Fotografie - Ein Lob der Anfängerfehler

© Fotograf: Anna Seifert (16), Frau mit Taube, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Anna Seifert (16), Frau mit Taube, Blende-Fotowettbewerb
Immer wieder werden in Beiträgen die sogenannten Anfängerfehler von fotografischen Einsteigern thematisiert – sicherlich auch, um diese auf den rechten Weg zu bringen. Wir fragen uns, inwieweit das für den Spaß an der Fotografie förderlich ist. Uns würde dies nicht beflügeln und irgendwie würden wir uns ausgegrenzt fühlen. Eventuell sind wir in diesem Punkt auch etwas sensibel. Dass wir das Thema Anfängerfehler aufgreifen, ist der Tatsache geschuldet, dass wir uns neulich geärgert haben, wie diese auf einem Fotoblog thematisiert wurden. Ausgeführt wurde beispielsweise, dass das Fotografieren im Automatikmodus ein typischer Anfängerfehler sei. Das sehen wir nicht so – auch wenn wir uns in unseren Praxistipps immer wieder dafür aussprechen, das Spiel mit Zeit sowie Blende zu wagen und den Automatikmodus auch mal zu verlassen. Das heißt aber ja nicht, dass der Einsatz des Automatikmodus ein grundsätzlicher Fehler ist.

Automatikmodus nicht verteufeln

© Fotograf: Philipp Veltmann (16), Eiersalat, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Philipp Veltmann (16), Eiersalat, Blende-Fotowettbewerb
Jeder, der fotografiert, kennt Situationen, in denen der Automatikmodus Gold wert ist, weil er hilft, den Moment der Momente einzufangen. Man sollte aus diesem Grund den Automatikmodus nicht generell verteufeln – er hat seine Berechtigung und nicht nur fotografische Einsteiger profitieren von ihm, denn dank Automatikmodus kann man sich voll und ganz auf sein Motiv konzentrieren. Zumal aktuelle Kameras unseren Erfahrungen nach mit Automatikfunktionen ausgestattet sind, die Überragendes zu leisten vermögen.

Denken Sie immer nach beim Fotografieren?

Als zweiter Anfängerfehler wurde in dem Beitrag das Fotografieren ohne nachzudenken ausgemacht. Wie intensiv denken wir beim Fotografieren nach? Was ist Intuition und wie viel ist Erfahrung? Also wir – und wir würden uns nicht als Anfänger bezeichnen – denken nicht bei jedem Bild nach, vieles gelingt aus der Erfahrung heraus. Würden wir immer nachdenken, dann hätten wir viele unserer Motive nie eingefangen, weil sie Geschichte wären bis wir den Auslöser betätigt hätten. Im Leben eines jeden Fotobegeisterten – ob Einsteiger, ambitioniert oder Profi – gibt es Ausschussware. Helmut Newton formulierte einmal „Die ersten 10.000 Aufnahmen sind die schlechtesten“. Das können wir jedoch auch nicht unterschreiben. Jeder, der fotografiert, durchläuft eine Entwicklung, die natürlich auch von Strömungen geprägt ist. Fotografieren bedeutet, sehen lernen und an seinen sowie den Bildern anderer zu reifen. Fotografie ist ein stetiger Weiterentwicklungsprozess in kleinen wie in großen Schritten. Für uns liegt darin auch ein wesentlicher Reiz. Da gibt es keinen Stillstand. Und dem einen ist die Bildsprache mehr in die Wiege gelegt und andere tasten sich mit jeder Aufnahme an den Erfolg heran.

Auch mal ungewöhnliche Bildkomposition wagen

© Fotograf: Florian Mueller, Talentierter Elefant in Thailand, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Florian Mueller, Talentierter Elefant in Thailand, Blende-Fotowettbewerb
Als dritter Anfängerfehler wurde mangelnde Bildkomposition ausgemacht und dazu aufgerufen, den klassischen Schemata wie etwa dem goldenen Schnitt zu folgen – das ist wenig motivierend für Einsteiger und stimmt für uns auch nicht. Blicken wir mal ein paar Jahre zurück: Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie und als der Nachwuchs verstärkt die Fotografie für sich entdeckte, entstand aus unserer Sicht eine neue Bildsprache und dies beinhaltete auch eine ganz neue Form der Bildkomposition. Das hat der Fotografie richtig gut getan, die Aufnahmen waren erfrischend – auch weil nicht immer die typischen Gesetzmäßigkeiten der Fotografie eingehalten wurden. Welcher Fotograf legte sich – außer er fotografierte ein Gänseblümchen – in den 80iger Jahren schon auf den Boden? Der Nachwuchs tat dies und zeigte uns „alten“ Hasen damit neue Perspektiven und Bildkompositionen auf. Unser Tipp an alle lautet daher, mit der Perspektive zu spielen – ob man nun Einsteiger ist oder ambitionierter Fotograf.

