Tipps und Tricks für die Porträtfotografie

Porträts sind eine der absoluten Meisterdisziplinen von Fotografen. Doch es ist natürlich viel schwieriger, als einfach nur das Gesicht der oder des Dargestellten abzulichten – Porträtfotografie hat einen ganz anderen Anspruch. Was dieser Anspruch ist und wie man ein gutes Porträtfoto schafft, beschreibt dieser Artikel.

Anspruch an Porträts

Jedes wirklich gute Porträt macht aus, dass es nicht einfach nur ein Foto ist – es ist eine Abbildung des Individuums, das man ablichtet. Der Betrachter soll eine Vorstellung davon erhalten, welche Persönlichkeit sich hinter dem Porträtierten verbirgt. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Porträt und einem Bewerbungsbild – während das Porträt Einblicke in die Persönlichkeit des Abgelichteten gibt, bildet das Bewerbungsbild in der Regel nur ab. Durch die Art und Weise wie man als Fotograf vorgeht kann man seine eigene Persönlichkeit in der Porträtfotografie verankern.

Arten von Porträts

Wie oftmals in der Fotografie gibt es in der Porträtfotografie je nach gesetztem Schwerpunkt Unterscheidungen. Ein paar seien hier exemplarisch benannt:

  • Das Familienporträt
  • Das Modeporträt
  • Das natürliche Porträt
  • Passfotos und Bewerbungsbilder (gehören formal auch dazu)

Echte Künstler transzendieren jedoch die klassischen Varianten in ganz neue künstlerische Richtungen, so wie beim Projekt Menu – wo Essen und Porträts thematisch eindrucksvoll miteinander verbunden worden sind. Mit diesem Projekt zeigen der Koch Robbie Postma und der Fotograf Robert Harrison, wie ein Gericht im Kopf eines Kochs entsteht.

© Robert Harrison

Fotograf und Modell – Die Chemie muss stimmen

So wie die Umgebung in der Landschaftsfotografie einen erheblichen Anteil dazu beiträgt, dass das Foto gelingt, ist das Modell für den Eindruck, den das Porträt hinterlässt, entscheidend. Denn die Technik kann noch so perfekt sein, das Foto an sich noch so makellos – wenn die Chemie zwischen Porträtierendem und Porträtiertem nicht stimmt, wird das Foto auch keine Persönlichkeit haben.

Also ist die Auswahl des Modells wichtig. Für den Anfang stammt das Modell wahrscheinlich aus dem Kreis der Familie, der Partner, Freunde oder zumindest Bekannten. Dass man sich kennt, hat für Einsteiger in die Porträtfotografie Vorteile.

Wichtig ist die Gewöhnung an die Kamera, gerade bei nicht professionellen Modellen. Der Porträtierte muss sich wohlfühlen. Eine ungezwungene Atmosphäre ist hier oftmals der Schlüssel zum Erfolg. Wichtig ist zudem die Kommunikation – beide Seiten sollten sich einbringen und ihre Wünsche formulieren aber auch sagen, was sie auf gar keinen Fall wollen. Und das gilt es auch zu respektieren. Zeitdruck und Stress gilt es beim Shooting auszuklammern.

Die Komposition des Porträts

Grundlegend unterscheidet man klassisch zwischen vier Perspektiven, die in Frage kommen und für die Bildkomposition klassisch sind:

  • Im Profil
  • Im Dreiviertelprofil
  • Im Halbprofil
  • Frontal

Je nach Ausprägung der Gesichtsmerkmale ist ein Berücksichtigen bei der Perspektivwahl empfehlenswert. Modelle, die bestimmte Merkmale wie zum Beispiel eine ausgeprägte Nase, Stirn et cetera nicht mögen, sollte der Fotograf so ablichten, dass diese nicht so auffallen. Außer bei anderslautenden Absprachen sollten Fotografen schon immer die Schokoladenseiten der Dargestellten in den Fokus nehmen.

Der Goldene Schnitt

Der Goldene Schnitt ist eine Art der Bildeinteilung, die für den Menschen bewusst oder unbewusst zu den ewigen Sehgewohnheiten zählt. Daher sind auch Porträtfotografen angehalten, zumindest am Anfang dieses Kompositionsmuster zu beachten.

Licht – Freund oder Feind

Die clevere Nutzung von Lichtverhältnissen kann bei einem Porträt den Unterschied zwischen Flop und Erfolg ausmachen. Draußen sollte man das natürliche Licht schlau zum eigenen Vorteil nutzen und auf die zusätzliche, künstliche Beleuchtung gegebenenfalls verzichten, falls dies möglich ist.

Ist das Shooting in einem Innenraum, sollten die Falten, Hautunebenheiten und Co des Porträtierten oder der Porträtierten zwar zu sehen sein, aber nicht zu überbetont werden – ein schmaler Grat. Denn einerseits will man die menschlichen Makel nicht wegretuschieren, die Gesichter aber auch nicht darauf reduzieren.

Bei Männern ist hierbei grundsätzlich mehr Schärfe erlaubt als bei Frauen. Denn Narben und Falten können bei Männern markanter wirken – Frauen hingegen wollen solche Dinge auf ihren Bildern oft nicht.

Die Brennweite als wichtiges Instrument

Für realistische Porträts empfiehlt sich eine Brennweite, die nicht unter 50 und nicht über 100 Millimetern liegt. Bei Kleinbildkameras kann man spannende Tricks probieren – so wird bei diesem Format über 70 mm eine Verschlankung erzeugt. Mit Fisheye-Objektiven bekommt man besonders bizarre Porträts – aber bitte nur nach Absprache mit den Modellen.

pixabay.com © simonwijers (CC0 Public Domain)

Den Bildern Individualität verleihen

Um den Bildern einen eigenen Stil zu verleihen, ist das Experimentieren oft der Schlüssel zum Erfolg. Denn formal einwandfreie Porträts gibt es wie Sand am Meer. Möchte man sich mit seinen Aufnahmen abheben und ihnen einen individuellen Touch geben so sind die Optionen dafür grenzenlos. Wichtig ist, dass beide Seiten dafür offen sind. So muss sich das Modell in der Umgebung, in der es abgelichtet wird, wohlfühlen.

Ein Porträt auf einem Stuhl lockt wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Auch das Fotografieren der Modelle vor der ehemaligen Fabrik, die bereits zahlreiche Hobbyfotografen für sich ausgewählt hatten, ist eine Option aber nicht unbedingt die beste. Kreativität ist gefragt und verlangt – schließlich ist der eigenen Vorstellungskraft kaum eine Grenze gesetzt.

Indem man die Blickrichtung des Modells ausgefallener gestaltet, kann man das Interesse der Betrachter verstärken. Schaut die fotografierte Person in die Ferne, wird das Bild spannender, wenn dazu noch ein mimischer Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen ist. Wohin blickt sie und warum? Warum löst das, was sie sieht, eine Emotion aus?

Manchmal ist es durchaus legitim, die Regeln der Komposition zu durchbrechen und einfach verschiedene Kompositionstypen auszuprobieren. Die Experimente sollten Fotografen dann anschließend auf positive und negative Aspekte anschauen – was könnte sich verbessern und welche Elemente tragen zu einer außergewöhnlichen Bildgestaltung, die dennoch trägt, bei?

Fazit

Sehenswerte Porträtfotos sind keine Selbstläufer – Übung macht bekanntlich den Meister. In der Fotografie lernt man nie aus. Die Chemie muss stimmen und man sollte für fotografische Experimente immer offen sein. Klare Vorstellungen auf beiden Seiten sind eine gute Grundlage für tolle Porträtaufnahmen.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2017

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