Entfesselt blitzen - An der langen Leine

Entfesselt blitzen - An der langen Leine
So viele Anwendungen wie es für das entfesselte Blitzen gibt, so viel Zubehör ist dafür erhältlich. Mit faszinierender Funktionsvielfalt: Blitzgeräte, die per Funk wie von Geisterhand gelenkt zusammenspielen. Das mag auf den ersten Blick erschlagend wirken. Aber der Einstieg kann extrem simpel sein und dabei schon tolle Bilder liefern.

Ein einfaches Kabel zwischen Kamera und Blitzgerät erweitert die Möglichkeiten der Lichtführung deutlich. Der Blitz wirkt damit, um im Bild zu bleiben, zwar noch nicht ganz „entfesselt“, ist aber immerhin schon an der langen Leine. Zwei verschiedene Kabeltypen muss man voneinander unterscheiden. Einfache Blitzkabel geben nur den Auslöseimpuls der Kamera ans Blitzgerät weiter, TTL-Blitzkabel ermöglichen hingegen den komplexen Informationsaustausch zwischen den Geräten. Bei letzteren Kabeln bleiben insbesondere die Messfunktionen der Kamera (Through the Lens/TTL) erhalten. Die TTL-Blitzkabel gibt es je nach Hersteller in unterschiedlichen Längen zwischen etwa einem halben und drei Metern. Die Anwendung ist einfach: Ein Ende wird in den Blitzschuh der Kamera gesteckt, und das Blitzgerät passt in das Gegenstück am anderen Ende des Kabels. Diese Aufnahme für das Blitzgerät hat im Idealfall einen Stativanschluss, kann also zum Beispiel auf ein Stativ oder eine entsprechende Montageschiene gesetzt werden. Hilfreich ist auch, wenn dieses Gegenstück selbst in einen Blitzschuh passt. Dann kann man es zum Beispiel in den kleinen Aufsteller stecken, der vielen größeren Blitzgeräten als Zubehör beiliegt, und der eben genau dazu dient, das Gerät getrennt von der Kamera zu positionieren.

Entfesselt blitzen - An der langen Leine
Selbst mit kurzen Kabeln kann man damit schon Porträts seitlich beleuchten. Dabei kann das Blitzgerät als Hauptlichtquelle dienen, um bewusst durch einen seitlichen Lichteinfall Akzente zu setzen. Oder man nutzt das seitlich gesetzte Blitzgerät als Aufhellblitz in heller Umgebung. Beispiel: Man will ein Modell vor einem Strand fotografieren, und das natürliche Licht kommt von einer Seite. Dann kann man mit dem externen Blitz gezielt die Gegenseite etwas aufhellen. Gerade in freier Natur und bei sich bewegenden Objekten wie einem Menschen sind auch beim Fotografen Bewegungsfreiheit und Flexibilität gefragt. Wenn man eine Hand frei hat, etwa weil man aufs Zoomen verzichtet und der Autofokus das Scharfstellen übernimmt, kann man in dieser freien Hand das Blitzgerät halten und den Beleuchtungswinkel kontinuierlich verändern.

Das alles geht auch in den Automatikeinstellungen im Zusammenspiel mit der Kamera komfortabel, weil das TTL-Kabel Blitz und Gehäuse so miteinander kommunizieren lässt, als wäre der Blitz direkt in den Blitzschuh eingesteckt. Damit funktionieren bei Systemblitzen unter anderem auch die automatische Einstellung des Zoomreflektors oder das Autofokus-Hilfslicht. Eine kleine Einschränkung gibt es allerdings: TTL-Kabel passen jeweils nur innerhalb der Gerätefamilie eines Herstellers.