Sind Einsteiger Bildermessies?

© Fotograf: Eva Nou-Janele, Zicke, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Eva Nou-Janele, Zicke, Blende-Fotowettbewerb
Einsteiger, so war in dem Beitrag weiterhin zu lesen, zeichnet aus, dass sie Bildermessies sind, weil sie viel zu viele Aufnahmen aufheben würden. Auch hierzu haben wir andere Erfahrungen gemacht. Uns scheint es eher, dass es zwei Lager gibt und zwar völlig unabhängig vom Einsteiger- oder Fortgeschrittenenstatus: Das eine hebt alle Bilder auf und speichert gegebenenfalls die besten Aufnahmen in separaten Ordnern. Andere sortieren nach der Fototour radikal aus und sichern nur die besten Bilder. Der Rest fliegt weg. Wir gehören übrigens dem ersten Lager mit separaten Ordnern mit unseren besten Aufnahmen an. Wir können uns von unseren Fotos nicht trennen und zudem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Aufnahmen auch mit der Zeit an Bedeutung gewinnen können. Dies ist für uns beispielsweise bei Personenfotos der Fall. Wir finden an Bildermessies nichts Verwerfliches – die herausfordernde Aufgabe für sie ist allerdings ein gutes Archivierungssystem, damit sie nicht im Bilderchaos versinken.

Sind Einsteiger Freunde von Bildbearbeitung

Als Einsteiger outet man sich zudem – so war in dem Artikel zu lesen – dass man ein Fan von Bildbearbeitung ist und es mit dieser gern auch übertreibt. Für uns sind das realitätsferne Vorurteile. Gern würden wir dazu mal eine Umfrage machen, wie viele Einsteiger überhaupt ihre Bilder bearbeiten. Wir glauben, dass der Prozentsatz gar nicht so hoch ist. Wenn Bildbearbeitung die Nutzung der kamerainternen Filter mit einschließt, dann sieht es sicherlich etwas anders aus. Ob diese Filter von Einsteigern intensiver genutzt werden als von Ambitionierten, wissen wir nicht. Eigentlich ist es auch egal, denn wenn man Freude an diesen Filtern hat und der Ansicht ist, dass sie die gewünschte Bildaussage unterstreichen, dann haben sie auch ihre Berechtigung – ob man nun fotografischer Einsteiger ist oder ambitionierter Fotograf.

Kommen wir noch einmal zur Bildbearbeitung zurück und greifen als Beispiel HDR auf. Jeder hat sich früher oder später in HDR versucht – mal intensiver oder dann wieder zurückhaltender ausgelebt. Was ist schlecht daran? Denn schließlich bedeutet das, sich auf das kreative Spiel der Fotografie einzulassen und ihre Möglichkeiten für sich kennen zu lernen.

Fotografieren in der Praxis 10 / 2015

30 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
8 Kommentare

Ich finde es oftmals schon sehr arrogant wie manche gegenüber Einsteigern auftreten. Es ist so ein Schubladendenken verbreitet und definiert wird das Können oftmals über die Kameraausrüstung. Das ist richtig schade. Diesen Beitrag und auch die Kommentare finde ich klasse. Dann geben wir mal die Hoffnung nicht auf, dass sich die Einstellungen gegenüber Einsteigern mal ändert. Es wäre zu wünschen

