Betrachtungsweise

Bäume im Nebel Bildgalerie betrachten Blende ,“Bäume im Nebel”
Helmut Anger

Gute, ja sehenswerte Photos, das ist das Ziel eines jeden, der den Kameraauslöser betätigt. Was aber ist ein sehenswertes oder gar ein gutes Photo? Das ist eine Frage, die bereits unzählige Diskussionen ausgelöst hat. Für den Photographen Henri Cartier-Bresson ist ein gutes Photo eine Photographie, auf die man länger als eine Sekunde schaut. Dieser Aussage kann nur zugestimmt werden, bringt sie doch zum Ausdruck, dass der Betrachter in ihren Bann gezogen werden soll. Ein Anspruch darauf, dass die Photographie auch gefällt, kann und darf damit nicht assoziiert werden, denn das ist Geschmacksache. Zustimmen wird man auch der Aussage, dass die Qualität einer Photographie nicht allein vom Motiv abhängt, sondern vor allem von der gestalterischen und handwerklichen Qualität des Photographen. Dieser kann den althergebrachten Regeln der Bildgestaltung folgen oder sie bewusst brechen. Der Photograph hat es in der Hand, mehr aus seinem Motiv zu machen, das ist entscheidend.

Wenn den Betrachter ein Bild sozusagen kalt lässt, dann liegt dies nicht zwangsläufig am Motiv, sondern eventuell an seiner Darbietung - dies hat die Photographie mit anderen Arten der bildlichen Darstellung, mit Graphik und Malerei etwa, gemeinsam. Entscheidend ist es, Punkte, Linien, Flächen und Kontraste im Bild so zu platzieren, dass Aussagewert, aber auch die Aufmerksamkeit des Betrachters erhöht werden. Hilfreich ist es, auf die Bestandteile in ihrer abstrakten Form zurückzugehen. Die einzelnen künstlerischen Mittel treten übrigens in einer Photographie selten alleine auf - erst viele Einzelkomponenten ergeben zusammen die formale Aussage.

Der Photograph sollte sich die Betrachtungsweise von Photographien zu Nutze machen. Beim Abtasten eines Bildes geht das Auge in der Regel von links nach rechts sowie von links oben nach rechts unten. Ebenso wie beim Lesen beginnt man also bei der Betrachtung einer Photographie in der linken oberen Ecke. Wenn das Auge durch dunkle Partien am normalen beziehungsweise gewohnten Eintritt in die Bildfläche gehindert wird, entsteht ein überraschender und fremdartiger Eindruck, wodurch der Betrachter in den Bann gezogen werden kann. Der Photograph hat zudem die Option, seinem Motiv durch den Lichtgang mehr Intensität zu verleihen, oder sogar eine Aufnahme zu erzielen, die mit der Realität nichts gemein hat. So ergibt sich bei der nebenstehenden Aufnahme „Bäume im Nebel“ vom „Blende“-Autor Helmut Anger durch die dunklen Partien am oberen und unteren Bildrand sowie durch das in der Bildmitte strahlende Licht, eine Stimmung, die fast schon unwirklich erscheint. Je nach Motiv kann dieser Eindruck bis ins Unheimliche gesteigert werden.

In der Photographie kommt es also auf das Auge an, denn die Kamera mit all ihren Features, ob analog oder digital, ist nur Mittel zum Zweck. Was zählt, ist die Intensität, mit der das Erlebte in die Photographie gelegt wird, und da spielt die Bildgestaltung schon eine gewichtige Rolle. Übung macht bekanntlich den Meister und Glück hat nur der Tüchtige, so auch in der Photographie. Es gibt durchaus Momente, wo alles handwerkliche Geschick nichts nützt und der Photograph unendlich hart mit sich und gegebenenfalls mit seinem Motiv kämpfen muss, um noch ein akzeptables Bild zu erheischen. Fortune und Hartnäckigkeit stehen dementsprechend gleichermaßen hinter vielen guten Bildern. Wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen und sich immer wieder den Begebenheiten zu stellen. Wer unsicher ist, der sollte immer wieder mit der Perspektive spielen, denn mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für den wirkungsvollsten Bildaufbau.
 

Fotografieren in der Praxis 11 / 2006

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