Wo das Ziel auf dem Weg liegt

Moritz Maler: Tempo Bildgalerie betrachten

Moritz Maler

Untersuchungen belegen, im Urlaub wird fotografiert was das Zeug hält. Selbst bei Kurzreisen sind es 1.000 Aufnahmen und mehr, die das Erlebte dauerhaft konservieren. Am weitesten verbreitet sind Aufnahmen vom Urlaubsort, die Reise selbst wird vielfach vernachlässigt, auch, wenn sie so unendlich reich an Motiven und Eindrücken ist.

Die Reise im ursprünglichen Sinne bezeichnet ein Fortkommen, einen Weg, auf dem der Reisende geht. Und zwar nicht den Weg, den der Urlauber im Sommer zweieinhalb Wochen lang zwischen Bett, Buffet, Pool und Abendunterhaltung zurücklegt. Reisefotografie der frühen Jahre zeigt Abenteurer, die in unbekannte Gegenden vorstoßen, unbekannte Menschen und Kulturen kennen lernen. Und noch heute wartet so manch Unbekanntes auf dem Weg in den Urlaub.

Eine Bahnfahrt beispielsweise bietet Motive en masse. Man muss sie nur fotografieren. Menschen auf dem Bahnsteig sind meist so beschäftigt, dass sie Fotografen gar nicht wahrnehmen. Eine ideale Gelegenheit, um mit einem leichten Teleobjektiv Charakterköpfe festzuhalten. Da muss nicht immer das Gesicht des Fotografierten auf dem Bild sein, es reichen Hinterköpfe, Mützen im Winter, Schuhe, Taschen. Von Vorteil ist in jedem Fall, wenn die Kameraautomatik abgeschaltet, per Hand eine höhere Empfindlichkeit an der Kamera gewählt (oder ein hochempfindlicher Film eingelegt wird) und nicht geblitzt wird. Entscheidet man sich für den Blitz, so kann das unbeobachtete Fotografieren schnell vorbei sein.

Auch an bewegten Motiven bietet ein Bahnhof eine reiche Auswahl. Bewegungen lassen sich ganz einfach mit längeren Belichtungszeiten im Bild festhalten. Dabei leistet ein Einbeinstativ wertvolle Dienste. So kann die Belichtungszeit beträchtlich verlängert werden, ohne dass die Aufnahmen verwackeln. Auch ein Bildstabilisator, egal ob in Kamera oder Objektiv untergebracht, hilft hier. Ein Dreibeinstativ bietet den Vorteil des sicheren Standes. An einigen Bahnhöfen werden sie jedoch als potenzielles Sicherheitsrisiko angesehen; der Fotograf muss damit rechnen, dass er des Bahnsteigs verwiesen wird.

Die Reise selbst, das Fortkommen, bietet viele Möglichkeiten für temporeiche Bilder. Am eindrucksvollsten erscheint die Geschwindigkeit im Photo, wenn sich der Vordergrund nicht bewegt, wenn der Reisende sitzt und vorm Fenster die Welt vorbeizieht und verwischt erscheint. Erzeugen lässt sich dieser Effekt mit einer entsprechend langen Belichtungszeit, die je nach Geschwindigkeit des Fahrzeugs ausfallen kann. Damit der Porträtierte im Wagen selbst scharf und ausreichend hell abgebildet wird, ist ein Blitz erforderlich. Mit diesem, gepaart mit langer Belichtungszeit, ergibt sich ein scharfes Hauptbild mit einem zweiten, durch Bewegungsunschärfe geprägten Bildteil.

Frontales Anblitzen führt meist nur zu langweilig belichteten Motiven. Außerdem droht der Blitz, sich in der Scheibe zu spiegeln. Wesentlich wirkungsvoller ist es, indirekt über die Decke zu blitzen. Außerdem sollte der Fotograf einen Standpunkt einnehmen, dass er nicht in der Scheibe zu sehen ist. Je heller es draußen ist, umso weniger spiegelt eine Fensterscheibe.
 

Fotografieren in der Praxis 04 / 2009

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