Das erste Mal digitales Mittelformat - Lohnt es sich? JA

Mittelformatkameras – Viel Reserve für Bildbearbeitung und Ausschnitte

Großes Sucherbild ermöglicht präzises Scharfstellen

Mittelformat-Kameras gelten als Königklasse unter den Aufnahmegeräten. Während Autofans von einem Porsche oder Rolls-Royce träumen, ist für viele ambitionierte Fotografen eine Mittelformat-Kamera das Objekt der Begierde. Sie verspricht höchste Abbildungsqualität und sind anders als das Großformat bequem mobil einsetzbar. Zwei Testmodelle lagen mit der Hasselblad (X1D-50c) und Fujifilm (GFX 50s) vor. Beide Kameras gehören zur modernen Klasse der spiegellosen Kameras mit einer deutlich leichteren Bauweise und einem geringeren Gewicht. Verglichen mit ihren Schwestermodellen mit Spiegeln bringen sie gerade einmal etwa die Hälfte auf die Waage. Beim Preis befindet man sich in der Oberliga – Entsprechend wertig sind die Kameras.

Hasselblad X1D-50c und Fujifilm GFX 50S
Die Hasselblad X1D-50c und die Fujifilm GFX 50S. Foto: Martin Wolf

Hochwertige Haptik, toller Look

Beide Kameramodelle haben rein optisch einen sehr unterschiedlichen Auftritt: Die Hasselblad beeindruckt mit elegant geschwungenen Kurven eines Porsche und modernem Look, der wie aus einem Aluminium-Block materialisiert wirkt. Die „kantigere“ Fujifilm mit dem Aufsatz á la Dachkantenprisma und der Verkleidung in genarbtem Leder erinnert eher an die solide, klassische Wertigkeit eines Rolls Royce.

Erstaunlich ist das geringe Gewicht. Beide Kameramodelle wiegen unter einem Kilo für das Gehäuse bzw. knapp darüber inklusive Standard-Objektiv. Damit sind sie leichter als in der Regel Kleinbild-DSLRs. Mehr Volumen als eine DSLR zeigt die Fuji. Dazu tragen nicht ganz unwesentlich die Objektive bei, die dank des größeren Durchmessers entsprechend voluminöser sind. Wer große Hände hat und seine Kamera darin gerne spürt, der ist hier richtig. Dem kommen auch die großen Einstellräder der Fujifilm entgegen. Sie sind eine Hommage an die historischen Kameras und lassen sich solide greifen und klar einrastend arretieren. Für zarte kleine Hände und untrainierte Armmuskeln ist das Gewicht eines Mittelformat-Boliden ggf. eine Herausforderung. Aber für den „schnellen“ Fotoschuss sind diese Kameras sowieso nicht gedacht. Ihr Lieblingsort dürfte das Studio sein oder mindestens ein solides Stativ. Hier punkten sie mit höchster Qualität. Die beginnt schon im Sucher. Die Fuji ist modular aufgebaut, so wie es die analogen Mittelformat-Fotografen noch kennen. Hier kann das Sucher-Modul ganz einfach gegen eine in flexiblen Winkeln einrastbaren Variante ausgetauscht werden.

Riesiges Sucherbild ermöglicht präzises Scharfstellen

Da beide Testmodelle spiegellose Kameras sind, verfügen sie über einen elektronischen Sucher und bieten auf diesem auch die Direktansicht der geschossenen Aufnahmen an. Alternativ steht ein Display an der Rückseite der Kamera bereit. Dessen Größe ist mit rund 3 Inch bei beiden Modellen fast gleich groß wie bei einer Profi-Kamera aus dem Kleinbild-Bereich. In der Auflösung unterscheiden sich die Modelle: Hasselblad liegt mit knapp einem Megapixel in etwa gleichauf mit dem spiegellosen Kleinbild-Topmodell OM-D E-M1 Mark II von Olympus, aber noch unter der Profi-DSLR von Canon mit 1,62 Megapixel. Fujifilm lässt mit 3,26 Megapixel beide weit hinter sich.

Auch in punkto Auflösung des elektronischen Sucherbildes unterscheiden sich die Mittelformat-Kameras deutlich: Die Hasselblad liegt mit 2,36 Megapixel auf gleichem Level wie die genannte spiegellose Profi-Kamera von Olympus. Fuji hat mit 3,69 Millionen die Nase vorn. Dies ist besonders nützlich, wenn man ins Bild zoomt und so die Schärfe direkt kontrollieren kann. Das macht bei den großen Suchern und Displays richtig Spaß. Schon beim Aufnehmen hat man das Gefühl, mitten im Bild zu sein.

Manuelles Fokussieren präzise und mit digitaler Unterstützung

Manuelles Fokussieren ist mit den traditionellen Schärferingen der Objektive kein Problem: Durch die vergleichsweise langen Wege der großen Objektivdurchmesser hat man das Gefühl, sehr präzise die Schärfe setzen zu können. Das ist auch nötig, denn der Schärfentiefenbereich ist selbst beim Normalobjektiv sehr schmal. Zur Hilfe kommt die moderne Technik mit dem sogenannten „Fokus Peaking“, das manche bereits von den kompakten Systemkameras kennen. Dabei werden im Display durch eine Kontrastfarbe im Bild die Schärfenbereiche optisch hervorgehoben. So sieht man sehr schnell, wo die Schärfe liegt.

