Was ist der Goldene Schnitt und warum ist er für den persönlichen Bilderfolg wichtig

Bildspannung entsteht, wenn der Blick des Betrachters aus der Bildmitte herausgeführt wird

Den Betrachter irritieren, um nicht den konventionellen Sehgewohnheiten zu entsprechen

Ein aktueller Trend in der Fotografie ist, bestehende fotografische Regeln mitunter zu missachten. Wählt man diesen Weg, so ist es zunächst aber ratsam, grundlegende Kenntnisse über die fotografischen Regeln zu haben. Der Goldene Schnitt ist eine davon – er steht für Bildaufbau und für spannungsgeladene Aufnahmen, weil diese nicht den konventionellen Sehgewohnheiten entsprechen.

Wozu man bei der Motivanordnung gerne neigt

Ein Motiv sehen – Kamera oder Smartphone vor’s Auge – das bildwichtige Element in die Bildmitte setzen – auslösen. So fotografieren viele. Dabei teilen sie unbewusst das Bild beziehungsweise die Bildfläche in vier gleiche Teile auf: Eine waagerechte Linie in der Bildmitte kreuzt sich mit einer senkrechten Linie in der Bildmitte, wodurch vier gleichgroße Viertel entstehen. Etwa auf den Kreuzungspunkt beider Linien wird das bildwichtige Element platziert.

Das bildwichtige Element in der Bildmitte.
Das bildwichtige Element in der Bildmitte.

So ein Bild wirkt in der Regel ausgewogen und gleichmäßig – weil ja alles „schön ordentlich in der Mitte steht“. So ein Bild wirkt aber auch häufig eben deshalb langweilig und ohne Spannung – und zwar auch dann, wenn das Thema/Motiv eigentlich interessant ist.

Was der Goldene Schnitt ist und warum er Aufnahmen interessanter macht

Für ein spannungsreiches Bild sollten bestmöglich zwei Aspekte „zusammenarbeiten“: Thema und Bildaufbau. Ein bewährtes Mittel für den Bildaufbau ist der sogenannte “Goldene Schnitt“. Hiermit wird ein Teilungsverhältnis für Flächen und Linien bezeichnet. Eine Linie wird so geteilt, dass sich die Länge der ungeteilten (ganzen) Linie zum größeren Teilstück so verhält wie diese zum kleineren Teilstück. Bei dieser Definition wird schon deutlich, dass die Linie nicht in der Mitte geteilt wird, sondern eine Linie von beispielsweise 200 cm Länge wird in zwei ungleiche Teilstücke von 125 und 75 cm aufgeteilt. Hierbei verhält sich 200 zu 125 (8 : 5) wie 125 zu 75 (5 : 3).

Das Verhältnis des „Goldenen Schnitts“ in der Höhe.
Das Verhältnis des „Goldenen Schnitts“ in der Höhe.

Das Verhältnis des „Goldenen Schnitts“ in der Breite.
Das Verhältnis des „Goldenen Schnitts“ in der Breite.

In der Bildgestaltung bezieht sich der “Goldene Schnitt” sowohl auf die Relationen von Seitenformaten als auch auf die Positionierung dominanter Linien (zum Beispiel die Horizontlinie) und die Anordnung des Motivs innerhalb des Bildformates. Er besagt, dass die motiv- oder kompositionsbestimmenden Bildteile nicht in die Bildmitte gesetzt werden sollen, sondern mehr nach links oder rechts außen oder mehr ins obere beziehungsweise untere Bilddrittel.

Bildspannung entsteht, wenn der Blick des Betrachters aus der Bildmitte herausgeführt wird

Das Bild erhält dadurch mehr Spannung, als wenn sich das Motiv genau in der Mitte befindet. Dieses Gestaltungsprinzip lässt sich ganz allgemein so formulieren: “Bildspannung entsteht, wenn der Blick des Betrachters aus der Bildmitte herausgeführt wird”. Der Betrachter wird irritiert: Er erwartet das bildwichtige Element in der Bildmitte, so wie es konventionellen Sehgewohnheiten entspricht. Ein Bild, das nach dem “Goldenen Schnitt” aufgebaut ist, entspricht dieser Erwartung nicht. Dieses Prinzip lässt sich auch „andersherum“ definieren: Das menschliche Auge nimmt Bilder als Ganzes wahr, das heißt es erfasst nacheinander die einzelnen Bildbestandteile und „baut sie zusammen“ – dieser Vorgang läuft unbewusst innerhalb von Sekundenbruchteilen ab. Diese ganzheitliche Wahrnehmung ist spannungsvoller, wenn sie ungleiche Elemente zusammenführt.

