Sternstunden der Photographie

Der Komet Hale-Bopp in der Morgendämmerung über einer Kapelle Bildgalerie betrachten

“Der Komet Hale-Bopp in der Morgendämmerung über einer Kapelle”
Stefan Zaruba

"Gut Licht!" ist das "Waidmanns Heil" der Photographen. Ohne die richtige Dosis Licht auf dem Chip der Digitalkamera oder den Kristallen des Films läuft gar nichts. Moderne Spiegelreflexsysteme meistern noch in praller Sonne Belichtungszeiten von einer Achttausendstelsekunde - und kürzer. Doch gerade in tiefster Nacht schlägt die Sternstunde der Photographie. Am sternklaren Himmel kann die Kamera astronomische Objekte sichtbar machen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben.

Probiert haben es schon viele. Kaum ein Naturereignis ist im letzten Jahrzehnt so mit Spannung verfolgt worden wie das Auftauchen des Jahrhundert-Kometen Hale-Bopp. Und nur wenige andere wurden so häufig photographiert. Mit unterschiedlichen Resultaten. Hier die brillanten, farbkräftigen Bilder, dort die scheinbar unbelichteten verschwommenen Aufnahmen all derer, die einfach nur mal draufgehalten haben. Bei letzteren ist der Verdruß dementsprechend groß. Dem muß nicht so sein. Mit der entsprechenden Technik und etwas Übung gelingen bereits nach den ersten Versuchen reizvolle Astro-Aufnahmen.

Zur Technik: Die Kamera muß entweder Belichtungszeiten im Bereich mehrerer Sekunden bieten oder über die "B"-Einstellung frei wählbare, lange Belichtungszeiten. Auch die Schärfe sollte sich von Hand auf unendlich einstellen lassen. Wechselobjektive für digitale oder analoge Spiegelreflexkameras sind hier deutlich von Vorteil. Für den ersten Versuch benötigt man keinen Kometen - der nächste läßt ohnehin auf sich warten -, sondern einfach einen klaren Sternenhimmel abseits der Lichter der Großstadt. Der Photograph, der sich im Idealfall schon ein wenig am Himmel auskennt, sucht sich ein Sternbild seiner Wahl; der bekannte Große Wagen und die Kassiopeia, wegen ihrer Form auch Himmels-W genannt, bieten sich aus mehreren Gründen an. Beide Sternbilder sind das ganze Jahr über zu sehen, leicht zu finden und so groß, daß sie mit einem Normalobjektiv - etwa 50 Millimeter im Kleinbildbereich als Festbrennweite oder mit einem Standard-Zoom - ganz erfaßt werden können.

Photographiert wird wegen der langen Zeiten nicht aus der Hand. Die Kamera richtet man am besten auf einem Stativ auf das Sternbild aus. Im Notfall kann man sie auch einfach auf die Rückseite mit dem Objektiv nach oben auf den Tisch oder das Autodach legen und mit einer einfachen Stütze in den richtigen Winkel bringen. Außerdem muß man alle Automatiken, ob für die Belichtung oder den Autofokus, abschalten. Dann wird die Blende am Objektiv voll geöffnet und die Entfernung auf unendlich bzw. maximal eingestellt. Bietet die Kamera lange Standard-Belichtungszeiten, so photographiert man nun nacheinander das Sternbild mit beispielsweise vier, acht, 15 und 30 Sekunden. In der Einstellung "B" werden diese Zeiten manuell "gesteuert": Man drückt den Auslöser und zählt die Sekunden ab, bis man wieder losläßt. Um Verwacklungen zu vermeiden, sollte dabei im Idealfall ein Drahtauslöser (für elektronische Kameras: "Fernauslösekabel") zum Einsatz kommen.

Im Prinzip funktioniert so die gesamte Astrophotographie, auch an wissenschaftlichen Observatorien. Digital-Chips oder der Film können - anders als das Auge - über einen längeren Zeitraum regelrecht die aus dem All einfallenden Photonen aufsammeln. Mit dieser einfachen Technik sollten mit einem einigermaßen lichtstarken Objektiv (größte Blende: 2,0 oder 2,8) auf einem 400er Film mit zehn Sekunden Belichtungszeit alle Sterne abgebildet sein, die man mit bloßem Auge sehen kann. Längere Belichtungszeiten, noch empfindlichere Filme bzw. Digitalchips und noch lichtstärkere Optiken machen noch mehr kleine Sonnen oder gar das zarte Band der Milchstraße und bunte Gasnebel wie aus Science-Fiction-Filmen sichtbar.

Zur Aufnahme:
Das Bild wurde mit einem 35-Millimeter-Objektiv bei Blende 2,0 etwa 10 Sekunden lang auf hochempfindlichen Diafilm belichtet. Über dem Kometen steht das Sternbild Kassiopeia ("Himmels-W"), das an den flachgedrückten Buchstaben W erinnert. Kassiopeia ist für Normal- und leichte Telebrennweiten ein schöner Einstieg in die Astrophotographie und das ganze Jahr über am Himmel zu finden.
 

Fotografieren in der Praxis 11 / 2004

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