Auch sonst profitiert man von den vielen Vorteilen der digitalen Technik: Extrem viele Einstellmöglichkeiten sind im Menü verfügbar, so dass jeder die Kamera auf seine individuellen Bedürfnisse anpassen kann. Dazu zählt natürlich eine flexible Wahl der Auflösung. Bis ISO 25.600 kann man die beiden Modelle hochdrehen, die Fuji sogar noch im erweiterten Modus bis ISO I02.000. Die Bildqualität ist erwartungsgemäß selbst bei hohen ISO-Werten beeindruckend gut – bei 25.600 sind noch deutlich alle Details zu erkennen. Auch fällt auf, dass generell fast kein Farbrauschen zu sehen ist.

Fujifilm GFX 50S - ISO 2000
Bei ISO 2000 sind noch feinste Details in der Pflanzenstruktur in der 1:1 Vergrößerung zu erkennen. Foto: Petra Vogt

Fujifilm GFX 50S - ISO 6400
Selbst bei ISO 6400 ist in der Vergrößerung bei einem Ausschnitt von 1:1 noch jedes Detail der Holzmaserung zu erkennen. Foto: Bernd Willeke

Beim Rauschen zahlt sich der im Verhältnis zu DSLRs und Systemkameras deutlich größere Sensor aus: Verglichen mit einer kompakten Systemkamera steht fast die dreifache Fläche zur Verfügung. Die Pixel liegen nicht so eng zusammen und sind größer. Sie stören sich somit gegenseitig weniger und entsprechend ist das Rauschen geringer. Allerdings bringen die Mittelformat-Kameras auch deutlich mehr Pixel auf dem Sensor unter. Während es bei einer Spiegellosen wie etwa dem Olympus-Flagschiff OMD-EM 1 rund 18 Megapixel und bei einer Profi-DSLR wie der Canon EOS-1DX Mark II 20 Megapixel sind, bringen es die Mittelformat-Kameras auf satte 50 Megapixel.

Herausforderung Datenmenge

Die 50 Megapixel bieten eine enorme Datenfülle, die viel Reserve für Bildbearbeitung und Ausschnitte liefert. Im Test konnten Belichtungsstufen von +/- 3 im RAW problemlos korrigiert werden. Selbst bis -5 war das noch machbar. Auch die Reserve für Ausschnitte ist dank der hohen Auflösung enorm.

Fujifilm GFX 50S - Ausschnittvergrößerung auf 2:1
Die Ausschnittvergrößerung auf 2:1 zeigt welch enormes Potenzial in den 50 Megapixel-Aufnahmen steckt. (hier die Hasselblad aufgenommen mit der Fujifilm). Foto: Petra Vogt

Hasselblad X1D-50c - Ausschnittvergrößerung auf 2:1
Die Ausschnittvergrößerung auf 2:1 der Hasselblad steht der Fujifilm (im Bild die Einstellräder) nicht nach. Foto: Petra Vogt

Wer sich die Aufnahmen auf einem 4K-Monitor anschaut, hat das Gefühl, sie wirkten irgendwie dreidimensionaler und lebensechter als die Kleinbild-Aufnahmen – kein Wunder bei der enthaltenen Datenfülle. Allerdings ist diese nicht nur ein Segen, denn sie führt auch zu einer hohen Dateigröße für jedes einzelne Bild von rund 100 MB im RAW-Format. Wer mit einer Mittelformat-Kamera fotografiert, sollte auch in Speicherkarten mit hoher Kapazität investieren. Aber auch eine schnelle Schreibgeschwindigkeit sollten sie erlauben, denn sonst wird das Fotografieren schnell zum Geduldsspiel. Schon das Anschauen des Fotos in der Vorschau auf dem Display oder im Sucher direkt nach der Aufnahme erfolgt nur mit Verzögerung.

Wer seine Fotos auf dem Rechner nachbearbeiten möchte – und erst dann können sie ihr enormes Potenzial voll ausspielen – sollte außerdem über einen potenten Computer verfügen. Mit älteren Modellen ohne SSD-Festplatte und mit zu wenig Arbeitsspeicher macht die Bildbearbeitung wenig Freude.

Fazit: Faszination Mittelformat

Spiegellose digitale Mittelformat-Kameras sind eine Augenweide und faszinieren. Man kann mit 50 Megapixeln auf eine enorme Auflösung zurückgreifen. Das führt zu wirklich beeindruckenden Bildergebnissen. Dafür muss man in der Anschaffung und den Folgekosten (potenter Rechner, schnelle Speicherkarten) tiefer in die Tasche greifen. Doch die Investition lohnt sich bei diesen Foto-Erlebnissen.

Fotografieren in der Praxis 09 / 2018

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