Das Runde im Eckigen - oder warum doch nicht alle Kameras gleich sind und eine Neuanschaffung sich lohnt

© Fotograf: Sophia Handwerk, Nachwuchsfotograf, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Sophia Handwerk, Nachwuchsfotograf, Blende-Fotowettbewerb
Auf den ersten Blick sehen viele Kameras zum Verwechseln ähnlich aus: Ein rechteckiges Gehäuse beherbergt das runde Objektiv. Welche Kamera jedoch für wen die Richtige ist, das zeigen die Unterschiede in der Ausstattung, Handhabung und Bedienung der einzelnen Modelle. Aber auch Verarbeitung und Material sowie Robustheit und Wetterfestigkeit können für die Kaufentscheidung wichtig sein. Deshalb sollte dem Kauf einer neuen Kamera eine gründliche Gewissenserforschung vorangehen, bei der die Suche nach den bevorzugten fotografischen Aufgaben steht, die der Anwender bei welchen Gelegenheiten mit seiner Neuerwerbung bewältigen möchte. Scharfe, technisch einwandfreie Schnappschüsse garantiert heute unter normalen Bedingungen nahezu jedes Aufnahmegerät. Der eine oder andere wird sich fragen „Warum eine neue Kamera – ich habe doch bereits eine“. Viele Gründe sprechen dafür, denn in den vergangenen drei bis fünf Jahren haben sich wahre Quantensprünge mit erweiterten Möglichkeiten vollzogen.

Wie finde ich die richtige Kamera?

Die Frage, wie finde ich die richtige Kamera für mich, beginnt also mit der Gegenfrage: Was will ich bevorzugt fotografieren und wozu will ich die Fotos anschließend verwenden? Eine Kamera, „die einfach gute Bilder macht“, werden die meisten vermutlich schon besitzen und ein Tablet – das wahrlich zum Fotografieren am wenigsten geeignet ist – oder Smartphone mit Kamera wahrscheinlich auch. Der Wunsch nach einer neuen wird demnach in vielen Fällen daher rühren, dass die Möglichkeiten der alten ihren Besitzer nicht mehr zufrieden stellen. Es können aber auch die Begeisterung für technische Erweiterungen, aber auch für Spielereien oder die Freude am gelungenen Design einer Kamera, die wie ein Schmuckstück Begehrlichkeit weckt, sein, die zum Kauf einer neuen reizen.

Warum eine neue Kamera?

Fragt man nach den Gründen für den Wunsch nach einer neuen, besseren Kamera, wird jeder schnell feststellen, dass sich der Fortschritt in den letzten drei bis fünf Jahren im Bereich der Kameratechnik rasant weiterentwickelt hat. Die technischen Innovationen, die in diesem Zeitraum in die Kameratechnik Einzug gehalten haben, lassen selbst die damals fortschrittlichsten Modelle im Vergleich zum heutigen Standard ziemlich alt aussehen. Nicht nur die Vielfalt der Aufnahmegeräte hat zugenommen, so dass der Anwender heute eine für jeden Anspruch und jeden Gestaltungswunsch perfekt zugeschnittene Lösung findet, auch die Art und Weise zu fotografieren und die Verwendung der Fotos haben neue Formen angenommen.

Völlig neue Kamera-Kategorien von der Action Cam, mit der sich jede noch so herausfordernde Situation dokumentieren lässt, ohne dass sie Schaden nimmt, bis hin zur Lichtfeld-Kamera, bei der sich Schärfe und Perspektive nachträglich interaktiv variieren oder als Animation darstellen lassen, erweitern heute den Markt. Aber erst wenn man weiß, was man unter welchen Bedingungen für welchen Zweck fotografieren will, kann die Frage nach der geeigneten Kamera gestellt werden. Auch der beste Händler kann seinem Kunden nur dann eine optimale Kamera empfehlen, wenn er die Anlässe, Motive und Bedingungen kennt, unter denen dieser fotografieren möchte. So können sich sogar in einem Motivbereich, wie zum Beispiel in der Landschafsfotografie, die Anforderungen an die Ausrüstung grundlegend unterscheiden: Ob ich in den Tropen, im Urwald, im Outback, in der Wüste, bei Sturm, Schnee oder Regen die Dramatik einer wilden Landschaft zeigen möchte oder ihre beschauliche Schönheit an einem sonnigen Sommertag.

