Fotografische Unschärfen als bildgestalterisches Element

Bildgalerie betrachten 60mm Makro, Blende 2.8, unruhiges Bokeh

Der Bereich des dreidimensionalen Raumes, innerhalb dessen in der Tiefe gestaffelte Objekte und Details in der zweidimensionalen Wiedergabe einer Fotografie noch als scharf wahrgenommen werden ist begrenzt. Diese als Schärfentiefe bezeichnete Ausdehnung des Schärfenraumes ist unter anderen abhängig von den optischen Eigenschaften des Objektivs und dessen Entfernungseinstellung. Als scharf empfinden wir jene Punkte des projizierten Bildes, auf denen die einfallenden Lichtstrahlen fokussiert wurden. Sie liegen bei optimaler Schärfe präzise in der Bildebene auf die das Objektiv scharf gestellt wurde. Je weiter sie von der Bildebene entfernt sind, desto größer werden diese Punkte und verändern sich, einfach ausgedrückt – zu immer größer werdenden Scheibchen, den als unscharf empfundenen Zerstreuungskreisen. Sie werden umso kleiner, je weiter die Blende des Objektivs geschlossen wird, wodurch sich der als scharf empfundene Raum weiter ausdehnt. Wird allerdings zu weit abgeblendet, also die Blende soweit geschlossen, dass nur noch wenig Licht hindurch gelangt und die Belichtung entsprechend verlängert werden muss, kommt es zu der sogenannten Beugungsunschärfe. Es gilt also einen Kompromiss zwischen maximaler Schärfentiefe durch Abblenden und Vermeidung der Beugungsunschärfe durch Öffnen der Blende zu erzielen.

Größe, Form und Ausprägung dieser Zerstreuungskreise bewirken, wie scharf oder unscharf Bilddetails erscheinen. Sind die Zerstreuungskreise so klein, dass sie das Auge nicht mehr auflösen kann, wird die Unschärfe vom Betrachter nicht als solche erkannt. So lassen sich die Entfernungsgrenzen innerhalb derer ein Foto noch als scharf angesehen wird, relativ einfach definieren. Das gilt gleichermaßen für die Punkte vor und hinter der Bildebene. Allerdings nimmt die Schärfenausdehnung vor der Fokusebene schneller ab als für die weiter entfernten Bildinhalte hinter der Fokusebene. Mit zunehmenden Abbildungsmaßstäben nimmt das Problem der Beugungsunschärfe zu und es wird immer wichtiger, den optimalen Kompromiss zu finden, der auch davon abhängt, wie stark das Bild anschließend vergrößert werden soll oder muss. Sowohl zum Erreichen der optimalen Ausdehnung der Schärfentiefe als auch um die als „förderliche Blende“ bezeichnete Blendeneinstellung nutzen zu können und dennoch ein von vorn bis hinten scharfes Foto zu erzielen, gibt es inzwischen leistungsstarke Software. Diese arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip wie die HDR-Technik, nur dass die als Basis dienenden Einzelbilder statt mit unterschiedlichen Belichtungen, mit unterschiedlichen Entfernungseinstellungen aufgenommen und am Ende zu einem den gesamten Raum scharf abbildenden Foto zusammengesetzt werden. Diese als Fokus Stacking bezeichnete Technik beherrschen bisher nur wenige Kameras. Sie kann aber auch halbautomatisch in der Nachbearbeitung angewendet werden. Sie ermöglicht es, sehr genau die Schärfenausdehnung den gestalterischen Absichten entsprechend anzulegen. Bisher war von Unschärfe die Rede, die durch optische Grenzen verursacht wird und auch bei perfekter Scharfstellung durch die optischen Gesetze begrenzte Schärfentiefe ihre Beschränkungen findet. Es gibt aber beispielsweise mit der Bewegungsunschärfe auch andere Ursachen für Unschärfe in der Fotografie.

Bewegungsunschärfe entsteht entweder durch schnelle Bewegung von Objekten innerhalb eines Motivs oder durch Bewegen der Kamera während der Belichtung. Letzteres kann durch unabsichtliches Verwackeln oder bewusstes Mitziehen der Kamera, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, verursacht werden. Auch die Veränderung der Brennweite bzw. Entfernungseinstellung bei geöffnetem Verschluss hat Bewegungsunschärfe zur Folge. Die wichtigsten Mittel unbeabsichtigte Bewegungsunschärfe zu vermeiden sind die Verwendung ausreichend kurzer Verschlusszeiten und/oder der Einsatz eines stabilen Stativs. Während Verwackeln meist zu komplett verwischten Bildern führt, werden bei Bewegungsunschärfe durch Bewegungen mit hoher Geschwindigkeit nur die Bildpartien unscharf, die das Objekt von Anfang bis Ende der Belichtung zurückgelegt hat. Eine weitere Sonderform von Bewegungsunschärfe entsteht durch eine lange Blitzsynchronzeit, bei der durch den kurz leuchtenden Blitz Bewegungen eingefroren werden können und durch die Bewegung von Kamera oder von Objekten im Motiv während der Verschlussöffnung abhängig von der Intensität des Umgebungslichtes zusätzliche Wischer entstehen können.

Ganz gleich welche Ursachen fotografische Unschärfen haben, wurde und wird sie gern von vielen Fotografen als gestalterisches Element für ihre Bilder verwendet.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2017

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden