeiten höchster Sensorempfindlichkeiten, hochöffnender Objektive und extrem kurzer Verschlusszeiten haben die Kamerahersteller den Charme der Spuren, die Bewegungen während der Belichtung erzeugen können, wieder entdeckt und als Werkzeuge für die kreative Bildgestaltung entweder in die Kamerafunktionen integriert bzw. stehen diese als separate Apps-Anwendern zur Verfügung.

Leuchtspuren, Wischeffekte, leergefegte Plätze und vieles mehr

Schon in den Zeiten der analogen Fotografie waren Langzeiteffekte wie Leuchtspuren der Fahrzeuge bei Aufnahmen von nächtlichen Straßen, die Wischeffekte, die beim Zoomen während der Belichtung entstehen oder die Kombination eines scharfen Vordergrunds mit dem verwischten Hintergrund beim Langzeitblitzen oder von Menschen leergefegte Plätze beliebte Motive bzw. Gestaltungsmittel. Um solche Effekte auch bei hellem Tageslicht erzielen zu können, wurden Neutrale Dichtefilter (ND-Filter), die den Lichteinfall verringern und so für eine korrekte Belichtung eine längere Belichtungszeit bewirken, zum gefragten Zubehör. Vor allem fließendes Wasser oder Wellen erhalten durch Langzeitbelichtungen einen Effekt, der die Bewegung der Strömung suggeriert.

Diese Techniken wurden in modernen Digitalkameras jüngerer Generation perfektioniert und ihre Anwendung deutlich erleichtert, indem sie entweder bereits als Zusatzfunktion integriert oder als App zur Funktionserweiterung angeboten werden. Einige hochwertige Foto- und Videokameras verfügen über integrierte, elektronische ND-Filter, die Langzeitbelichtungen auch bei Tageslicht und hellem Sonnenschein ohne Zubehör erlauben. Andere wiederum bieten sie für ihre Kamera als installierbare Funktionserweiterung per App an.

Stärke von Wisch- bzw. Bewegungseffekten – Live dabei

Eine Schwierigkeit für viele, die mit Langzeitbelichtungen fotografieren, besteht darin, die Stärke des Wisch- bzw. Bewegungseffekts abzuschätzen. Ab welcher Belichtungsdauer wird aus der bunten Leuchtspur eine überbelichtete, ausgefranste Lichtquelle, ohne Farbe, Struktur oder Zeichnung? Die Langzeitbelichtungsfunktionen heutiger Kameras haben auch dies im Griff und zeigen beispielsweise den Belichtungsvorgang und die sich daraus ergebenen Veränderungen auf dem Display an, so dass der Fotograf die Entwicklung des Bildes beobachten und die Belichtung unterbrechen kann, sobald das gewünschte Ergebnis und der beabsichtigte Effekt erzielt wurden.

Kamerafeatures für Langzeitbelichtungen

Eine besonders einfache aber technisch sehr komplexe und ausgeklügelte Art der Langzeitbelichtung mit Live View-Darstellung sind die Live Bulb, Live Time und Live Composite Funktionen der Olympus OM-D und PEN Kameras. Sie ermöglichen es nämlich, den Belichtungsvorgang auf dem Display zu beobachten. So können Anwender genau sehen, wann die ihrer Meinung nach optimale Langzeitbelichtung erreicht wurde.

Viele Kameras bieten für die Einstellung beliebig langer Belichtungen zwei Methoden an, die meist mit B (Bulb) und T (Time) in der Verschlusszeiteneinstellung betitelt sind. Bei der Wahl von „B“ bleibt der Verschluss solange geöffnet, wie der Auslöser gedrückt wird. Er schließt beim Loslassen des Auslösers. In der „T“-Einstellung wird der Verschluss beim Drücken des Auslösers geöffnet und er schließt sich wieder bei einem zweiten Druck auf den Auslöser.

Die spezielle Live Composite Funktion arbeitet noch raffinierter. Bei dieser Aufnahmemethode erstellt die Kamera zunächst eine Basisbelichtung und öffnet dann in vorgewählten Abständen für eine vorgewählte Zeit den Verschluss kontinuierlich und schließt ihn auch wieder erneut. Dabei wird das neue Bild mit der bereits erfolgten Belichtung so kombiniert, dass nur das neu hinzugekommene Licht in den bis dahin dunklen Zonen nach dem Prinzip „hell überschreibt dunkel“ berücksichtigt wird. Die Lichter im Foto werden dabei nicht verändert. So lange die neue Lichtquelle nicht heller ist als die vorausgegangene in der entsprechenden Bildpartie. Daher kommt es beispielsweise in den Lichtern, sofern sie in der Basisaufnahme korrekt belichtet waren, auch bei sehr langen Belichtungsserien zu keiner Überstrahlung, wie es beispielsweise bei zu langen Belichtungen mit Live Bulb oder Live Time durchaus vorkommen kann.

Typische Motive für Langzeitbelichtungen, die sich durch moderne LiveView-Techniken sehr viel einfacher aufnehmen lassen, sind beispielsweise nicht nur die Leuchtspuren von Feuerwerken, des Sternenhimmels oder von Gewitterblitzen abends oder nachts, sondern auch am Tag lassen sich in Kombination mit entsprechenden ND-Filtern fließende Gewässer, wogende Wellen oder ziehende Wolken mit entsprechenden Wischeffekten aufnehmen.

Wiederentdeckung der Langsamkeit ein fotografischer Trend

Zweifellos haben die Digitalfotografie und die durch sie möglich gewordenen technischen Erleichterungen der Fotografie neue Dimensionen in Bezug auf die Langzeitaufnahmetechniken beschert. Doch noch immer haben auch die klassischen Aufnahmetechniken wie etwa für Nachtaufnahmen mit wenig Licht ihren Reiz nicht verloren. Es gibt viele Fotografen und Liebhaber anspruchsvoller Fotografie, die überzeugt davon sind, dass die während einer Belichtung verstrichene Zeit in der sogenannten Metaebene der Fotos wahrnehmbar sei. Auf jeden Fall ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit ein fotografischer Trend, der sich nicht nur in der FineArt-Fotografie deutlich zur Mode entwickelt, sondern für viele Fotografen, denen der fotografische Prozess der Aufnahme ebenso wichtig ist, wie das Ergebnis, eine echte Bereicherung des Hobbys darstellt. Es lohnt sich also bei der Wahl der Kamera danach zu fragen, welche Funktionen sie für Langzeitaufnahmen und Effekte zu bieten hat.

„Blende“ – Der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

„Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

„Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. Dazu gehört auch, mit Gleichgesinnten zu den thematischen Vorgaben in den Wettstreit zu treten. Dabei wachsen die Teilnehmer über sich hinaus und geben Zeugnis über ihr kreatives fotografisches Potential. Ihre Bilder sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch ihre Teilnahme an „Blende“ zudem den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten. Nur die Präsentation der „Blende“-Bildeinsendungen in den Galerien auf unserer Homepage erscheint uns ausbaubar. Deshalb zeigen wir – vielfach mit Unterstützung der „Blende“-Fotografen – auf, was notwendig ist, um zu so sehenswerten Aufnahmen, wie hier veröffentlicht, zu gelangen. Damit soll nicht zum Kopieren inspiriert werden, sondern motiviert werden zum eigenen Spiel mit Zeit und Blende. Übrigens: Der Stratschuss zu „Blende 2017“ ist inzwischen gefallen. Weitere Informationen »

Fotografieren in der Praxis 07 / 2017

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