Der erste Schritt auf dem Weg, die optimale Kamera für sich zu finden, sollte deshalb die Überlegung sein, zu welchen Anlässen am häufigsten fotografiert werden soll. Hilfreich kann dabei sein, eine Rangliste aufzustellen, in der die häufigsten Gelegenheiten aufgezählt werden, bei denen man fotografieren möchte. Die könnte beispielsweise, stark verkürzt, etwa so aussehen:

  1. Familie und Freunde
  2. Urlaub
  3. Freizeit/Sport
  4. Hobby wie Basteln mit eigenem Blog

Vom Anlass zum Motiv

Sind mehrere Anlässe gleich häufig oder wichtig, lässt sich auch mit einer Punktevergabe vorgehen, bei denen die wichtigsten Anlässe die meisten und die weniger häufigen die wenigsten Punkte erhalten. Wurden die Anlässe in ihrer Bedeutung oder Häufigkeit erst einmal definiert, geht es darum, dafür die häufigsten Anlässe und Motive, die dabei fotografiert werden sollen, zu benennen.

Anlässe, in der Familie zu fotografieren, müssen nicht unbedingt etwas Besonderes sein. Im Gegenteil – gerade der Familienalltag bietet eine Fülle von Motiven für Schnappschüsse, Porträts und außergewöhnliche Situationen, die in Fotografien festgehalten werden sollen. Ein Muss, die Kamera zu zücken, sind natürlich Feste und Feiern, wie Geburtstage, Kommunion, Hochzeit, Weihnachten, und nicht zuletzt der Urlaub. Aktuelle Kameras bieten leistungsstarke Motivprogramme, die alle Voreinstellungen, die dafür vorzunehmen sind, automatisch einsteuern. Selbst wenn es solche Automatiken auch früher schon gab, so bieten sie heute, beispielsweise durch höhere Empfindlichkeiten, bessere Bildstabilisatoren, kürzere Verschlusszeiten, innovative Algorithmen und andere Weiterentwicklungen, weit bessere technische Voraussetzungen, eine Situation optimal zu erfassen. Diese sind es aber auch, von denen der Landschaftsfotograf partizipiert.

Auch bei der bevorzugten Verwendung der Fotos wird es Unterschiede geben. So kann aus den Familienbildern ein Fotobuch gestaltet werden oder die Bilder werden über das Internet geteilt, es entstehen individuelle Fotogeschenke und Poster oder die Bilder sollen auf wertvollen Trägermaterialien, wie Leinwand, Alu-Dibond oder als FineArt Print, in der Wohnung als Wandschmuck aufgehängt werden. Für das Teilen im Web spielt die Sensorauflösung und auch das Sensorformat letztlich eine geringere Rolle als für die spätere Verwendung der Bilder als Poster, FineArt Print oder den doppelseitigen Fotobuchdruck.

In weiten Bereichen wird in der Familienfotografie der spontane Schnappschuss bevorzugt, mit dem schnell und ohne große Vorbereitung eine Situation, wie sie so vielleicht nicht wieder kommt, eingefangen werden kann. Bei solchen Gelegenheiten besteht keine Zeit für aufwändige Arrangements und lange Vorbereitungen. Das gilt für Innenaufnahmen ebenso wie für das Fotografieren draußen. Eine Kamera mit leistungsstarker Vollautomatik, hoher Sensorempfindlichkeit, die auch Aufnahmen bei wenig Licht ermöglicht und die einen schnellen Prozessor besitzt, ist dafür eine gute Voraussetzung.

Die wichtigsten Anforderungen an eine Kamera für spontane Familienbilder sind also: Vollautomatik, schneller Autofokus, hohe Sensorempfindlichkeit und kurze Reaktionszeiten. Für die schnelle Wahl des Bildausschnittes sollte ein Zoomobjektiv zur Verfügung stehen, das einen Brennweitenbereich vom Weitwinkel für Innen- und Gruppenaufnahmen besitzt, aber auch eine mittlere Telebrennweite für Porträts bietet.

Die Anforderungen an die technische Bildqualität werden in erster Linie von der beabsichtigten Verwendung bestimmt. Sie sind für den Druck oder die Nutzung der Bilder im Fotobuch, als Wandschmuck oder Poster höher als für das Teilen im Web. Möchte man sich alle Verwendungsmöglichkeiten offen halten, ist eine hohe Sensorauflösung zwischen 16 und 20 Megapixeln empfehlenswert. Dabei sollten Käufer aber auch überlegen, dass eine höhere Bildqualität eine größte Datenmenge bedeutet und dies wiederum Anforderungen an die Rechenleistung des PC bei der Weiterverarbeitung, aber auch an die Kapazität sowie Schreib- und Lesegeschwindigkeit der Speicherkarte stellt.

