Nur ein kurzer Augenblick für den Klick - Neugeborene im Fokus

Neugeborene im Fokus Bildgalerie betrachten

Der 28-jährige Omar sitzt unruhig im Wartesaal. Eigentlich möchte er am liebsten umherlaufen, so nervös ist er; aber er lässt seinen „Schatz“ keine Sekunde aus den Augen. Den hat er auf seinen Schoß drapiert: eine Videokamera, eine kleine digitale Kompaktkamera und ein analoges Modell von seinem Vater. „Ich habe vorgesorgt und bin bestens ausgerüstet“, sagt er stolz, doch sein Gesicht bekommt sofort einen traurigen Ausdruck. „Es ist mein erstes Kind! Ein Junge!“ Doch es gab Komplikationen und Fatha, seine Frau, liegt nun im OP – der Kaiserschnitt steht bevor. „Das kann ich nicht sehen“, sagt Omar traurig. Das erste Foto will er nun erst schießen, wenn sein Sohn wirklich auf der Welt und von der Kinderärztin untersucht ist. Eigentlich hatte er die ganze Geburt auf Video aufnehmen wollen, um dieses einmalige Ereignis festzuhalten. Extra hat er sich zu dem Fotoapparat, den er während der Flitterwochen mit seiner frisch angetrauten Frau schon ausprobiert hat, auch eine Videokamera zugelegt.

Als er seinen Fari im Arm hält, ist die Kamera ganz vergessen. Auch das erste Bild schießt er viel später, weil er sich so schnell nicht von seinem Sohn lösen kann. Fari ist bereits gebadet, angezogen und zum ersten Mal gestillt, als Omar endlich den Auslöser drückt. Zum Glück hat er den Automatikmodus gewählt. Das Krankenhauslicht ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber der junge Vater war so nervös, dass er womöglich alles verwackelt hätte. „Ich war froh, dass die Kamera alles allein gemacht hat“ und freut sich über sein Kompaktmodell. „Ich bin ja kein Profifotograf.“ Den Blitz hatte er deaktiviert, denn den mögen Neugeborene überhaupt nicht.

Ähnlich ging es Theo und seiner französischen Frau Céline beim ersten Kind. Theo, ein begeisterter Hobbyfotograf und „als solcher ziemlich gut“, wie er scherzt, war so aufgeregt und wollte unbedingt seiner Céline beistehen, dass er zum Fotografieren gar nicht kam. Als Maja auf der Welt war und auch die Großeltern am Bett der frischgebackenen Mama standen, kam es endlich zum ersten Foto – das, obwohl laut Theo „gar nicht so schön“, zahlreich vergrößert wurde. „Wir wollten es unbedingt so stark wie möglich in Erinnerung behalten.“ Maja wird in den folgenden Monaten zum Star. Täglich schießen Theo und später auch Céline mindestens 50 Bilder von ihrem Schatz. Als wenig später dann schon das zweite Kind unterwegs ist, ist Theo während der Wehen seiner Frau ruhiger und hat seine Kamera schussbereit mit im Kreißsaal. „Ich habe während der Geburt ihre Hand gehalten. Das war mir wichtiger als die Geburt zu fotografieren. Aber auf dem ersten Bild, da ist er dennoch ‚käsig’“. Nur schnell ein wenig abgetrocknet, landet sein kleiner Marc auf der Babywaage – und während er kräftig brüllt, hält Papa diesen Moment mit der Kamera fest. Das erste Bild seines Sohnes. Da sollte nichts schief gehen. Theo hat kurz zuvor zur Probe ausgelöst und sich in Position gebracht, damit ja nichts verwackelt. Er kennt sich mit Digitalkameras aus. „Sicherlich ist jeder Vater in so einer Situation unendlich nervös. Man verwackelt schnell, daher habe ich gleich eine kurze Verschlußzeit gewählt. Hell war es hier ja zum Glück.“

