Farbwirkungen im Tagesverlauf

Blaue Lagune Bildgalerie betrachten

Blende ,“Blaue Lagune”
Wilfried Müller

Eine Photographenregel besagt, daß man während der mittleren Tagesstunden in der Sonne oder im offenen Schatten photographieren sollte, um natürliche Farben im Bild zu erhalten. Wird diese Regel durchbrochen, zum Beispiel, wenn der Auslöser in der Dämmerung oder bei Regen betätigt wird, erscheinen die Farben mitunter unnatürlich, aber überaus wirkungsvoll - vorausgesetzt man weiß, wie sich die Farbqualitäten je nach Tageszeit und Wetter ändern. Regeln, und das trifft besonders auf die Photographie zu, sind ab und an dazu da, mißachtet zu werden. Erst dann kann man die unendlich vielen Möglichkeiten des natürlichen Lichtes für sich photographisch ausnutzen.

Das Sonnenlicht von einem wolkenlosen blauen Himmel erscheint uns am Mittag ohne jede Farbtönung. Das menschliche Gehirn neigt dazu, dieses mittägliche weiße Licht als normal aufzufassen. Die Blau-, Grün- und Rottöne, die wir unter diesen Lichtbedingungen wahrnehmen, sind so wie Blau, Grün und Rot aussehen sollten. Die Farbbegriffe sind in unserem Gehirn verankert. Dies ist der Grund dafür, warum wir die tatsächlichen Farbbedingungen um uns herum nicht wahrnehmen. Das menschliche Gehirn läßt sich täuschen, nicht aber die Kamera. Diese Tatsache kann und sollte dazu genutzt werden, veränderte und besonders gut abgestimmte Farben in der Aufnahme zu erhalten. Das Tageslicht folgt einem bestimmten Ablauf:

Vor dem Sonnenaufgang
In den frühesten Stunden des Tages erscheint die Welt im wesentlichen schwarz und weiß. Das Licht ist kalt und schattenlos. Die Farben sind gedämpft. Ihre Intensität wächst langsam und verändert sich allmählich. Bis zum Augenblick des Sonnenaufgangs bleiben sie schwach.

Am frühen Morgen
Wenn die Sonne aufgeht, ändert sich die Beleuchtung, da die Strahlen der tiefstehenden Sonne die Atmosphäre durchdringen. Die Farbe des Lichtes ist wärmer als am Tage, denn die Strahlen legen einen größeren Weg zurück. Da die kälteren blauen Anteile von der Atmosphäre herausgefiltert werden, enthält das Licht einen größeren Anteil an roten und gelben Strahlen. Schatten erscheinen dagegen blau, weil ihnen goldenes Sonnenlicht fehlt und sie das Blau des Himmels reflektieren.

Mittagsstunde
Je höher die Sonne am Himmel steht, desto größer wird der Kontrast zwischen den Farben. Am Mittag erreicht dieser Kontrast, zumal im Sommer, seinen Höhepunkt. Da das weiße Licht dann keine Färbung aufweist, ergeben sich auch keine Verschiebungen zwischen den Objektfarben. Die Schatten sind schwarz.

Später Nachmittag
Wenn die Sonne untergeht, beginnt das Licht wieder wärmer zu werden. Das geschieht allerdings so allmählich, daß der Photograph sein Farbsehen trainieren muß, um es wahrzunehmen. Ist der Abend klar und bleibt die Sonne bis zum Untergang sichtbar, nehmen die Dinge eine übernatürliche Farbe an. Die Schatten werden länger und erscheinen blau. Die Oberflächenstrukturen werden interessanter.

Abend
Nach dem Sonnenuntergang bleibt ein großer Teil des Lichts am Himmel zurück - meist mehr, als in den Farben des Sonnenuntergangs von den Wolken reflektiert wird. Dieses Licht kann mit immer länger werdenden Belichtungen meist bis zur Dunkelheit genutzt werden und ergibt mitunter rötliche oder grün-violette Wirkungen, die sehr reizvoll sein können. Genau wie beim Sonnenaufgang gibt es keine Schatten und der Kontrast zwischen den Farben verringert sich immer mehr. Schließlich verschwinden in tiefer Nacht alle Farben.

Wetter
Das Wetter hat entscheidenden Einfluß auf die Farbwirkung. Nebel läßt beispielsweise perlmuttartige und gedämpfte Töne entstehen, die mitunter denjenigen vor dem Sonnenaufgang ähneln. Stürmisches Wetter hingegen gibt den tieferen Farbtönen Dramatik und Sättigung. Regen wiederum kann einige Farben dämpfen, andere bereichern, indem er blanke Oberflächen und überraschende Reflexe erzeugt.

Schlechtes Wetter gibt es für Photographen nicht. Sollen die Aufnahmen unter widrigen Bedingungen, wie sie bei Nebel und Regen vorliegen, überzeugen, so ist die Belichtungszeit zu verlängern. Wird auf Filmmaterial photographiert, so wirkt sich die Verlängerung der Belichtungszeit auf die Farbelemente aus. Zum Beispiel kann Grün nicht so stark wirken wie Rot, so daß die Photos rotstichig werden und Schwarz anstelle von Grün erscheint. Das ist eine Folge des Schwarzschildeffekts.

Welche Farbgebung die Aufnahme haben soll, hängt von den Absichten des Photographen ab. Der Photograph Andreas Feininger hat es wie folgt ausgedrückt: „Farbe kann einen von drei Zwecken erfüllen. Sie kann natürlich sein, das heißt die Farbe im Bild gibt die Farben des Objekts so wieder, wie sie in weißem Licht gesehen werden. Sie kann richtig sein, wobei sie nicht mehr unbedingt natürlich wirken muß. Sie kann wirkungsvoll sein, also ohne Rücksicht auf die Richtigkeit und Natürlichkeit ästhetisch befriedigen.“
 

Fotografieren in der Praxis 09 / 2005

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