Fototipp: Beschlagene Kamera - den Durchblick behalten

Wer kennt es nicht – Man betritt ein Gewächshaus mit hoher Luftfeuchtigkeit und ruckzuck setzt sich Luftfeuchtigkeit auf der Kamera ab und das Frontglas des Objektivs ist beschlagen. Genauso verhält es sich, wenn man im Urlaub in Gegenden mit hoher Luftfeuchtigkeit unterwegs ist und das gekühlte klimatisierte Fahrzeug zum Fotografieren verlässt. Immer dann, wenn ein kalter Gegenstand wie die Kamera in eine wärmere und feuchte Umgebung gelangt, kühlt die Luft an der Oberfläche ab. Die kalte Luft kann den Wasserdampf nicht mehr aufnehmen und es scheiden sich Wassertröpfchen an dem kalten Gegenstand ab. An der Kamera behindert einen dies nicht unmittelbar – anders verhält es sich, wenn das Frontglas des Objektivs beschlägt oder wenn die Feuchtigkeit gar in das Innere des Objektivs gelangt. Wird jetzt fotografiert so fehlt es den Aufnahmen an Brillanz – sie sind milchig. Mit ein paar Tricks behält man den Durchblick.

© Constanze Clauß

Physikalischer und chemischer Hintergrund

In der Atmosphäre ist neben den Gasen Stickstoff und Sauerstoff auch immer Wasserdampf enthalten, also Wasser in gasförmiger Form. Die Aufnahmefähigkeit von Wasser in der Luft ist begrenzt. Ist zu viel Wasser enthalten, scheidet es sich in Form von kleinen Tröpfchen aus. Es entstehen Nebel oder Wolken. Ursache ist die Abhängigkeit der Wasserdampfaufnahmefähigkeit von der Lufttemperatur. In kalter Luft kann nur wenig Wasserdampf aufgenommen werden. In einem Kubikmeter Luft sind es bei 10°C nur 9,52 g, dagegen können bei 40°C bereits 55 g Wasser aufgenommen werden.

© Constanze Clauß

Was bedeutet das in der Praxis?

Immer dann, wenn ein kalter Gegenstand in wärmere und feuchte Luft gebracht wird, kühlt die Luft an seiner Oberfläche ab, die kalte Luft kann den Wasserdampf nicht mehr aufnehmen und es scheiden sich Wassertröpfchen an dem kalten Gegenstand ab! In welchen Situationen kann das dem Fotografen Probleme bereiten? Entweder kommt man bei kalten Außentemperaturen in warme Innenräume oder man ist in feucht-warmen Klimazonen und geht aus klimatisierten, kalten Räumen oder Fahrzeugen ins Freie.

Worauf hat der Fotograf zu achten?

Besitzt man ein abgedichtetes Kameragehäuse mit abgedichtetem Objektiv ist das nicht besonders tragisch. Lediglich der Beschlag, vor allem an der Vorderlinse des Objektivs und dem Sucher, trübt den Blick. Kreative mögen sich an der extremen Weichzeichnung der Bilder erfreuen, aber für scharfe Bilder ist es notwendig, mit einem weichen Mikrofasertuch die Vorderlinse zu trocknen. Der Vorgang muss eventuell öfters wiederholt werden, bis sich die Frontlinse erwärmt hat. Ist ein Fön zur Hand kann man diesen aus sicherer Entfernung zum Erwärmen und Trocknen einsetzen. In manchen Tropenhäusern hängen oft Föns im Eingangsbereich, denn auch der Brillenträger ist von dem Effekt betroffen. In keinem Fall sollte die Feuchtigkeit auf der Vorderlinse des Objektivs mit einem Papiertaschentuch entfernt werden. Dieses enthält kleinste Holzpartikel die das Objektivglas zerkratzen können. Auch Kleidungsstücke wie das T-Shirt, das man gerade trägt, sind nicht dafür prädestiniert, die Feuchtigkeit von der Objektiv-Frontlinse zu entfernen. Waschmittelrückstände und Schweißpartikel (Körperschuppen) verschmutzen die Optik und welcher Fotograf wünscht sich das.

Immer mit ausgefahrenem Tubus vom Kalten ins Warme

Nur wenn es sich um Festbrennweiten mit Innenfokussierung handelt, gelangt keine Feuchtigkeit in das Innere des Objektivs. Bei Zoomobjektiven muss dazu auch noch ein Innenzoom kommen, um mögliche Probleme zu vermeiden. Aber selbst bei Standardzooms findet man diese Kombination heute relativ selten. Bei den beliebten Reisezooms mit extremen Brennweitenbereich findet man Innenzooms überhaupt nicht, da diese Zooms dann konstruktionsbedingt sehr lang wären. Etliche Zooms sind zwar spritzwassergeschützt, aber beim Ausfahren des Tubus vergrößert sich das Innenvolumen und die feuchte Luft wird in das kalte Gehäuse sowie Objektiv eingesaugt und erst im kalten Inneren bilden sich dann die Wassertröpfchen und beschlagen die Linsen nun zusätzlich von der Innenseite. Und dann hat man vor allem in den Tropen ein Problem. Das nun im Inneren kondensierte Wasser braucht relativ lange, um wieder zu verdunsten, was zu Schimmelbildung (Fungus) führen kann und im ungünstigen Fall auch die Elektronik beschädigt.

Deshalb gilt: Grundsätzlich immer mit ausgefahrenem Tubus vom Kalten ins Warme. Beim Fokussieren ist auch ohne Innenfokussierung die Veränderung der Objektivlänge relativ gering, trotzdem sollte man vorsichtshalber mit dem Objektiv in Naheinstellung ins Feuchtwarme wechseln. Bei Makroobjektiven mit ihrem langen Auszug auf jeden Fall!

Erst wenn sich Kamera und Gehäuse auf Umgebungstemperatur erwärmt haben, kann bedenkenlos fokussiert und gezoomt werden. Das gilt insbesondere auch für Kompaktkameras ohne Wechselobjektiv, bei denen im ausgeschalteten Zustand das Objektiv komplett eingefahren ist. Hier gilt, die Kamera erst einschalten, wenn sie akklimatisiert ist.

Vorbeugen

Am besten bewahrt man die Kamera bei Nichtgebrauch in einem luftdicht verschlossenen Plastikbeutel auf und vermeidet starke Temperaturwechsel. Wichtig dabei ist, dass man die Kamera in kalter und trockener Umgebung einpackt. Ein Vorrat an für den Transport natürlich luftdicht verpacktem Silicagel als Trocknungsmittel für den Fall der Fälle ist empfehlenswert.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2017

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden