Über Kreuz zu mehr Farbe - Cross-Entwicklung

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“Cross-Entwicklung”
Moritz Maler

Die photographischen Möglichkeiten sind heute nahezu grenzenlos und selbst „kleine Unfälle“ beziehungsweise Unachtsamkeiten bei der Filmentwicklung können zu bemerkenswerten Entdeckungen führen, die beabsichtigt wieder herbeigeführt werden, weil das Ergebnis einen nicht wieder losläßt. Die Rede ist von Cross-Entwicklung.

Cross-Entwicklung bedeutet so viel wie „über Kreuz entwickeln“. Der Diafilm, der normalerweise im Farbumkehrprozeß entwickelt wird (beispielsweise E-6-Prozeß), wird beim Crossen wie ein handelsüblicher Farbnegativfilm behandelt (C-41-Prozeß). Es wird also kein fehlerhafter Entwicklungsprozeß eingesetzt, sondern schlicht ein Falscher. Dadurch ergibt sich ein Bild mit klarem Träger, ohne die sonst übliche orangefarbige Maske. Gleichzeitig erhält das Bild eine sehr steile Gradation. Das heißt, Mitteltöne gehen teilweise verloren oder werden nur stark abgeschwächt dargestellt, dunkle und helle Bereiche dominieren das Photo. Außerdem tritt das Bildkorn stärker hervor, leichte Unschärfe kommt auf. Fertigt man von diesem falsch entwickelten Diafilm Abzüge an, so wirken diese knallig, bunt und unwirklich. Komplette Falschfarben erhält man, wenn das klare Dia einfach als Dia-Positiv weiterverarbeitet wird, man es also projiziert oder davon einen Abzug anfertigt. Unterzieht man Farbnegativfilme der Cross-Entwicklung, das heißt sie werden im Farbumkehrprozeß beispielsweise E-6 entwickelt, so ist die Wirkung weniger beeindruckend, da man lediglich ein Positiv mit orangefarbigem Schleier erhält.

Kommt die Cross-Entwicklung als Stilmittel beabsichtigt zum Einsatz, so ist auf die Belichtung zu achten. Hier hat man zwei Optionen. Korrekt belichtete Aufnahmen erhält man, wenn während der Aufnahme um eine bis drei Stufen überbelichtet wird. Um wie viele Stufen genau ein Film überbelichtet werden muß, um ein brauchbares Ergebnis zu erhalten, läßt sich nicht exakt abschätzen, da jede Filmsorte anders auf die Cross-Entwicklung reagiert. Aus diesem Grund empfiehlt sich eine Belichtungsreihe. Alternativ kann auch die so genannte Push-Entwicklung zum Einsatz kommen, bei der der Film forciert entwickelt und so in der Empfindlichkeit entsprechend gesteigert wird. Allerdings wird bei der Push-Entwicklung das Korn zusätzlich verstärkt. Dies kann zwar als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, läßt sich aber durch eine reichlichere Belichtung etwas umgehen.

Bei der Abgabe des Films im Labor muß in jedem Fall darauf hingewiesen werden, daß er falsch entwickelt werden soll. Im Fachlabor reicht es, das bei der Abgabe zu sagen. Geht der Film jedoch in ein Großlabor, sollte der Photograph dafür sorgen, daß im Labor niemand mehr den eigentlich richtigen Filmtypen erkennen kann. Recht einfach geht das, wenn man die Filmpatrone mit einem Aufkleber komplett überklebt und auf diesen groß und gut sichtbar den gewünschten Prozeßtyp schreibt. Soll ein Diafilm also im Farbnegativ-Prozeß entwickelt werden, schreibt man groß C-41 auf den Aufkleber. Der C-41-Prozeß ist standardisiert und bedarf so keiner weiteren Beschreibung. Da die Ergebnisse der Cross-Entwicklung nur schwer vorhersehbar sind, ist ein solches Experiment der richtige Zeitpunkt, um abgelaufene Filme nochmals einzusetzen, denn schließlich kommt es beim Crossen nicht auf Farbtreue an.
 

Fotografieren in der Praxis 04 / 2006

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2 Kommentare

Danke für den tollen Artikel. Eigentlich bin ich eher der C-41 Schwarz/Weiß Fan, da mir schnöde Farbbilder nie so zusagten aber einen film so zu "überreden" kreativ zu werden ist mal was tolles. Kurzerhand habe ich mir einen Agfa Umkehrfilm bestellt und werde den mal durch meine Minoltas jagen. Die Fachleute in meinem Fotogeschäft waren zwar eher skeptisch aber warum sollte man nicht mal etwas neues ausprobieren.

von Andreas Döll
09. Januar 2014, 16:57:49 Uhr

der ARTIKEL WAR SEHR HILFREICH ! VIELEN DANK

von Harald Lange
31. Oktober 2013, 12:34:35 Uhr

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