Die bewegte Kamera - Schärfe und Unschärfe

© Fotograf: Helmut Dahmen, Bäume im Löwenzahn, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Helmut Dahmen, Bäume im Löwenzahn, Blende-Fotowettbewerb
Jeder, der fotografiert, hat das Anliegen, dass seine Aufnahmen scharf sind. Schärfe gilt auch heute noch vielfach als das Gütesiegel für Fotografien. Gerade Kompaktkameras mit kleinen Sensoren, aber auch Smartphones liefern „knackscharfe“ Fotografien, und zwar vom Vorder- bis zum Hintergrund. Das mag am Anfang begeistern, aber irgendwann kommt – so unsere Erfahrung – bei jedem der Zeitpunkt, mit der Schärfe und Unschärfe Akzente in den Aufnahmen setzen zu wollen. Nehmen wir hier nur als Beispiel die Makrofotografie. Eine Fliege in der Nahaufnahme hebt sich nun einmal besser vom Hintergrund ab, wenn dieser unscharf ist.

Zurück zur Unschärfe, die aus unserer Sicht ein tolles künstlerisches Stilelement ist, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Wir schwören sozusagen der Schärfe im Bild ab und schaffen abstrakte Fotografien, bei denen trotz Unschärfe das Motiv erkennbar bleibt. Als Fotograf hat man – wie so oft – drei Optionen. Zum einen kann man die Kamera und/oder den Zoom bewegen und zum anderen die Defokussierung wählen.

Wir bevorzugen die bewegte Kamera, die man während der Aufnahme vertikal, horizontal schwenken oder aber auch drehen kann. Weitere Optionen sind die Kamera zu drehen und dann noch zu zoomen, nur zu zoomen und die Kamera mitfahren zu lassen, beispielsweise indem man während der Fahrt aus dem Fenster fotografiert.

© Fotograf: Burkhard Merchel, Regatta, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Burkhard Merchel, Regatta, Blende-Fotowettbewerb
Künstlerische Unschärfe durch das vertikale Schwenken der Kamera setzt voraus, dass die Bewegungen ruhig und gleichmäßig erfolgen, damit die vertikalen Linien nicht verrutschen. Mit der Bewegung sollte bereits vor dem Auslösen begonnen werden und man sollte sie ruhig ausklingen lassen, wenn die Belichtung beendet ist. Ratsam sind längere Belichtungszeiten. In heller Umgebung muss dementsprechend eine kleine Blende, ein niedriger ISO-Wert sowie ein Filter (Polfilter) eingesetzt werden. Die Bewegung der Kamera kann aus der Hand erfolgen. Wir empfehlen jedoch ein Stativ mit Getriebeneiger, bei dem die horizontale und vertikale Achse getrennt eingestellt werden können. Der Einsatz eines Stativs minimiert Verwacklungen. Für vertikale Kameraschwenks empfehlen sich Motive wie beispielsweise Bäume, Häuser, Masten – also Motive mit vertikalen Linien. Bei Landschaftsaufnahmen, wie dem Meer, Hügeln und Feldern, bietet sich das horizontale Schwenken der Kamera an. Es gelten hier die gleichen Voraussetzungen wie beim vertikalen Schwenken. Für horizontale Verschenkungen sollte auch ein Stativ zum Einsatz kommen. Empfehlenswert ist zudem die Panoramaplatte oder der Zweiwegeneiger.

Soll die Unschärfe durch Drehen der Kamera hervorgerufen werden, so kann man das Stativ getrost beiseite stellen und muss die Kamera mit beiden Händen kreisförmig bewegen. Übung macht hier den Meister. Wie bei den vertikalen und horizontalen Kameraschwenks sollte schon vor der Aufnahme mit der Bewegung begonnen werden, die in Ruhe zu Ende zu führen ist, wenn die Belichtung abgeschlossen ist. Der Kameradreh bietet sich bei Motiven wie Baumkronen und Blumen an.

© Fotograf: Eberhard Decker, Mein Zauberwald, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Eberhard Decker, Mein Zauberwald, Blende-Fotowettbewerb
Kommen wir nun zum sportlichen Drehen der Kamera und gleichzeitigem zoomen. Dies setzt natürlich ein Zoomobjektiv voraus. Das Herausfordernde ist, dass mit beiden Händen unterschiedliche Bewegungen ausgeführt werden müssen. Das schult die Motorik. Mit einer Hand wird die Kamera gedreht, während mit der anderen Hand gleichzeitig die Brennweite des Zoomobjektivs verändert wird. Auf diese Weise entstehen in Abhängigkeit von der Schnelligkeit der Bewegungen mehr oder weniger stark ausgeprägte Strudel- beziehungsweise Sogeffekte.

Man kann aber auch nur zoomen, indem man während der Belichtung durch das Drehen am Zoomring des Objektivs die Brennweite verändert. Das kann schnell oder langsam erfolgen, in Abhängigkeit von der künstlerischen Intention. Generell sind die Belichtungszeiten länger zu wählen, weshalb mit einem Stativ gearbeitet werden muss. Menschen, Bäume, Gebäude – eigentlich alle Motive eignen sich für den Zoomeffekt.

Kommen wir nun zur letzten Option, Unschärfe zu erzeugen, indem beispielsweise aus dem fahrenden Auto aus dem Fenster fotografiert wird. Natürlich geht nur eines von beidem – also nicht fahren und fotografieren. Die Unschärfe entsteht durch die Geschwindigkeit. Ratsam ist eine längere Belichtungszeit durch die Wahl einer kleinen Blende und einem niedrigen ISO-Wert. Da man in einem Auto kaum Platz für ein Stativ hat, kann man die Kamera auf einen Rucksack auflegen, es bietet sich aber auch Rigs an, wie sie beim Videodreh ein nützliches Hilfsmittel sind. Das Auflegen auf dem Fensterrahmen empfehlen wir nicht.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2014

1 Kommentare

Eine schöne Übersicht zu einer interessanten Technik, die ich seit mehreren Jahren anwende. Dazu ließe sich noch einiges ergänzen. So sollte man die Empfehlung, ein Stativ zu verwenden eher locker anwenden. Ich bevorzuge bei allen Aufnahmen die Bewegung aus freier Hand. Beim Schwenken mit Stativ in exakter Ebene wird die Strichführung schnurgerade, eine leichte Seitwärtsbewegung macht das Bild nicht so steif. Einerseits will ich Unschärfe als Stilmittel, andererseits soll ich Verwackeln durch Stativ verhindern, das geht bei 1/4 bis 1/2 Sek nicht. Beim Motiv gehe ich oft auch noch einen Schritt weiter, es muss als solches nicht mehr erkennbar bleiben. Es entsteht ein völlig neues abstraktes Bild. Wobei der Betrachter oft neugierig fragt, was man ursprünglich aufgenommen hat, aber die Antwort würde ihn vielleicht desillusionieren. Christian Credner (mal bei Google den Namen eingeben und auf Bilder klicken)

Christian Credner

von Christian Credner
22. Januar 2015, 17:08:00 Uhr

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