Naturfotografie - Zugvögel

Naturfotografie - Zugvögel
© Fotograf: Bernd Bunzel, Landeanflug, Blende-Fotowettbewerb
Der Herbst kündigt sich mit kürzer werdenden Tagen, niedrigeren Nachttemperaturen, aber auch mit dem Sammeln der Zugvögel, die in Kürze das Weite suchen, bereits an. Natur- und Fotobegeisterte zieht es im Herbst in den hohen Norden, beispielsweise auf die Ostseeinsel Fehmarn und auf den Darß – wer noch freie Urlaubstage hat, sollte die Reise auf sich nehmen, denn es ist ein einmaliges Erlebnis. In sehr kleinen Dimensionen ist der Aufbruch der Zugvögel beispielsweise auch in Mittelhessen erlebbar. Es ist etwas absolut sehens- und hörenswertes, wenn die Vögel hier in kleinen Formationen beispielsweise über Frankfurt am Main hinwegfliegen und akustisch mit dem Autolärm in Konkurrenz treten, diesen mitunter sogar in den Schatten stellen.

Unabhängig davon, ob nun kleine oder große Formationen in unmittelbarer Nähe oder aber im hohen Norden, man greift zwangsläufig zur Kamera, wenn die Vögel sich sammeln und/oder über einen hinwegziehen. Die Vielfalt an Zugvögeln ist natürlich im hohen Norden sehr viel größer. Hinzu kommen von Naturschutzverbänden eigens angelegte Standorte, die mehr Nähe garantieren, ohne die Vögel zu stören. Auch spezielle Touren lassen jedes Fotografenherz höher schlagen.

Smartphones und Kompaktkameras mit einem kleinen Zoombereich sind für Bilder vom Vogelflug ungeeignet, außer man gibt sich mit lauter kleinen schwarzen Punkten auf den Bildern zufrieden, die eher wie Schmutz auf der Linse wirken. Es gibt aber eine Technik, die den Horizont für solche Kameras erweitert: Digiscoping. So nennt man die Verbindung von Kompaktkameras und Fernoptiken, wie Spektiven oder Ferngläsern („Feldstecher“). Was im ersten Moment komisch klingt, funktioniert mit etwas Übung aber so gut, dass viele versierte Vogelbeobachter auf die Digiscoping-Technik schwören. Eine Flut außerordentlicher Naturaufnahmen im Internet, vorzugsweise von Vögeln, belegt die Leistungsfähigkeit dieser noch recht jungen Disziplin. Durch die Kombination von verschiedenen Linsensystemen ergeben sich effektive Brennweiten bis weit über 1.000 mm, von denen selbst die meisten Besitzer von Profikameras nur träumen können. Diese Brennweiten zu beherrschen, ist nicht ganz einfach, eine Einführung in das Thema gibt es hier auf der Homepage im Bereich „Fernoptik“.

Komfortabler geht es mit Teleobjektiven, die an Kameras angesetzt werden oder in diese fest eingebaut sind. Gute Ergebnisse liefern bereits die sogenannten Superzoomkameras – auch als Bridgekameras bezeichnet. Diese verfügen über einen deutlich höheren Zoom- und damit Telebereich als einfache Kompaktmodelle. Die besten Bildergebnisse erzielt man jedoch mit kompakten System- beziehungsweise Spiegelreflexkameras (DSLRs), die mit einem Teleobjektiv ausgestattet sind. Hier kommt es schon auf die Größe an, denn mitunter sind erhebliche Distanzen zu den Vögeln zu überbrücken. Für welches Teleobjektiv man sich entscheidet hängt – neben der Distanz – natürlich auch vom Kamerasensor (Cropfaktor) ab. Mit Brennweiten von 300 bis 500 mm ist man schon gut beraten, es kann aber gerne auch eine Nummer größer sein. Um die Reichweite zu erhöhen, können auch Telekonverter zum Einsatz kommen, das sind Zwischenelemente mit Linsen, die zum Beispiel aus einem 200-mm-Tele ein 400-mm-Tele machen.

Naturfotografie - Zugvögel
© Fotograf: Martina Sielfeldt, Kranichzug im Frühjahr über der Eifel, Blende-Fotowettbewerb
Lichtstark sollten die Objektive in jedem Fall sein – am falschen Ende zu sparen, zahlt sich nicht aus, und es ist mehr als ärgerlich, wenn die Lichtstärke des Objektivs eher einer Dunkelkammer gleicht. Ein Stativ ist ratsam, nein eigentlich Pflicht. Es entlastet nicht nur die Arme und Hände, sondern hilft, Verwacklungen zu vermeiden, und dass die Kamera nicht verkantet wird. Wichtig ist, darauf zu achten, dass Stativ und Kamera eine Einheit bilden. Die Traglast sollte man also im Blick haben – eine zu schwere Kamera kann ein Stativ durchaus in die Knie zwingen, was zur Beschädigung der Kamera führen kann. Wichtig ist natürlich auch, dass das Stativ sicheren Halt hat – Füße und Bodenbeschaffenheit sollten passen. Qualität zahlt sich in jedem Fall beim Stativ und dem verwendeten Kopf aus. Preiswerte Köpfe neigen dazu, ihre Position zu verändern, was natürlich nicht im Interesse des Fotografen ist. Für rasche Schwenks gibt es sogenannte Kardanköpfe, die wie eine Schaukel funktionieren. Auch ein Einbeinstativ leistet gute Dienste.