© Fotograf: Frank Borde, Angler auf dem Breitenauer See, Blende-Fotowettbewerb
Frank Borde, Angler auf dem Breitenauer See, Blende-Fotowettbewerb

Bildgestaltung sollte nicht rein über mathematische Berechnungen erfolgen

Natürlich sollen bei der Bildgestaltung keine mathematischen Berechnungen angestellt, sondern mit dem Hilfsmittel des “Goldenen Schnitts” ein Gestaltungsprinzip angewendet werden. Dabei reicht es schon, wenn der “Goldene Schnitt” nicht mathematisch genau berechnet, sondern annähernd erreicht wird. Hilfreich ist eine einfache Visualisierung, die man vor dem „inneren Auge“ auf jedes Bild übertragen kann: Man teile das Bildformat in Höhe und Breite in jeweils 5 gleiche Teile und fasse je zwei und drei Teile als Blöcke zusammen. Dann erhält man das Verhältnis des „Goldenen Schnitts“ in der Höhe und der Breite (das funktioniert natürlich in beide Richtungen).

© Fotograf: Matthias Holst, Allein, Blende-Fotowettbewerb
Matthias Holst, Allein, Blende-Fotowettbewerb

Wo die Herausforderungen beim Goldenen Schnitt ggf. liegen

Der Bildaufbau nach dem “Goldenen Schnitt” ist anspruchsvoller als die Methode „alles in der Mitte“. Inhaltlich und gestalterisch ergeben sich zusätzliche Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Wird bei einem Portrait der Kopf ins rechte Bilddrittel gerückt, entsteht links „Freiraum“, der „gefüllt“ werden kann. Dadurch wird das Bild als Ganzes thematisch angereichert, aber auch dieser Teil des Bildes muss gestaltet werden. Das Verhältnis der Bildteile muss in Hinblick auf Farbe und Schärfe schlicht und einfach besser durchdacht sein, denn der linke Teil des Bildes erstreckt sich auf gute zwei Drittel. Zum eigenen Training hilft es, künftig jedes Motiv konventionell und parallel nach dem „Goldenen Schnitt“ aufzubauen. Eine einfache und kostenlose persönliche „Schule des Sehens“.

© Fotograf: Susanne Seiffert, little Fox vs. Squirel, Blende-Fotowettbewerb
Susanne Seiffert, little Fox vs. Squirel, Blende-Fotowettbewerb

Und noch was Geschichtliches

Schon die alten Griechen kannten den „Goldenen Schnitt“. Nach ihrer Auffassung war diese asymmetrische Sichtweise zugleich das „ideale“ Teilungsverhältnis, weil man es auch in den Proportionen des menschlichen Körpers wieder fand. Weltberühmt ist die Zeichnung von Leonardo da Vinci, der nach den Regeln des “Goldenen Schnitts” den menschlichen Körper erfaßte und berechnete.

„Blende“ – Der generationsübergreifende Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. „Blende“ schärft mit seinen jährlich wechselnden thematischen Vorgaben die Sinne. Die eingereichten Wettbewerbsbeiträge, zu „Blende 2017“ gingen über 80.000 Fotografien ein, sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch die Teilnahme an „Blende“ den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten.

„Blende“-Teilnehmer sind mit ihren eingereichten Wettbewerbsbeiträgen nicht nur wichtige Botschafter für die Fotografie. Sie treten den Beweis an, wie lohnenswert es ist, die Welt in der man sich aufhält aktiv wahrzunehmen. In Kürze startet mit „Blende 2018“ die neue Wettbewerbsrunde.

Weitere Informationen zu „Blende“: https://www.prophoto-online.de/fotowettbewerb-blende

Fotografieren in der Praxis 04 / 2018

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