© Fotograf: Norman Fritsch, SCWUPP...das Glas ist voll!, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Norman Fritsch, SCWUPP…das Glas ist voll!, Blende-Fotowettbewerb
Tabletop-Aufnahme mit 2 entfesselten Blitzen, einem Weinglas und eingefärbtem Wasser. Dabei war das Zimmer großflächig mit Folie ausgelegt, denn es hat gewaltig gespritzt. Das Bild ist out-of-Kamera und wurde nicht nachbearbeitet.
Systemübergreifend flexibel ist man mit einfachen Blitzkabeln (Blitzsynchronkabel oder Sync-Kabel). Diese Drähte waren vor vielen Jahrzehnten die Standard-Verbindung zwischen Kameras und Blitzgeräten, bevor sich der Mittenkontakt im Blitzschuh auf der Kamera-Oberseite durchsetzte. Was man also braucht, sind entsprechende Anschlüsse, so genannte Blitzsynchronanschlüsse (auch Prontor-Compur-Synchronanschluss genannt oder PC-Synchronbuchse), die an Kamera und Blitzgerät gleich aussehen. Diese runden Steckbuchsen sind heute vor allem bei den Kameras überwiegend höherwertig ausgestatteten Modellen vorbehalten. An derselben Buchse werden auch Studioblitzgeräte angeschlossen. Sie verbirgt sich bei modernen DSLR-Kameras und Blitzgeräten meist unter einer Plastik- oder Gummiabdeckung.

Wer keine solchen Buchsen an seinen Geräten vorfindet, kann sich mit Adapter-Lösungen im Zubehörhandel behelfen, die aus dem Mittenkontakt im Blitzschuh einfach eine PC-Synchronbuchse machen und umgekehrt. Auch gibt es zu den PC-Kabeln Verlängerungskabel. Da die Länge preislich kaum ins Gewicht fällt, sollte man sich mit mindestens fünf, besser zehn Metern eindecken. Damit ist man nicht nur hinsichtlich der maximalen Entfernung auf der sicheren Seite, sondern kann das Kabel auch im weiten Bogen um eine Location herumlegen, so dass es nicht im Bild stört. Das PC-Blitzkabel kann nicht viel, aber das Wesentliche: Es leitet den Blitzauslöseimpuls weiter. Das Blitzgerät erfährt – anders als bei TTL-Kabeln – rein gar nichts von der Kamera. Es muss daher im manuellen Modus betrieben werden. Will meinen: Das Gerät wird auf „dumm“ gestellt und gibt eine vorher eingestellte Menge Licht ab. Die richtige Belichtung erreicht man über diese Einstellung sowie über das Festlegen der Blende und der ISO-Empfindlichkeit an der Kamera. Auch diese wird am besten im manuellen Belichtungsmodus betrieben. Wichtig: Keine kürzeren Belichtungszeiten wählen als die Blitzsynchronzeit. Das ist die Belichtungszeit, mit der die Kamera gerade noch mit konventioneller Blitztechnik blitzen kann. Man findet sie in den Herstellerdaten bzw. in der Bedienungsanleitung. Sie liegt typischerweise bei einer 1/125 Sekunde oder 1/200 Sekunde. Für eine passende Belichtung kann man entweder viel rechnen und als Perfektionist einen externen Blitzbelichtungsmesser einsetzen, oder sich über Probeaufnahmen, die man am Display kontrolliert, an das optimale Ergebnis herantasten.

© Fotograf: Moritz Knuth, Wasserkrone, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Moritz Knuth, Wasserkrone, Blende-Fotowettbewerb
Das so angeschlossene Blitzgerät kann man natürlich genauso in der Hand bewegen wie eines mit TTL-Steuerung. In mancher Hinsicht ist man sogar flexibler. Zu Beispiel sollten im Regelfall kleine ausklappbare Blitzgeräte an der Kamera parallel dazu funktionieren. Vorteil: Der entfesselte Hauptblitz erhellt die Location, der Miniblitz setzt ein Glanzlicht frontal. Bei der Verwendung eines TTL-Blitzkabels kann die Kamera durchaus Zicken machen und den kleinen Klappblitz sperren. Auch gibt es für die spartanischen Blitzkabel simples, aber effektives Zubehör, um die Zahl der Lichtquellen zu vervielfachen. Mehrfachstecker erlauben es, gleichzeitig mehrere Blitzgeräte zu zünden. Auch die Auswahl der Blitzgeräte ist bei dieser Variante am größten. Es sind eben keine Systemblitzgeräte, die TTL unterstützen, notwendig. Sogenannte Strobisten-Blitzgeräte, die bei Anhängern des entfesselten Blitzens beliebt sind, bieten genau den nötigen Funktionsumfang: viel Power und fein abgestufte Dosierung bei einem günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis. Damit sind schon komplexe Beleuchtungssituationen zuverlässig machbar. Wie das dann auch ohne Kabelsalat funktioniert, und wo die Vor- und Nachteile kabelloser Steuerungstechnik liegen, darauf gehen wir in einem separaten Artikel ein.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2015

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