Bilder - Eine Brücke zwischen dem dort und hier

Fotografien die Farbe zu entziehen ist ein probates Mittel zur Steigerung der Bildaussage. Simone Bauer, Teilnehmerin von „Blende 2017“, hat sich dieses Stilmittels bei ihrem Wettbewerbsbeitrag „Müllrecycling“ bedient. „In schwarz/weiß habe ich das Bild umgewandelt, um die Bildaussage hervor zu heben. Da der Müll und die Kleidung der Arbeiter ebenfalls bunt war, wirkt es in Schwarzweiß ruhiger und man konzentriert sich mehr auf die Bildaussage und wird nicht von dem farbigen Drumherum abgelenkt.“ so die Fotoamateurin Simone Bauer. Der Betrachter wird durch den gewählten niedrigen Kamerastandpunkt durch die Aufnahme geführt, wodurch diese für ihn noch mehr zum Blickfang wird. Dieser wird verstärkt, weil es Simone Bauer perfekt versteht, eine Geschichte mit ihrem Wettbewerbsbeitrag zu erzählen, die uns hinschauen lässt. Wir haben bei ihr nachgefragt, um noch mehr über die Geschichte hinter der Aufnahme „Müllrecycling“ in Erfahrung zu bringen.

© Fotograf: Simone Bauer, Müllrecycling, Blende-Fotowettbewerb
Simone Bauer, Müllrecycling, Blende-Fotowettbewerb
Aufgenommen wurde der Wettbewerbsbeitrag mit einer Canon 5 D Mark III und dem Objektiv 24-70 f/4L IS USM mit 1/1.000 Sek, Blende 5,0, ISO 160.

Simone Bauer zu ihrem Wettbewerbsbeitrag

Das Bild entstand im Januar 2017 währen meines Aufenthaltes in Bangladesh. Es zeigt Arbeiter einer Familie die im Norden des Landes den Müll auf verwertbare Materialien wie Plastik, Metall und ähnliches durchsuchen. Diese Rohstoffe werden beiseitegelegt und der restliche Müll – überwiegen organischer Art – wird in Plastiksäcke geladen und dann an den Rand der Halde gezogen, wo er entweder verrottet oder verbrannt wird. Das Bild zeigt den “Abtransport” des nicht verwertbaren Mülls.

Seit vielen Jahren bereise ich Asien und Afrika. Vor 10 Jahren besuchte ich – zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern – das erste Mal in Phnom Penh (Kambodscha) eine Müllhalde über die ich zuvor einen Fernsehbericht gehen hatte. Zu dieser Müllhalde gehörte eine Schule für die Müllkinder. Diese haben wir besucht und dann die Kinder vor Ort mit Kleidung, Lebensmittel, Schulbücher, Schulzubehör für alle Kinder uws. unterstützt. Nicht nur meine Kinder, sondern vor allem auch ich habe durch diese Besuche eine ganz anderen Lebenseinstellung bekommen. Wenn man Slums nicht nur von außen betrachtet, sondern sich mit den Leuten dort identifiziert und Zeit mit ihnen verbringt, kann man auch für sich selbst einiges an Erfahrung mitnehmen.

Außenstehend betrachtet sind sie bettelarm, aber sie haben so vieles an was es uns “reichen” Staaten mangelt: Lebensfreude trotz ihrer widrigen Lebensumstände, Hilfsbereitschaft, Freunde, Zusammenhalt und die Gabe, mit dem wenigen was sie haben, zufrieden zu sein. Vor allem die Kinder sehen glücklicher aus als bei uns! Sie lachen und haben immer Freunde zum Spielen. Das ist etwas, was in unserer Wohlstandsgesellschaft immer mehr verloren geht. Da hat jeder alles und sitzt einsam mit seinem Handy daheim und ist trotzdem mit nichts zufrieden!

Seither tun wir dies mehrmals pro Jahr – immer vor Ort. So kann man sicher sein, dass die Hilfe da ankommt, wo sie auch gebraucht wird. Es geht kein Geld für Werbung oder Verwaltung verloren. Im Laufe der Zeit habe ich dann in Indien Sozialarbeiter und verschiedene Hilfsorganisationen kennengelernt, die ich regelmäßig vor Ort besuche. Hier gehörten vor allem die Slums von Kalkutta dazu. Seit Jahren unterstütze ich nun diverse Hilfsorganisationen in Indien, Namibia und nun auch in Bangladesh. Mit deutscher Hilfe können somit Schulen, Krankenstationen, Daycare Cententer und vieles mehr errichtet werden.

Auch, wenn viele meiner Kollegen und Freunde nicht verstehen können, weshalb ich immer wieder in diese Länder reise und dort keinen Urlaub im üblichen Sinne verbringe, kann ich für mich sagen, dass ich bei jeder Reise viele, viele Kilo’s Zufriedenheit und Gelassenheit mit nach Hause bringe. Erst dort lernt man, dass es viel Wichtigeres gibt als geputzte Fensterscheiben, staubfreie Wohnungen und blank geputzte Fliesen! So habe ich die Worte “Lebe jetzt” zu meinem Motto erklärt. Das Kinderlachen, die Offenherzigkeit dieser Menschen sowie die Aufgeschlossenheit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft dieser Menschen fasziniert mich immer wieder auf’s neue. Davon könnte sich unsere Wohlstandsgesellschaft gerne mal eine Scheibe abschneiden.

Ich dokumentiere mit meinen Bildern die Lebensumstände vor Ort, aber auch das, was mit deutscher Hilfe erreicht wurde. So gibt es bei jeder Reise auch Bilder z.B. der Patienten, die mit unserer Hilfe operiert werden konnten, von Kindergärten, Nähstationen und Schulen.

Für mich sind die Bilder eine Brücke zwischen dem dort und hier. Sie helfen den Menschen bei uns zu verstehen, wie es in anderen Ländern aussieht und unter welchen Umständen die Leute dort leben und arbeiten. Etwas erzählt zu bekommen ist eine Sache, das Ganze aber auf Bildern zu sehen, von denen man weiß, dass Freunde oder Kollegen selbst vor Ort waren, ist eine andere Sache. So konnten auch immer wieder Spenden von Freunden und Kollegen akquiriert werden, die dann 1:1 wieder den Leuten dort zu gute kommen.

Fotografieren in der Praxis 11 / 2017

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden