Was versteht man in der Fotografie unter stürzenden Linien

Wie sich stürzende Linien vermeiden lassen

Warum stürzende Linien als gestalterisches Element das i-Tüpfelchen sein können

© Fotograf: Andreas Kling, The Wall, Blende-Fotowettbewerb
Andreas Kling, The Wall, Blende-Fotowettbewerb

Architekten sind bemüht, die von ihnen geplanten und errichteten Häuser möglichst gerade hochzuziehen. “Windschiefe” Konstruktionen hat man weniger gern, abgesehen vielleicht vom schiefen Turm zu Pisa. Auch, wenn ein solcher Bau die Touristen scharenweise anzieht, der Normalfall sind lotrechte Außenmauern. Die fotografische Abbildung macht die Anstrengungen der Baumeister bisweilen zunichte, nämlich immer dann, wenn eine Kamera mit starrem Objektiv nicht senkrecht auf das betreffende Gebäude gerichtet wird. Wer vor einem Hochhaus steht und dieses aus relativ kurzem Abstand bis zur Spitze auf das Bild bekommen will, muss die Kamera gewaltig gen Himmel schwenken. Auf den Aufnahmen sieht es dann so aus, als würden die an sich parallelen Außenwände nach oben hin zusammenlaufen. Diese im Foto auftretende Verjüngung des Bauwerks erweckt beim Betrachter den Eindruck des nach hinten Wegkippens. Man spricht deshalb auch von “stürzenden Linien“.

Was ist der Grund für stürzende Linien

© Fotograf: Sabine Reimers, Spiegelung, Blende-Fotowettbewerb
Sabine Reimers, Spiegelung, Blende-Fotowettbewerb

Grund für diesen auffälligen Effekt ist die Tatsache, dass bei der Aufnahme die angepeilte Häuserfront und die Sensorebene in der Kamera nicht parallel zueinander stehen. Mit einer Fachkamera, die über entsprechende Verstellmöglichkeiten verfügt, lassen sich stürzende Linien ebenso vermeiden wie mit Shift-Objektiven. Sie tragen gewöhnlich die Zusatzbezeichnung “PA”, “PC” und “PCS” und gestatten es, das Blickfeld der Kamera seitlich, nach unten oder nach oben zu erweitern, so dass in der jeweiligen Richtung ein größerer Aufnahmebereich erfasst wird, ohne die des Sensors aus der senkrechten Stellung neigen zu müssen. Bei einigen aktuellen Kameramodellen lassen sich stürzende Linien mit Hilfe von Kamerasoftware eliminieren.

Mit stürzenden Linien als gestalterisches Element spielen

© Fotograf: Tobias Gawrisch, Stargate, Blende-Fotowettbewerb
Tobias Gawrisch, Stargate, Blende-Fotowettbewerb

Wer über kein Spezialobjektiv bzw. über keine Kamera, mit der sich stürzende Linien softwareseitig eliminieren lassen, verfügt, braucht auf die Architekturfotografie keineswegs zu verzichten. Peilt man ein Bauwerk aus größerem Abstand mit einem Teleobjektiv an, muss die Kamera kaum noch die waagrechte Aufnahmerichtung verlassen. Kommt man aber um die kurze Brennweite nicht herum, weil das betreffende Objekt dicht umbaut ist, sind stürzende Linien unvermeidbar, aber kein Malheur, wenn sie als gestalterisches Mittel genutzt werden. Dieser Effekt macht sich umso gravierender bemerkbar, je kürzer die eingesetzte Brennweite ist. So führen stärkere Weitwinkelobjektive (28, 24, 21, 19 mm und kürzer) mit ihrer steilen Perspektive zu recht dramatischen Bildern. Man stelle sich mit einer entsprechend ausgerüsteten Kamera dicht vor einen Wolkenkratzer, einen Fernsehturm oder eine hohe Säule und schwenke das Objektiv steil nach oben.

© Fotograf: Thorsten Laudien, Blue Tower, Blende-Fotowettbewerb
Thorsten Laudien, Blue Tower, Blende-Fotowettbewerb

Diese Art der dynamischen Bildgestaltung lässt sich für vielerlei Zwecke einsetzen. Betonklötze, die man zu Wohnhäusern deklariert hat, ragen nun wie Pfeile in den Himmel. Die Säulen eines griechischen Tempels, steil von unten fotografiert, scheinen ihre Standfestigkeit zu verlieren. Stürzende Linien verfälschen zwar die Realität, sind aber ein legitimes gestalterisches Mittel. Wenn man nicht zu zaghaft ans Werk geht, verstärken sie den subjektiven Eindruck der räumlichen Ausdehnung eines Bauwerkes.

© Fotograf: Janine Acloque, Wolkenkratzer, Blende-Fotowettbewerb
Janine Acloque, Wolkenkratzer, Blende-Fotowettbewerb

„Blende“ – Der generationsübergreifende Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

Blende, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

Blende bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. „Blende“ schärft mit seinen jährlich wechselnden thematischen Vorgaben die Sinne. Die eingereichten Wettbewerbsbeiträge, zu „Blende 2017“ gingen über 80.000 Fotografien ein, sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch die Teilnahme an „Blende“ den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten.

„Blende“-Teilnehmer sind mit ihren eingereichten Wettbewerbsbeiträgen nicht nur wichtige Botschafter für die Fotografie. Sie treten den Beweis an, wie lohnenswert es ist, die Welt in der man sich aufhält aktiv wahrzunehmen.

Weitere Informationen zu „Blende“: https://www.prophoto-online.de/fotowettbewerb-blende

Fotografieren in der Praxis 06 / 2018

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