Jeder werdende ist Vater gut beraten, seine Kamera vor dem ersten Babybild zu überprüfen und bei den gegeben Lichtverhältnissen mal einen Probeschuss zu machen, damit später nichts schief geht und das erste Bild auch wirklich ein Andenken wird. Viele Eltern möchten das Ereignis exakt so festhalten, wie es war und verändern am ersten Foto ihres Kindes nichts, auch nicht, wenn sie es Freunden und Verwandten schicken. Omar und Theo sind sich einig, dass „jegliche Bearbeitung verfälscht“. Auch aus diesem Grund hatte Omar zusätzlich eine Videokamera dabei. „Die Geburt so wie sie war, so wollte ich sie festhalten. Gut – beim nächsten Mal!“ Theo sieht es locker. „Ist sicher nicht der schönste Schnappschuss, aber ein einprägender. Schöner werden die Bilder, wenn wir die Kinder dann später ‚richtig‘ fotografieren.“

Damit im Kreißsaal wirklich nichts verwackelt, empfehlen sich Kameras mit Bewegungsstabilisatoren, die Belichtungszeit sollte möglichst kurz gewählt und auch der Autofokus in jedem Fall auf „on“ gesetzt werden. Ähnlich wie in der Sportfotografie ändern sich hier die Lichtverhältnisse, bewegt sich das Motiv womöglich ohne Vorwarnung und ist schnelles Reagieren gefragt. Darauf, in dieser Situation den Blitz einzusetzen, verzichtet man dem Neugeborenen zuliebe. Doch nicht nur ein gerade geborenes Baby ist ein zauberhaftes Motiv für das Fotoalbum. Auch das erste Foto, wenn Mutter und Kind sich erholt haben, schaut man sich auch Jahrzehnte später noch gern an. Jürgen hat seine Frau und die kleine Franziska nur wenige Sekunden nach der Geburt fotografiert. „Ich habe stundenlang auf diesen Moment gewartet, meine Tochter sollte auf dem ersten Foto möglichst jung sein.“ Doch das erste Bild bekam niemand zu sehen. „Meine beiden Frauen sahen dermaßen erschöpft und fertig aus, das wollten wir niemandem zeigen. Drei Stunden später, allein im Zimmer, sah das dann schon ganz anders aus.“ Dieses Foto wurde so schön, dass Jürgen eine Vergrößerung machen ließ und das Bild zu Hause und im Büro aufhängte. „Vergessen ist die Anstrengung, jetzt ist alles nur noch schön.“

Werner war nicht im Kreißsaal dabei. „Das war damals noch nicht so üblich wie heute“, erzählt der Grafiker, der schon während der Geburt das Foto im Kopf hatte, mit dem er der lieben Verwandtschaft von seiner kleinen Anja berichten wollte. „Sie sollte nicht schrumpelig, sondern gut ausgeruht und fröhlich sein“, lacht er, als er an die erste Aufnahme zurückdenkt. „Sie lag in der Klinik auf dem Wickeltisch und lachte uns an. Da musste ich einfach auf den Auslöser drücken.“ Den Schwarzweißfilm hat er damals selbst entwickelt, Grußkarten aus dem schönsten Foto gemacht und mit einem Füllfederhalter in schwarzer Tinte – es sollte alles schön einheitlich aussehen – das Geburtsdatum und Gewicht dazugeschrieben. „Dieses Foto haben alle unsere Freunde und Bekannten bis heute aufgehoben“, erzählt er, als seine Anja, mittlerweile 30, gerade selbst in den Wehen liegt. Eine Katinka soll es werden. Obwohl er heute eine Digitalkamera besitzt, wird das erste Foto – vier Minuten nach der Geburt, mit noch nassen Strubbelhaaren und nur in ein Handtuch gewickelt – das auch Motiv für eine Grußkarte wird, wieder schwarzweiß – wenn auch erst später am Computerbildschirm. „Aber es sieht einfach schöner aus, es soll doch eine bleibende Erinnerung für uns und eine schöne Ankündigung für die Familie sein.“ Ein paar Klicks im Bildbearbeitungsprogramm und schon liegt über der neugeborenen Katinka ein leichter Nebelschleier und verleiht dem neuen Bild einen leichten Retro-Look. Der Großvater ist begeistert. Die Karten mit seinem neuen Lieblingsmotiv druckt er zu Hause selbst aus. „Was heute mit der Technik alles geht – super!“ Die kleinen Falten wollte er jedoch nicht wegbügeln und auch der Rest Käseschmiere auf der Stirn stört ihn nicht. So sehen Babys nach der Geburt eben aus. Hauptsache, das erste Foto ist ordentlich im Kasten.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2010

67 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden