Ungewöhnliche Perspektive

Ungewöhnliche Perspektive Bildgalerie betrachten Andreas Gugau

Faustregeln gibt es in der Photographie unendlich viele. Etliche Photobücher haben nur die Bildgestaltung zum Thema, geben zahlreiche Ratschläge, was eine "gute Aufnahme" ausmacht. Zunächst muß natürlich die Frage gestellt werden, was eine "gute Aufnahme" auszeichnet. Eine übereinstimmende Antwort gibt es nicht. In der Photographie ist es wie in der Malerei oder Architektur: Was dem einen gefällt, ist für den anderen nichtssagend und uninteressant. Kommen wir zurück zum Bildaufbau. Für viele ist beispielsweise der Goldene Schnitt einfach ein Muß. Der Hobbyknipser und Kinder sowie Jugendliche setzen sich damit nicht groß auseinander. Das ist auch gut so. Sie drücken auf den Auslöser, ganz unbefangen - das erinnert fast an Lomographie, die bekanntlich ihre Reize hat. Gerade die scheinbar verrücktesten Einfälle beziehungsweise die "Verletzung" der photographischen Regeln führen oft zu den besten Bildern.

In der Landschaftsphotographie wird das Querformat bevorzugt. In Photobüchern ist ganz klar definiert, wie die Verteilung von Himmel und Erde sein sollte, damit die Aufnahme wirkt. Warum sollte man sich dieser Regel nicht einmal widersetzen und das Hochformat wählen, auf dem der Himmel das bildbestimmende Motiv ist. Oder nehmen wir das Portrait. Es braucht nicht unbedingt dem konventionellen Anspruch genügen, daß die abgebildete Person in ihrer Schönheit erkennbar ist. Wie wäre es, wenn nur Nase und Mund auf dem Bild zu sehen sind? Auch das Photographieren eines Gesichtes von unten ist nicht angesagt. Dies sollte man aber auch nicht verallgemeinern, denn wenn das Licht seitlich auf das Gesicht fällt, die Haare optimal beleuchtet und der blaue Himmel als ruhiger Hintergrund eingesetzt wird, kann sich durchaus ein ganz außergewöhnliches Portrait ergeben. Und noch ein Beispiel: Das bildbestimmende Objekt wird in der Regel formatfüllend in Szene gesetzt. Wie wäre es einmal, es zur Nebensache zu degradieren und dadurch die Aufmerksamkeit subtil darauf zu lenken?

Natürlich sollte man nicht alle Regeln der Photographie auf den Kopf stellen. Aus dem Bild auslaufendes Wasser - weil die Kamera nicht gerade gehalten wurde - wird sicherlich niemanden beeindrucken. Auch unter- und überbelichtete oder verwackelte Aufnahmen werden nicht überzeugen. Wer sich jedoch darüber bewußt ist, daß Überraschungen eines der reizvollsten Merkmale der Photographie sind, dem werden trotz Regelverletzungen unwiederbringliche Aufnahmen gelingen.
 

Fotografieren in der Praxis 11 / 2004

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