Extreme Nahaufnahmen - Nah, näher, am nahesten - Roter Mohn auf dem Balkon

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“Mohnblume”
Ronald Vedrilla

In jedem, der sich ernsthaft mit der Photographie befaßt, wird schon einmal der Wunsch erwacht sein, kleinen Dingen mit der Kamera ganz nah auf den Leib zu rücken, winzige Gegenstände groß abzubilden und dabei Details sichtbar zu machen, die das Auge normalerweise übersieht. Nicht jeder Kameratyp eignet sich aber in gleicher Weise für extreme Nahaufnahmen. Als ideal erweist sich die einäugige Spiegelreflexkamera, deren Sucher das Motiv stets genau in dem Bildausschnitt und in der Bildrichtung zeigt, wie es auch auf den Film kommt, gleichgültig, aus welchem Abstand man photographiert. Einfache Kameras mit Durchsichtssucher sind hier im Nachteil, selbst wenn bei Nahaufnahmen ein Parallaxenausgleich in Funktion tritt. Denn dieser sorgt lediglich dafür, daß der Bildausschnitt des Suchers im Bereich der eingestellten Entfernung weitgehend dem entspricht, was auf dem Film abgebildet wird. Das Motiv jedoch betrachtet man immer aus der etwas anderen Blickrichtung des Suchers und damit kommt es zu Verschiebungen.

Nahaufnahmen und Photos im Makrobereich sind also eine Domäne der Spiegelreflexkamera. Diese bietet den Vorteil des Auswechselns von Objektiven, so daß man gezielt die Brennweite einsetzen kann, die speziell für bestimmte Aufgaben entwickelt wurde. Schon die meisten Objektive mit der Normalbrennweite von 50 Millimetern lassen sich bis auf etwa 30 Zentimeter Abstand einstellen. Genügt das nicht, so helfen einfache Vorsatzlinsen, die Aufnahmedistanz weiter zu verringern. Damit die Bildqualität keine Einbußen erleidet, sollte relativ weit abgeblendet werden. Eine andere Möglichkeit, die Nahgrenze von Objektiven zu reduzieren, bieten Zwischenringe, die man zwischen Kamerakörper und Optik einfügt, so daß deren Auszug praktisch verlängert wird. Das führt allerdings zu einem gewissen Lichtverlust, den aber das TTL-Belichtungssystem moderner Kameras automatisch berücksichtigt. Auch eine Reihe von Zoomobjektiven verfügt heute über eine gesonderte Makroeinstellung, die es erlaubt, kleine Motive formatfüllend abzubilden. Am besten für die Photographie im Nahbereich eignen sich Makroobjektive. Sie sind speziell auf kurze Aufnahmedistanzen zugeschnitten und bringen hier ihre optimale Leistung. Außerdem ist ihr Auszug so großzügig bemessen, daß man sie ohne weitere Hilfsmittel auf relativ geringe Entfernung einstellen kann.

Für den extremen Nahbereich sind oft zusätzliche "Makro-Adapter" erhältlich, die alle erforderlichen Funktionen der Kamera auf das Objektiv übertragen und Abbildungsmaßstäbe bis 1:1 erlauben. Die Brennweiten solcher Spezialoptiken liegen um 50 bis 60 Millimeter, also im Normalbereich. Sie lassen sich auch gut als All-Round-Objektive verwenden. Weiterhin gibt es noch Makrooptiken längerer Brennweite, die immer dann gefragt sind, wenn man nicht zu dicht an das Motiv herangehen darf, etwa bei scheuen Insekten, denen man sich nur bis auf die Fluchtdistanz nähern kann. Bei Nahaufnahmen spielt noch ein spezielles Phänomen der optischen Abbildung eine wichtige Rolle: die Schärfentiefe. Sie hängt einerseits von der Blendenöffnung, andererseits von der Abbildungsgröße ab. Ist diese klein - also bei kurzer Brennweite und/oder großer Aufnahmedistanz - hat der Bereich der Schärfentiefe eine beachtliche Ausdehnung. Der umgekehrte Fall - lange Brennweite und/oder kurzer Motivabstand - führt zu großer Abbildung und damit zu geringer Schärfentiefe. Bei der praktischen Arbeit im Nahbereich verlangt das in den meisten Situationen eine kleine Blendenöffnung, um wenigstens auf diesem Weg zu einer annehmbaren Schärfentiefe zu gelangen. Denn was würde es nützen, wenn man bei der Ablichtung einer Blume nur den oberen Rand der Blüte oder bei einem Schmetterling lediglich einen Fühler im Schärfenbereich hätte? Um mit kleiner Blende zu photographieren, bedarf es entweder eines Filmmaterials hoher Empfindlichkeit oder einer längeren Belichtungszeit, und diese wiederum verlangt ein Stativ, damit die Aufnahme nicht verwackelt. Vielfach ist der Einsatz eines solchen Dreibeins bei Nahaufnahmen ohnehin von großem Nutzen, da man den Bildausschnitt korrekt festlegen und die Schärfentiefe genau ausloten kann. Die meisten Spiegelreflexkameras haben dafür eine spezielle Taste, über die sich die Springblende auf den vorgewählten Wert schließen läßt. Wer mit Stativ arbeitet, kann also auch längere Verschlußzeiten in Kauf nehmen, vorausgesetzt, das Motiv hält wirklich still. Bei Aufnahmen von Blumen beispielsweise kann schon ein leichter Lufthauch, bei zu langer Belichtung, die Aufnahme verderben. Geduld ist hier eine wichtige Voraussetzung. Bisweilen muß man mit dem Auslösen warten, bis ein Moment der Windstille eintritt. Geht es hingegen darum, statische Motive wie Briefmarken, Münzen, Schmuckstücke oder Zinnsoldaten groß auf den Film zu bekommen, gibt es keine Probleme. Wer sich erst einmal mit Nahaufnahmen befaßt, wird bald feststellen, daß er ein faszinierendes Gebiet der Photographie betreten hat.
 

Fotografieren in der Praxis 10 / 2004

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