Naturfotografie - Wildtiere vor der Linse

© Fotograf: Guenther Schad, Pause, Photoglobus
© Fotograf: Guenther Schad, Pause, Photoglobus
Jetzt im Herbst ist für Autofahrer größte Vorsicht geboten – Hirsche und Co. befinden sich in der Brunft, die sie unvorsichtig werden lassen und somit für manche Gefährdung sorgen. Für Fotografen hingegen garantiert diese Jahreszeit ein Eldorado an Motiven – dieses Angebot sollte man annehmen. Erste Regel lautet natürlich, sich selbst für gute Bilder nicht in Gefahr zu bringen. Die zweite Regel lautet, den Tierschutz zu beachten. Als Fotograf trägt man eine große Verantwortung und das bedeutet auch, Grenzen nicht zu überschreiten. Und als dritte Regel gilt es, sich entsprechend der Jahreszeit zu kleiden, ein frierender und durchnässter Fotograf kann nur schwerlich zur Hochform auflaufen. Die Nacht kann man getrost zum Tage machen, denn Hirsche beispielsweise sind heute vielfach nachtaktive Waldtiere. Tendenziell sind die Hirsche bei klarem, aber kaltem Wetter besonders aktiv, in den meisten Revieren wird das hauptsächliche Brunftgeschehen zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, also in der Nacht, stattfinden. In einigen Revieren, wie beispielsweise dem Wildtierland Gut Klepelshagen, kann man die Brunft aber morgens und abends bei guten Lichtverhältnissen beobachten. Einen Überblick, wo man in Deutschland zum Beispiel geführte Brunftansitze buchen kann, finden Interessierte auf www.Rothirsch.org.

Interessant ist ein kleiner Rückblick: Durch die Folgen der Revolution von 1848 war Rotwild in Deutschland fast ausgerottet. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs der Bestand vielerorts durch die Hege der Jägerschaft wieder stark an. Nachdem das Rotwild auf den landwirtschaftlichen Flächen immer weniger geduldet wurde, blieben ihm im Wesentlichen die Waldgebiete als Lebensraum. Da die Tiere versuchten, ihren Nahrungsbedarf jetzt vorwiegend dort zu befriedigen, bekam die Wildart schnell den Stempel des Waldschädlings aufgedrückt. Daraufhin wurde in den 1980er und 1990er Jahren der Rotwildbestand in vielen Regionen Deutschlands durch hohen Abschuss abgebaut. Darüber hinaus werden in den meisten Bundesländern Deutschlands die Lebensräume für Rotwild auf gesetzlich vorgeschriebene Verbreitungsgebiete, bei denen es sich überwiegend um Wälder handelt, reduziert. Dies hat zur Folge, dass zunehmend die Chancen sinken, diese heimische Säugetierart in freier Wildbahn beobachten zu können.

Naturfotografen verbringen in der Regel sehr viel Zeit damit, ihre Motive aufzuspüren. Der kleine Rückblick zeigt auf, dass man mitunter schon sehr auf die Suche gehen muss, um Hirsche vor die Linse zu bekommen. Wer schneller zum Ziel gelangen möchte, der kann sich an Naturschutzbehörden, aber auch an Förster wenden, die in verstärktem Maße Wanderungen anbieten und einen an Orte führen, die fotografisch eine hohe Ausbeute garantieren. Hochsitze zeigen dem Fotografen aber auch auf, wo sich möglicherweise Wildtiere sammeln. Jetzt im Herbst bieten zudem zahlreiche Organisationen Fotoworkshops an, die die Brunft zum Thema haben. Man hat natürlich auch die Option, sich allein auf Entdeckungstour zu begeben oder man entscheidet sich für den Wildpark, was die Suche natürlich deutlich erleichtert.

© Fotograf: Hans Pfleger, der Rivale, Photoglobus
© Fotograf: Hans Pfleger, der Rivale, Photoglobus
Wichtig ist es, sich im Vorfeld über Wildtiere wie Hirsche und ihre Gewohnheiten zu informieren. Das erhöht die fotografische Ausbeute, denn Verhaltensweisen können leichter vorhergesehen werden. So gehen Hirsche bis zur Brunft jeder Rauferei aus dem Weg und stehen friedlich in Gruppen als Männergesellschaft zusammen. Im September lösen sich diese Hirschrudel schlagartig auf. Ein rasant ansteigender Testosteronspiegel leitet jetzt die Brunft ein und die Paarungszeit der Hirsche macht aus guten Kumpeln erbitterte Konkurrenten. Sechs Wochen lang geht es dabei einzig und allein um die Gunst der Alt- und Schmaltiere. Zum Droh- und Imponiergebaren gehört auch das Röhren – sicherlich die bekannteste Lautäußerung brunftiger Hirsche. Der mächtige Brustkorb der Hirsch-Herren wirkt beim Röhren wie ein Resonanzkörper.

Wildtierfotografie bedeutet, Distanzen überbrücken zu müssen. Gut beraten ist man mit einer Spiegelreflex- beziehungsweise kompakten Systemkamera und einem lichtstarken Objektiv mit mindestens 400 mm Brennweite. Besser ist natürlich ein 500-mm-Objektiv oder noch größer. Ist man im Besitz eines Telekonverters, so sollte man diesen mit auf die Pirsch nehmen. Die dritte Hand des Fotografens, also ein Stativ, ist Pflicht. Es entlastet nicht nur die Hände und Arme, sondern garantiert bei den mitunter schlechten Lichtverhältnissen verwacklungsfreie Aufnahmen. Wichtig ist, darauf zu achten, dass Stativ und Kameraausrüstung eine Einheit bilden – das Stativ muss auf die Traglast ausgelegt sein, sonst geht es sprichwörtlich in die Knie. Schon zu Beginn der Wanderung sollte die Kamera auf dem Stativ montiert sein, denn nur so ist man als Fotograf immer gewappnet, wenn sich einem ein Motiv bietet. Muss man hingegen die Kamera erst aus dem Fotorucksack holen und auf das Stativ schrauben, dann ist mit Sicherheit der Hirsch schon in weite Ferne geflüchtet.

Als Kameraeinstellung empfehlen wir die Blendenvorwahl A/Av – hier wird die Blende vom Fotografen vorgegeben und die Kamera wählt die entsprechende beziehungsweise passende Belichtungszeit aus. Die ISO-Empfindlichkeit sollte man natürlich im Blick haben, denn die kann sich unter schlechten Lichtverhältnissen so erhöhen, dass das Rauschen die Bildqualität beeinträchtigt. Dies ist auch der Grund, warum lichtstarke Objektive zum Einsatz kommen sollten.

Damit die Ausbeute an scharfen Aufnahmen möglichst hoch ausfällt, ist der kontinuierliche Autofokus eine gute Wahl. Empfehlenswert ist die Serienbildfunktion, sie erhöht schlichtweg die Trefferquote. Entsprechend gehören natürlich Ersatzakkus und -speicherkarten in die Fototasche.

Stehen einem unvermittelt Rehe oder Hirsche gegenüber, so heißt es, in sich zu verharren und regungslos stehen zu bleiben. Das können fünf oder mehr Minuten sein – die muss man schlichtweg durchhalten, denn ansonsten vertreibt man das Wild nur. Nach dieser Zeitspanne fängt das Wild vielfach zu äsen an und dann kann man langsam und behutsam sein Stativ mit Ausrüstung positionieren und mit dem Fotografieren beginnen.

Fotografieren in der Praxis 09 / 2013

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden