Selfies - Der neue Kult zur Selbstdarstellung

Selfies - Der neue Kult zur Selbstdarstellung
Gibt man das Suchwort „Selfie“ bei Webstagram, dem populären Viewer für Instagram-Fotos ein, so zeigt das Ergebnis vier Millionen Bilder. Alles Fotos, die in der Mehrzahl junge Menschen von sich selbst gemacht haben, um sie über die entsprechenden Internetplattformen, wie Facebook, Instagram oder ähnliche, mit anderen zu teilen.

Die Wiederentdeckung des Selbstporträts hat bei der Smartphone-Gemeinde einen gewaltigen Boom ausgelöst und den fotografischen Narzissmus bei einer breiten Bevölkerungsschicht Teil des Lebensstils werden lassen. Fotoblogs geben Tipps für die Gestaltung eines perfekten Selfies und in den USA berichten Teenager in Fernsehsendungen über den Spaß am Teilen der eigenen Bilder im Netz.

Dabei sind Narzissmus und der Drang zur Selbstdarstellung in der Kunst, sei es nun Malerei oder Fotografie, nicht neu, sondern können beide auf eine lange Tradition zurückblicken. Kaum ein Maler oder Fotograf, der sich nicht am Thema Selbstporträt versucht hat, und manche haben es gerade in diesem Genre zu Ruhm und Ehre gebracht. So zum Beispiel die New Yorker Fotografin Cindy Sherman, deren fotografischen Selbstinszenierungen heute zu den teuersten Fotokunstwerken der Welt gehören. Aber auch die fotografischen Selbstinszenierungen von Pipilotti Rist, Nan Goldin oder Monica Bonvicini sind in der Kunstszene gefragt.

Mit dem neuen Trend der Selfies sind die Selbstdarstellungen in der Fotografie zu einem Massentrend geworden, und das nicht nur als Profilbilder auf den entsprechenden Plattformen. Viele der von der Entdeckung des eigenen Ich begeisterten Fotografen posten fast täglich ein neues Bild von sich. Nicht immer sind es die vorteilhaftesten Fotos, die da unkontrolliert im Netz herumschwirren.

Selfies - Der neue Kult zur Selbstdarstellung
Erkennungszeichen der Selfie-Jünger ist der ausgestreckte Arm, dessen Hand das Smartphone hält. Die knapp vier Millionen geposteten Selfies auf Instagram sind nur die Spitze des Eisbergs angesichts der vielen Millionen zusätzlich aufgenommener Selbstporträts, die nicht den Weg in die Social Networks finden. An jeder Ecke, jeder Sehenswürdigkeit fällt einem jemand mit dem ausgestreckten Arm ins Auge. Inzwischen befassen sich schon Forscher, darunter Soziologen und Psychologen, mit der Wiederentdeckung des Ich und den damit verbundenen Hintergründen, die vom Narzissmus bis zum Exhibitionismus reichen.

Eines haben viele Selfies gemein: Sie sind gestellt, sollen aber aussehen wie Schnappschüsse. Dafür ist das Smartphone geradezu das optimale Werkzeug. Die Selbstdarstellung kann so oft wiederholt werden, wie man will.

Vielen Selbstdarstellern sind die Foto-Selfies inzwischen schon zu wenig. Eine neue Variante erobert das Web: das Video-Selfie. Nur wenige Sekunden lang kann es auch Bewegung zeigen und auch Audiobotschaften wiedergeben. Ganz zaghaft erobern nun auch Selfie-Varianten mit Funktionen wie „PhotoStory“ (Olympus) oder „Bewegter Schnappschuss“ (Nikon) die jüngsten Kameragenerationen, die natürlich auch eine WiFi-Funktion bieten, damit die Ergebnisse von der Selbstdarsteller-Generation auch gleich in alle Welt hinaus geschickt werden können.

Umgekehrt hat die Kunst den Massenkult der Selfies zum Thema gemacht. Der holländische Künstler Frank Haenen hat in seiner Serie „Mirror-Selfies that changed the world /or at least tried to“ Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte, wie Queen Elisabeth, Mahatma Ghandi, Marilyn Monroe oder Karl Marx, ein Smartphone in die Hand gedrückt.

Auf YouTube gibt es rund 500.000 Suchergebnisse für das Stichwort „Selfie“. Darunter auch zahlreiche Anleitungen für den optimalen Weg zum „perfekten Selfie“. Immer beliebter werden auch „Partner Selfies“ nach dem Motto „Me and…“ für die Teenager mit ihrem Smartphone auf Promijagd gehen, um sich mit dem Berühmtheiten im Doppelporträt abzubilden.

Je schwieriger das Fotografieren und Veröffentlichen von Fotos oder Videos fremder Personen – rechtlich gesehen – wird, umso verständlicher wird es andererseits auch, dass immer mehr auf die drei Lieblingsmodelle der neuen Selfie-Generation zurückgreifen: me, myself and I.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2013

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