Der große Wurf - Camera Tossing - Eine neue photographische Technik

Mit der Kamera malen... Bildgalerie betrachten Mit der Kamera malen…, Walter Pilsak

In der Photowelt trifft man verstärkt auf den Begriff Camera Tossing, eine neue photographische Technik, bei der man die Kamera in die Luft wirft und dann wieder auffängt. Erfunden wurde „der große Wurf“ von Ryan Gallagher, der sich über seine Kamera ärgerte, sie kurzerhand in die Luft beförderte. Herausgekommen sind bizarre Photographien, die das Motiv in einem anderen Licht erscheinen lassen. Verbunden ist Camera Tossing natürlich mit einem gewissen Nervenkitzel, denn jeder Schnappschuss könnte der letzte sein, wenn man es verpasst, die Kamera wieder aufzufangen, nachdem sie, um die eigene Achse rotierend, ein neues Streifenmuster aus Licht eingefangen hat.

Camera Tossing funktioniert mit jeder Kamera, die mit einem Selbstauslöser ausgestattet ist. Sicherlich werden sich Kamerabesitzer, die über ein Modell im Wert von mehreren Hundert oder gar Tausend Euro verfügen, in Zurückhaltung üben, da sie den Defekt ihrer Ausrüstung befürchten. Kleine Kameras sind für das Camera Tossing am besten geeignet. Zu achten ist auf die Bauteile, wie beispielsweise das Objektiv, das aus der Kamera ragt. Es gilt die Kamera so aufzufangen, dass die Optik keinen Schaden erleidet. Zwei Designer aus Dänemark haben kürzlich eine spezielle Kamera für das Camera Tossing entwickelt. In Serienproduktion ist der Prototyp nach derzeitigen Informationen noch nicht gegangen, denn es fehlen die Investoren, die das Geld für die Produktion und Markteinführung zur Verfügung stellen.

Wie immer in der Photographie geht es auch beim Camera Tossing zunächst um die Motivsuche. Oftmals werden Sujets der Natur gewählt, was sicherlich damit zusammenhängt, dass man hier am wenigsten seine Mitmenschen durch eine umherfliegende Kamera gefährdet. Ist das Motiv der Begierde gefunden, gilt es den Selbstauslöser zu drücken, die Kamera rotierend in die Höhe zu werfen und natürlich auch wieder aufzufangen, damit sie keinen Schaden erleidet. Beim Camera Tossing geht es um eine gezielte Wurftechnik - wobei nicht die Höhe entscheidend ist, sondern eher die Rotation der Kamera. Aufnahmen bei Tageslicht wirken teilweise psychedelisch. Sie zeigen einen Blick auf die Welt, wie man ihn ansonsten nicht zu sehen bekommt. Die unvermeidliche Bewegung der Kamera im Moment der Aufnahme erzeugt eine bizarre Unschärfe, die selbst ein Bildbearbeitungsprofi kaum besser zaubern könnte. Aber auch Aufnahmen vor bunter Neonreklame in der Nacht begeistern, ergeben sich doch phantastische Lichtkurven, die den Betrachter verzaubern. Den Blitz gilt es auszuschalten, denn es ist nahezu unmöglich eine Kamera aufzufangen, von der man gerade geblendet wurde.

Aufnahmen, die mittels der gekonnten Wurftechnik entstehen, sind meist abstrakt - darin liegt ihr besonderer Reiz. Ein hohes Maß an Spannung wird darüber hinaus dadurch erzeugt, dass der Photograph - oder in diesem Fall auch Kamerawerfer - nicht vorhersehen kann, wie sein Motiv abgelichtet wird. Durch die spezielle Wirkung der Aufnahmen eignen sie sich in exzellenter Weise für Vergrößerungen, um Wände zu schmücken. Sie sind ein Blickfang par excellence.

Der „Erfinder“ des Camera Tossings, Ryan Gallagher, betreibt eigens einen Blog zum Thema Camera Tossing unter www.cameratoss.blogspot.com/ und kennt etliche Gleichgesinnte, die regelmäßig ihre neuesten rotierenden Luftaufnahmen auf www.flickr.com posten. Der Hobbyphotograph Walter Pilsak, der im Bereich „photokina PictureStories“ auf unserer Homepage die Bildgeschichten „Erinnerungen an Kindertage“ und „Mit der Kamera malen“ bei „Impressionen“ eingestellt hat und die Hobbyphotographen Doris Meier (Alltägliches) und Klaus Oberstein (Phototricks), setzten ihre Kamera nur einer Drehbewegung aus und vermeidet den Wurf. Die Bildserien stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass man nicht unbedingt das Risiko des Kamerawurfs eingehen muß, um seine Motive in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.
 

Fotografieren in der Praxis 06 / 2006

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