Das gewisse Etwas - Aus der Masse herausstechen

© Fotograf: Mikhail Kapychka, Dunst, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Mikhail Kapychka, Dunst, Blende-Fotowettbewerb
Fotografieren kann heute jeder. Wir kennen niemanden, der nicht fotografiert. Nach einer Studie von Infotrend werden für 2016 weltweit 1,138 Billionen weitere, von Konsumenten festgehaltene Fotos erwartet. Das lässt die Bilderberge, nicht nur die persönlichen sondern auch die in den sozialen Netzwerken weiter anschwellen. Nach einer Statistik von Brandwatch werden rund um den Globus täglich 350 Millionen Fotos auf Facebook, 95 Millionen auf Instagram, 400 Millionen bei Snapchat und 1,6 Milliarden über WhatsApp hochgeladen/verschickt. Das sind Dimensionen, die zum einen aufzeigen, in welche Dimensionen die Bilderwelt vorgedrungen ist. Auf der anderen Seite stehen die Zahlen auch dafür, dass es herausfordernd ist, mit seinen Fotografien Beachtung zu finden. Das gelingt niveauvoll nur dann, wenn die Aufnahmen über das gewisse Etwas verfügen, so dass sie aus der Masse herausstechen. Noch besser ist es gerade bei Netzwerken wie Instagram, wenn man sich bereits eine eigene Bildsprache mit hohem Wiedererkennungswert zu Eigen macht. Ein weiterer Weg hin zur Aufmerksamkeit sind lustige Bilder – vielfach auch jenseits des guten Geschmacks und auf Kosten derer, die abgebildet wurden. Kinder und auch Tiere sind hier sehr beliebte Objekte auf der Jagd nach vielen Klicks und medialer Anerkennung. Natürlich kann man auch diesen Aufnahmen das gewisse Etwas nachsagen – wir favorisieren jedoch die Option, mit sehenswerten Aufnahmen aufgrund der Bildkomposition, des Farbspiels etc. auf sich aufmerksam zu machen.

Auf das Auge kommt es an

Entscheidend zum besonderen Bild ist das Auge. Die deutsche Fotografin Gisèle Freund brachte es mit „Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera“ auf den Punkt. Ein stückweit verbirgt sich darin aber nur die halbe Wahrheit, denn das beste Auge nutzt nichts, wenn man nicht über das entsprechende Equipment verfügt, um Gesehenes gekonnt in Szene zu setzen. Auf der anderen Seite nutzt einem aber auch die beste Fotoausrüstung nichts, wenn man nicht gelernt hat zu Sehen.

Fotografieren bedeutet Sehen und von anderen lernen

Der Mensch als Augenwesen sieht, sofern eine Erkrankung oder ein Unfall ihm nicht das Augenlicht genommen hat. Gerade als fotografischer Einsteiger mag man sich die Frage stellen, was denn mit „Sehen lernen“ gemeint sein könnte – wie soll man was erlernen, was einem in die Wiege gelegt wurde? Wir sind umgeben von visuellen Reizen – manche sprechen gar von Reizüberflutung. Dies führt dazu, dass die Fokussierung auf einen kleinen Ausschnitt herausfordernd sein kann. Wie die Malerei verhilft einem die Fotografie dazu, Sehen zu lernen, denn sie bildet immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab. Sehen lernen ist ein Prozess der niemals endet. Unterstützend hierbei sind der Besuch z.B. von Fotoausstellungen, aber auch jenen von Malern, die Betrachtung von Bildbänden etc., aber auch die Bilderberge in den sozialen Netzwerken. Die Fotografien, die den eigenen Blick fesseln einfach dahingehend hinterfragen, warum sie einen ansprechen und schon hat man einen weiteren Schritt nach vorne auf dem Weg zum Sehen lernen gemacht. Aber auch das Fotografieren und dann die kritische Betrachtung der Aufnahmen sind essenziell auf dem Weg zum besseren Sehen.

Auseinandersetzung mit dem Motiv

© Fotograf: Reinhard Wulff, Tunnel, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Reinhard Wulff, Tunnel, Blende-Fotowettbewerb
Es gibt grandiose Schnappschussbilder, weil man einfach zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort und das Aufnahmegerät auslösebereit war. Solche Aufnahmen sind Glückssache. Selbst in der Schnappschussfotografie steckt oftmals sehr viel Beobachtungsgabe als man denkt und noch sehr viel mehr Geduld. Fotografieren bedeutet, sich auf sein Motiv einzulassen und es zu entdecken. Dazu gehört auch, sich Zeit für sein Motiv zu nehmen – Nicht umsonst sprechen viele Fotografen in Bezug auf die Fotografie gern auch von Entschleunigung. Die Wahrscheinlichkeit auf dem Weg zu Aufnahmen mit dem gewissen Etwas erhöht sich mit der Konzentration auf das Wesentliche. Auch das klingt einfach – kann aber mitunter herausfordernd sein.