Automatisch gute Bilder bei jeder Gelegenheit unter allen Umständen zu liefern, zählt allerdings schon fast zu den Standardeigenschaften moderner Digitalkameras. Viele Fotografen wollen sich aber zusätzlich kreativ betätigen, indem sie Effektfilter oder Zusatzfunktionen nutzen, um ihrem individuellen Gestaltungswillen Ausdruck zu verleihen. Auch hier sind die Möglichkeiten, die von den Kameraproduzenten für bestimmte Modelle angeboten werden, recht unterschiedlich. Manche Kameras haben bereits Möglichkeiten der einfachen Bildbearbeitung integriert, andere erlauben durch WiFi und NFC-Funktionen das schnelle Posten der Aufnahmen im Web. Immer mehr Kameras lassen sich über ihre WiFi-Schnittstelle auch über das Smartphone und Tablet ansteuern. Zahlreiche aktuelle Kameramodelle merken sich automatisch den Aufnahmestandpunkt und manche von ihnen halten sogar interessante Informationen über den Standpunkt und seine Umgebung bereit.

Fortschritt und Innovationen

Der technische Fortschritt der letzten fünf Jahre hat viele für unüberwindbar gehaltene Grenzen der Fotografie gesprengt. Kein Augenblick, der sich nicht perfekt im Bild festhalten ließe, um das Erlebte mit der ganzen Welt sofort teilen zu können. Ob Abenteurer in den Tiefen der Meere oder Skydiver in schwindelnden Höhen, Surfer, Fallschirmspringer, Drachenflieger, Biker, Skateboarder, Bergsteiger – für alles gibt es Aufnahmegeräte, mit denen sich das Erlebte in Fotos und Videos aufzeichnen lässt. „Wearable Imaging Tools“ wie Google Glass oder Ansteckkameras können heute jede Bewegung ihres Trägers im Bild festhalten. Dabei verschwimmen Foto und Video immer schneller zu einer Einheit, bei der zunächst eine Bilddatei erfasst und ihre spezifischen Eigenschaften wie Schärfe und Perspektive erst später vom Betrachter eingestellt oder der perfekte Schnappschuss aus einer Filmaufnahme herausgelöst wird.

Möchte man die wichtigsten Fortschritte und Innovationen der Fotografie in den letzten Jahren auflisten, so sind sie heute vor allem in der Bedienung und den Automatiksteuerungen zu finden. Zur Erleichterung der Bildgestaltung haben sich die elektronischen Sucher und Kameradisplays in Größe, Auflösung, Farbqualität, Kontrast und Bildfrequenz deutlich verbessert. Die Sensorempfindlichkeiten haben Werte erreicht, von denen die analoge Fotografie nicht einmal träumen konnte. Es gibt hochempfindliche Kamerasensoren, die, in Kombination mit effektiven Rauschunterdrückungsverfahren, verwertbare Aufnahmen mit Empfindlichkeiten von ISO 250.000 ermöglichen, und es gibt Autofokussteuerungen, die Objekten kontinuierlich folgen und jederzeit für optimale Schärfe sorgen. Die meisten neuen Kameras mit Touchscreen-Bedienung stellen den Fokuspunkt sogar per Fingerzeig des Fotografen ein – der so nicht einmal mehr das Messfeld dafür vorwählen muss. Die immer höheren Videoauflösungen und extrem schnellen Bildfolgen sorgen dafür, dass der Fotograf sicher sein kann, mit seiner Videosequenz auch den optimalen Moment als Stehbild eingefangen zu haben. Verwacklungen, immer noch der häufigste Aufnahmefehler, werden wirkungsvoll durch immer effektivere Bildstabilisatoren reduziert. Foto und Video benötigen für Aufnahme und Wiedergabe keine unterschiedlichen Geräte mehr. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird auch die Navigation zu den schönsten Aufnahmestandpunkten mit der Kamera zu einer Selbstverständlichkeit werden. Und dennoch wird es die optimale Kamera für alle und jeden nie geben. Der Grund ist menschlich: Niemand braucht und will eine Kamera, die alles kann. Nicht jeder Fotograf ist Abenteurer, nicht jeder will Kinder, Haustiere und sein Essen fotografieren. Nicht jeder hat den Wunsch, die Welt des Mikrokosmos mit der Kamera zu entdecken oder das Leben wilder Tiere in freier Wildbahn zu dokumentieren. Das eigene Leben und das seiner Angehörigen und Freunde in Fotos und Filmen zu dokumentieren, ist schon lange ein tief verwurzelter Wunsch der Menschen. Doch was Menschen für bewahrenswert erachten, das ist so verschieden wie sie als Individuen selbst. Deshalb ist es sinnlos, nach einer Kamera für alle zu suchen. Auch der größte gemeinsame Nenner wird entweder nicht ausreichen, die eigenen Wünsche abzudecken oder möglicherweise vieles beinhalten, was einem selbst überflüssig erscheint. Auch die optimale Kamera wird immer ein Kompromiss aus Nutzen, Kosten und Komfort sein. Neben den technischen Eigenschaften eines Aufnahmegeräts werden stets auch Emotionen ausgelöst durch Marke, Haptik, Design sowie Wertigkeit, und Begehrlichkeiten auslösen, die letztlich kaufentscheidend sind.

Fotografieren in der Praxis 06 / 2014

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