Der Reiz der Naturphotographie - Ein kleiner geschichtlicher Abriss

Uwe Weiser - Guten Appetit Bildgalerie betrachten

Blende ,“Guten Appetit”
Uwe Weiser

Naturphotographen können salopp als Jäger bezeichnet werden, die - statt mit einem Gewehr auf Großwildjagd zu gehen - mit ihrer Kamera ausgerüstet das Alltägliche zum Besonderen machen und ihre Beute auf Film oder Chip mit nach Hause tragen. Als im 19. Jahrhundert die Photographie geboren wurde, kam mit ihr auch der Naturphotograph zur Welt. Eine der Gründe für die Naturbegeisterung geht zurück auf die Romantik, denn damals wandte sich der Geschmack dem Exotischen, Außenordentlichen und Unendlichen zu. Aber auch das Naturverständnis erlebte einen Wandel. So wurden beispielsweise Berge nicht mehr als Hindernisse für den Reisenden angesehen, sondern als aufregende Wunderwerke der Natur, die den Menschen das Gefühl des Erhabenen lehrten. Großen Einfluss auf die Naturphotographie nahm auch die rasche Entfaltung der Naturwissenschaften. So stellte Goethe seine Dichtung eine Zeitlang zurück, um eine Abhandlung über Granit zu schreiben und eine Farbenlehre zu entwickeln, die allerdings naturwissenschaftlich nicht haltbar war.

Bevorzugtes Thema der Naturphotographen waren in den Anfängen Landschaften, hauptsächlich deshalb, weil sie sich nicht bewegten. Die langen Belichtungszeiten, die sowohl bei der 1839 eingeführten Daguerreotypie als auch bei dem nach 1851 aufkommenden nassen Kolloidverfahren erforderlich waren, ließen dem Photographen auch kaum eine andere Wahl. Als der französische Photograph Bisson 1861 den 4.810 Meter hohen Montblanc bestieg, wurde er von 25 Trägern begleitet, die eine regelrechte Fabrik zur Herstellung und Entwicklung von Nassplatten den Berg hinaufschleppten. Am Ende des Tages kehrte das Team mit ganzen drei Photos - von denen nur zwei brauchbar waren - in die französische Grenzstadt Chamonix zurück, wo ihr Erfolg wie ein Feuerwerk gefeiert wurde. Berühmt geworden durch den Verkauf von Photographien, wurden die Brüder Bisson von Napoleon III eingeladen, seine Alpenüberquerung im Bild festzuhalten. Es kann durchaus die Behauptung aufgestellt werden, dass dabei des Kaisers Hobby eine ebenso wichtige Rolle spielte, wie sein historisches Bewusstsein. Napoleon war selbst Naturphotograph und hatte sich aus England ein lichtstarkes Objektiv kommen lassen. Es war in Silber gefasst und das kaiserliche Wappen war eingraviert.

Das Festhalten von alpinen Formationen genügte den Photographen bald nicht mehr und sie nahmen sogar Modelle mit hinauf. So begleitete im Jahr 1893 die Bergsteigerin Jeanne Immink den deutschen Photographen Theodor Wundt und posierte unerschrocken in Schwindel erregender Höhe für ihn. Die Bergsteigerin schilderte ihre Erlebnisse wie folgt: „Er stand am Rande einer senkrecht abfallenden Felswand und wollte mich photographieren. Mein Gott, Sie hätten ihn sehen müssen. Der Grat, auf dem er stand, war nur einen Fuß breit, aber das störte ihn nicht. Im Nu hatte er sein Stativ aufgestellt und sein Kopf verschwand unter dem schwarzen Einstelltuch. „Bitte die linke Hand ein bisschen höher, noch ein bisschen. Gut. Jetzt stellen Sie den linken Fuß vor. Sehr schön.“ Sie hätten ihn sehen müssen, wie er sich drehen und wenden musste, um die Kamera nicht über die Felswand hinunter zustoßen.“

Einen entscheidenden Sprung nach vorne machte die Landschaftsphotographie als das nasse Kollodiumverfahren aufkam. Das fertige Bild konnte - im Gegensatz zur Daguerreotypie - aus allen Richtungen betrachtet werden. Zudem konnte man von einer im nassen Kollodiumverfahren hergestellten Negativplatte unbegrenzt viele Positive anfertigen, während jede Daguerreotypie ein Unikat war. Das Nassverfahren zwang jedoch den Photographen dazu, immer eine Dunkelkammer bei sich zu haben. So begleitete den Wanderphotograph Charles Savage im Jahre 1866 ein riesiger Pferdewagen, der als Dunkelkammer diente. Der Photograph beschrieb ihn wie folgt: „Die Dunkelkammer ist etwa drei Meter lang und zwei Meter hoch, so daß vorne noch ungefähr ein Meter für Kutschbock und Proviant übrig bleibt. An den Seiten sind Schubladen für die Negative der verschiedenen Größen und geeignete Behältnisse für die verschiedenen Kameras, Chemikalien und so weiter eingebaut.“

Nach dem Sezessionskrieg strömten die Photographen in Scharen in den Westen der USA, andere leisteten Pionierarbeit und photographierten wilde Tiere. 1880 waren Trockenplatten auf den Markt gekommen. Im Gegensatz zu den Nassplatten brauchten diese nicht vor Ort weiterverarbeitet zu werden. Noch wichtiger war, dass sie wesentlich lichtempfindlicher waren und somit die Belichtungszeit auf den Sekundenbereich herabgesetzt werden konnte. Noch wichtiger war für die Naturphotographie - und nicht nur für diese - die Entwicklung des Rollfilms, der kleinere Kameras möglich machte. Kürzeste Verschlusszeiten wurden erreicht, als im Jahre 1890 die ersten Verschlüsse für kurze Momentaufnahmen hergestellt wurden. Andere Neuerungen, die besonders den Naturphotographen zugute kamen, waren Teleobjektive, panchromatische, also für alle Farben empfindliche, Filme und Farbfilter, die eine natürliche Übersetzung des unendlichen Farbenreichtums der Natur ermöglichten. Von 1890 an waren beispielsweise Tiere nicht einmal in der Nacht vor den Photographen sicher. Georges Shiras III hatte einen Apparat erfunden, der einen Magnesiumblitz abfeuerte, so dass Motive in der Dunkelheit beleuchtet werden konnten.

Heutige Naturphotographen brauchen sich mit den Problemen ihrer Vorgänger nicht mehr herumzuschlagen, denn diese sind aus der Welt geschafft. Analoge oder digitale Kameras, Objektive mit hoher Lichtstärke und beispielsweise extremen Telebrennweiten, Filmmaterial der unterschiedlichsten Empfindlichkeiten und einer Farbtreue, die den menschlichen Sinneseindrücken entspricht, Kamerafunktionen, die den Photographen bei seinem Vorhaben unterstützen, um nur einige Beispiel zu nennen, lassen heute jeden die Naturphotographie für sich erschließen. Im Gegensatz zu früheren Jahren können sich Naturphotographen auf das Sehen konzentrieren, um das Besondere des Alltäglichen mit der Kamera einzufangen.
 

Fotografieren in der Praxis 10 / 2006

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