Bei den Kameraeinstellungen hängt viel von der Umgebung ab und dem, was der Vogel gerade so anstellt. Für einen dösig auf einem Ast sitzenden Piepmatz reichen kurze Belichtungszeiten, besonders wenn ein Stativ gegen Verwacklungen die Kamera schützt. In dem Fall kann man auch sämtliche Belichtungsautomatiken und Autofokuseinstellungen ausprobieren. Wird aus der Hand fotografiert, sind bei der Verwendung von Teleobjektiven kurze Belichtungszeiten wichtig. Die klassische Faustformel lautet: 1 geteilt durch Brennweite ergibt die Mindest-Belichtungszeit, um Verwacklungen einigermaßen auszuschließen. Also bei einem 300-er-Tele sollte man nicht mit längeren Zeiten als 1/300 Sekunde aus der Hand fotografieren. Bildstabilisatoren geben aber deutlich Spielraum. Verfügen Objektiv oder Kamera über diese Anti-Wackel-Automatik, sollte man sie einschalten.

Naturfotografie - Zugvögel
© Fotograf: Andreas Berger, Abflug, Blende-Fotowettbewerb
Eine Herausforderung sind Vögel im Flug: wegen der sich ständig verändernden Entfernung und des wechselnden Hintergrunds. Für fliegende Vögel bietet sich die Einstellung auf den Nachführ-Autofokus an. Dieser stellt fortwährend auf ein sich bewegendes Objekt scharf. Fliegt der Vogel vor strukturlosem blauem oder grauem Himmel, kann man versuchen, alle AF-Messfelder zu aktivieren. Da sich kein anderer Orientierungspunkt am Himmel befindet, sollte damit die Schärfe immer auf dem Tier liegen. Für die Belichtung sind kurze Zeiten bei solchen Bewegungen entscheidend. Man sollte entweder die sogenannte Blendenautomatik verwenden, bei der man eine (kurze) Zeit vorgibt, und die Kamera die Blende selbst steuert. Oder man gibt – wenn möglich – kurze Zeit und eine Blendeeinstellung vor und überlässt der Kamera die Einstellung der Empfindlichkeit (ISO-Automatik).

In manchen Situationen sind Fotografen mit einer manuellen Einstellung der Belichtungsdaten am besten beraten. Die korrekte Belichtung soll ja vor allem für den Vogel gelten. Weiße Vögel sind beispielsweise ein heikles Motiv. Über- und Unterbelichtung sehen nicht gut aus. Schwimmt ein Schwan über einen See, können Spiegelungen im Wasser die Belichtungsautomatik der Kamera verwirren und Unterbelichtungen hervorrufen. Stellt man die Kamera fest auf die korrekte Belichtung des weißen Gefieders ein, kann das nicht passieren. Ein anderer Fall ist das Vorüberfliegen am Himmel. Der Himmelshintergrund ist je nach Winkel zur Sonne unterschiedlich hell, entsprechend würde die Kamera bei einem fliegenden Vogel verschiedene Belichtungen wählen, jeweils auch dem Himmel angepasst. Doch damit würde der Vogel auf manchen Bildern über-, auf anderen unterbelichtet. Auch das lässt sich mit einer manuellen Vorgabe, die auf das Federkleid abgestimmt ist, vermeiden.

Ähnlich wie bei der Sport- und Actionfotografie gibt es bei der Fotografie von Vögeln, vor allem, wenn diese in Bewegung sind, eine hohe Ausschussquote. Das ist ganz normal, und darüber sollte man sich nicht ärgern. Vielmehr gilt es, genügend Bilder zu schießen, um später die besten Treffer auszuwählen. Als Betriebsart wählt man daher Serienaufnahmen statt Einzelbilder und drückt den Auslöser lieber etwas kürzer als länger durch. Wobei wir schon bei sinnvollen kleinen Helfern wären. Eine oder mehrere große Speicherkarten sind neben Ersatzakkus das wichtigste Zubehör. Große Speicherkarten haben genügend Spielraum, um auch einmal die Videofunktion der Kamera zu verwenden, denn auch selbst gedrehte Tierfilme sind mit allen oben genannten Techniken möglich. Auch ein hochwertiges Fernglas gehört in die Fototasche, schließlich will man seine Motive erst einmal finden und nach gelungenem Fotoshooting einfach nur gemütlich dem Treiben der Tiere zusehen. Sehr komfortabel sind leichte Klappstühle, um sich zwischendurch auszuruhen. Eher unter die Kategorie Profiausstattung fallen Tarnzelte und Tarnumhänge, die den Fotografen und seine Ausrüstung unsichtbar machen sollen. Aber sie können eine lohnende Investition für viele Exkursionen sein, denn das Spezialgebiet Vogelfotografie lässt nach den ersten guten Aufnahmen Fotografen so schnell nicht mehr los.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2013

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden