Schule des Sehens: Der "Goldene Schnitt"

Windmühle im Nebel Bildgalerie betrachten Blende ,“Windmühle im Nebel”
Peter Holtz

Ein Motiv sehen - die Kamera vor's Auge - das bildwichtige Element in die Bildmitte setzen - auslösen. So photographieren die meisten Menschen. Dabei teilen sie unbewußt das Bild beziehungsweise die Bildfläche (zum Beispiel das Kleinbildformat) in vier gleiche Teile auf: Eine waagerechte Linie in der Bildmitte kreuzt sich mit einer senkrechten Linie in der Bildmitte, wodurch vier gleichgroße Viertel entstehen. Etwa auf den Kreuzungspunkt beider Linien wird das bildwichtige Element plaziert.

So ein Bild wirkt in der Regel ausgewogen und gleichmäßig - weil ja alles "schön ordentlich in der Mitte steht". So ein Bild wirkt aber auch häufig eben deshalb langweilig und ohne Spannung - und zwar auch dann, wenn das Thema/Motiv eigentlich interessant ist.

Für ein spannungsreiches Bild sollten zwei Aspekte "zusammenarbeiten": Thema und Bildaufbau. Ein bewährtes Mittel für den Bildaufbau ist der sogenannte "Goldene Schnitt". Hiermit wird ein Teilungsverhältnis für Flächen und Linien bezeichnet. Eine Linie wird so geteilt, daß sich die Länge der ungeteilten (ganzen) Linie zum größeren Teilstück so verhält wie diese zum kleineren Teilstück. Bei dieser Definition wird schon deutlich, daß die Linie nicht in der Mitte geteilt wird, sondern eine Linie von beispielsweise 200 cm Länge wird in zwei ungleiche Teilstücke von 125 und 75 cm aufgeteilt. Hierbei verhält sich 200 zu 125 (8 : 5) wie 125 zu 75 (5 : 3).

Schon die alten Griechen kannten den "Goldenen Schnitt". Nach ihrer Auffassung war diese asymmetrische Sichtweise zugleich das "ideale" Teilungsverhältnis, weil man es auch in den Proportionen des menschlichen Körpers wieder fand. Weltberühmt ist die Zeichnung von Leonardo da Vinci, der nach den Regeln des "Goldenen Schnitts" den menschlichen Körper erfaßte und berechnete.

In der Bildgestaltung bezieht sich der "Goldene Schnitt" sowohl auf die Relationen von Seitenformaten als auch auf die Positionierung dominanter Linien (zum Beispiel die Horizontlinie) und die Anordnung des Motivs innerhalb des Bildformates. Er besagt, daß die motiv- oder kompositionsbestimmenden Bildteile nicht in die Bildmitte gesetzt werden sollen, sondern mehr nach links oder rechts außen oder mehr ins obere beziehungsweise untere Bilddrittel. Das Bild erhält dadurch mehr Spannung, als wenn sich das Motiv genau in der Mitte befindet. Dieses Gestaltungsprinzip läßt sich ganz allgemein so formulieren: "Bildspannung entsteht, wenn der Blick des Betrachters aus der Bildmitte herausgeführt wird". Der Betrachter wird irritiert: Er erwartet das bildwichtige Element in der Bildmitte, so wie es konventionellen Sehgewohnheiten entspricht. Ein Bild, das nach dem "Goldenen Schnitt" aufgebaut ist, entspricht dieser Erwartung nicht. Dieses Prinzip läßt sich auch "andersherum" definieren: Das menschliche Auge nimmt Bilder als Ganzes wahr, das heißt es erfaßt nacheinander die einzelnen Bildbestandteile und "baut sie zusammen" (dieser Vorgang läuft unbewußt innerhalb von Sekundenbruchteilen ab). Diese ganzheitliche Wahrnehmung ist spannungsvoller, wenn sie ungleiche Elemente zusammenführt.

Natürlich sollen bei der Bildgestaltung keine mathematischen Berechnungen angestellt, sondern mit dem Hilfsmittel des "Goldenen Schnitts" ein Gestaltungsprinzip angewendet werden. Dabei reicht es schon, wenn der "Goldene Schnitt" nicht mathematisch genau berechnet, sondern annähernd erreicht wird. Hilfreich ist eine einfache Visualisierung, die man vor dem "inneren Auge" auf jedes Bild übertragen kann: Man teile das Bildformat in Höhe und Breite in jeweils 5 gleiche Teile und fasse je zwei und drei Teile als Blöcke zusammen. Dann erhält man das Verhältnis des "Goldenen Schnitts" in der Höhe und der Breite (das funktioniert natürlich in beide Richtungen).

Der Bildaufbau nach dem "Goldenen Schnitt" ist anspruchsvoller als die Methode "alles in der Mitte". Inhaltlich und gestalterisch ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Wird bei einem Portrait der Kopf ins rechte Bilddrittel gerückt, entsteht links "Freiraum", der "gefüllt" werden kann. Dadurch wird das Bild als ganzes thematisch angereichert, aber auch dieser Teil des Bildes muß gestaltet werden. Das Verhältnis der Bildteile muß in Hinblick auf Farbe und Schärfe schlicht und einfach besser durchdacht sein, denn der linke Teil des Bildes erstreckt sich auf gute zwei Drittel. Zum eigenen Training hilft es, künftig jedes Motiv konventionell und parallel nach dem "Goldenen Schnitt" aufzubauen. Eine einfache und kostenlose "Schule des Sehens".
 

Fotografieren in der Praxis 08 / 2004

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