Spiel mit der Perspektive

Ein Motiv kann noch so gut sein wenn man es aber nicht versteht, es gekonnt in Szene zu setzen, dann wird es verblassen. Ein wichtiger Punkt auf dem Weg zu Fotografien mit dem gewissen Etwas ist das Spiel mit der Perspektive. Das schließt auch mit ein, die eigene Komfortzone als Fotograf zu verlassen und beispielsweise in die Hocke zu gehen oder sich gar auf den Bauch zu legen. Übung macht bekanntlich den Meister – auch wenn man über Wissen hinsichtlich perspektivischer Wirkung verfügt, so schult es ungemein, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen. Sehr hilfreich für das perspektivische Spiel sind gerade am Anfang statische Objekte, die einem alle Zeit lassen.

Licht von entscheidender Bedeutung

Fotografieren bedeutet nichts anderes als mit Licht zu malen. Wie Motive zur Geltung gebracht werden können hängt maßgeblich von den Lichtbedingungen ab. Die Mittagszeit in unseren Breiten gilt als die Zeitspanne, in der Fotografen getrost die Beine hochlegen können, weil der Sonnenstand nicht optimal ist, um Motive mit diesem Licht zu modellieren. In der Tageslichtfotografie ist in der Regel die beste Zeit in den frühen Morgenstunden bis etwa 11 Uhr und dann wieder ab 15 Uhr bis zum Sonnenuntergang. Für zahlreiche Motive förderlich ist es oftmals, wenn der Himmel bedeckt ist. Wer die Zeit hat und visuell erleben möchte, von welcher elementaren Einflussnahme das Sonnenlicht ist, der sollte ein und dasselbe Motiv im Tagesverlauf fotografieren und sich die Aufnahmen dann im Nachhinein am großen Bildschirm ansehen.

Künstliche Lichtquellen vielfach das iTüpfelchen

Auch wenn die Sonne lacht und eigentlich optimale Lichtbedingungen vorliegen kann es trotzdem für das Motiv förderlich sein, den eingebauten oder separaten Blitz zu aktivieren. Wie so oft in der Fotografie lohnt auch hier das Experiment.

Eigenen Bildstil finden

Das ist herausfordernd – wie so oft im Leben muss man natürlich auch in der Fotografie seine Ziele haben. Den eigenen Bildstil zu entwickeln ist dementsprechend ein langer Prozess unterliegt er doch immer wieder Vorlieben aber auch Strömungen und Trends, die ihn beeinflussen. Förderlich auf dem Weg zum eigenen Bildstil ist sicherlich, sich zunächst auf ein Sujet zu konzentrieren.

Nicht unter Druck setzen

© Fotograf: Hermann Gehlken, Wolkendach, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Hermann Gehlken, Wolkendach, Blende-Fotowettbewerb
Jeder der Fotografiert ist bestrebt, tolle Bilder zu machen – das ist ja das Ziel. Selbstläufer sind Aufnahmen mit dem gewissen Etwas nicht. Selbst wenn man als Fotobegeisterter alles mitbringt so braucht es oftmals auch eine große Portion Glück und das schwindet ebenso wie die Geduld, wenn man sich unter Druck setzt. Als Fotograf sollte man sich bewusst sein, dass man durchaus auch mal heimkehrt ohne einen gelungenen „Schuss“.

Mit seinem Fotoequipment eins sein

Die Beherrschung des Fotoequipments ist natürlich das A und O für Fotografien mit dem gewissen Etwas. Nur wenn man Kenntnisse über die Funktionen und ihre Wirkungsweise hat, kann man diese für seine Bildidee einsetzen. Kameras verfügen mitunter über einen gigantischen Funktionsumfang. Alles wird man sich hier nur in den wenigsten Fällen erschließen – das ist nicht schlimm. Wichtig ist, für das Spiel mit den Möglichkeiten offen zu sein und das Experiment mit den Optionen, die die Kamera bietet, einzugehen. Schritt für Schritt lernt man hier stetig dazu und wird dieses Wissen dann auch im entscheidenden Moment abrufen können. Übrigens sollte man den Automatikmodus inzwischen nicht mehr verteufeln – die technischen Weiterentwicklungen sind richtig gut. Auch die Aufnahmemenüs mit ihren Optionen Nacht, Schnee, Blume, Kind, Sport etc. liefern richtig gute Ergebnisse.

Fotografieren in der Praxis 09 / 2016

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