von Claudia T.
30. Oktober 2015, 08:24:23 Uhr

Anfänger sind die, die etwas anfangen. D.h. sie wollen sich in der Fotografie mit dem Medium beschäftigen, Freude damit haben und etwas lernen. Deshalb ist es Unsinn festlegen zu wollen, was Anfängerfehler sind. Jeder Fotograf ist auch Anfänger egal auf welchem Niveau und mit welcher fachlichen oder künstlerischen Basis. Deshalb Bravo für Euren Artikel! Genau aus dieser unsinnigen Diskussion heraus habe ich vor 6 Jahren einen Treffpunkt für Marburger Fotografieinteressierte geschaffen, nämlich die Fotocommunity Marburg. Wir haben mit 10 Fotobegeisterten angefangen und sind heute über 80 Teilnehmer. Einmal mtl. treffen wir uns und tauschen uns über unser sehr unterschiedliches Können/Wissen/Kreativsein aus. Es gibt nur einen einzige Voraussetzung an unserer Fotocommunity teilzunehmen, nämlich die „Freude an der Fotografie“. Dies führt dazu, dass unsere Spannbreite vom Anfänger bis zum selbständigen Profi und von der 20 Jährigen bis zum 80 Jährigen reicht, außerdem ist unser Kreis bunt durchmischt von Frauen und Männern. In dieser Konstellation haben wir bereits 12 Ausstellungen durchgeführt und ein Ende ist nicht in Sicht. Hinzukommt, dass wir regelmäßig Preisträger beim Blende Wettbewerb und anderen Wettbewerben vorweisen können. Und dies alles, weil wir uns nicht an „Fehlern“ stören, sondern uns anregen zur eigenen Entwicklung in der Fotografie, was sich gerade in der aktuellen Ausstellung wieder dadurch bewahrheitet, dass die jeweils eigene kreative Sichtweise qualitätsvoll umgesetzt wird.

von Andreas Maria Schäfer
29. Oktober 2015, 16:42:38 Uhr

Der "goldene Schnitt" wird oft propagiert, bringt aber meist langweilige Bildansichten. Ich hatte bei Seminaren vor vielen Jahren einen Teilnehmer, der hat sich den "goldenen Schnitt" in die Mattscheibe ätzen lassen - 99 Prozent der Bilder waren schlimm. Ich kenne viele Profis, die im Privatleben heute mit der Automatik fotografieren, aber dazu den Blendenausgleich benutzen, also die plus/minus-Taste. Ist bei mir auch zu 70 Prozent der Fall. Mir ist bei vielen Lehrbüchern aufgefallen, dass immer noch Tipps genannt werden, die eher für die analoge Fotografie Gültigkeit haben. Wer die neuesten Möglichkeiten in der Kamera nutzt, hat auch neue Möglichkeiten in der Fotografie. Durch den 5-fach-Verwacklungsschutz kann ich beispielsweise oft auf das Stativ verzichten und komme trotzdem zu perfekten Fotos. Bei einigen Experimenten komme ich dafür um das Stativ nicht drumherum. Da gibt es noch sehr viele andere Features, die dem heutigen Amateur den Einstieg erheblich erleichtern. Zum Satz "ein Anfängerfotos ist so lange in Ordnung wie er seine Freunde hat"... stimmt, aber wenn diese Bilder nichts sind, sollte er auch keine Betrachter damit langweilen. Und wenn er sich an Wettbewerben beteiligt, muss es sich mit "Gestaltung und Komposition" auseinandersetzen - sonst landen die Bilder unter "Ablage - nicht angenommen". Es kommt immer darauf an, "was will ich mit meinen Fotos machen?"

von Detlev Motz
29. Oktober 2015, 08:10:05 Uhr

Helmut Newton formulierte einmal „Die ersten 10.000 Aufnahmen sind die schlechtesten“ Das Zitat von Helmut Newton ist auf Analoge Fotografie bezogen, und nicht auf Digitale da sind solche Zahlen nicht sonderlich schwer Fotografiere seit gut nem Jahr und bin bei c.a 40.000 Bildern und Trotzdem noch lange nicht am Ziel

von Felix
28. Oktober 2015, 20:31:26 Uhr

Sehr gut geschrieben...das macht Mut. Danke.

von Petra Jennessen
28. Oktober 2015, 17:20:55 Uhr

Die immer wieder runtergebetete Information " nur Anfänger knipsen mit der Automatik" scheint überhaupt nicht auszusterben ... schon zu analogen Zeiten war das Blödsinn denn 1 Parameter ist in der Automatikfunktion ja jederzeit verfügbar ( wenn der Fotograf auch weiß was er macht ) ! In der Digitalen Fotografie mit einer der aktuellen Matrixmessungen sind Fehlbelichtungen fast ausgeschlossen und mit Photoshop jederzeit korrigierbar ! Ein "Anfängerfoto" ist so lange in Ordnung wie der Anfänger seine Freude daran hat .... wenn er die nicht mehr hat dann bringt die Auseinandersetzung mit diesem Medium unter Umständen den Erfolg. Viel Spaß an Euren Bildern ! LG

von Hans Lachmann
28. Oktober 2015, 15:51:42 Uhr

Danke, Danke, Danke für den Beitrag. Kann Brigitte nur zustimmen

von Tobias
28. Oktober 2015, 15:26:31 Uhr

Prima! Das muss mal gesagt sein und deshalb Gratulation, dass es hier so deutlich ausgesprochen wurde!

von Brigitte Dürr
28. Oktober 2015, 13:16:49 Uhr

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden