Fotoobjektive erschließen neue Sichtweisen

Foto-Challenge: 1 Standort und wenigstens 10 Fotomotive

Als Besitzer einer Spiegelreflex- beziehungsweise kompakten Systemkamera hat man den großen Vorteil, situationsbedingt aus einem breiten Objektivangebot und damit unterschiedlichen Brennweiten auswählen zu können. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist lohnenswert! Je nach verwendeter Brennweite ändert sich die Sichtweise auf Motive und die gestalterischen kreativen Möglichkeiten sind quasi grenzenlos. Die Fotoaufgabe zum Nachmachen lautet: Von einem einzigen Standort aus gilt es, mit unterschiedlichen Brennweiten, Motive in Szene zu setzen. Diese Foto-Challenge zeigt am praktischen Beispiel, wie lohnenswert es ist, sich mit der Wirkungsweise von Brennweiten auseinanderzusetzen.

Ungewöhnliche Brennweiten (hier 18mm) und ungewöhnliche Aufnahmeperspektiven sorgen für Hingucker. Foto: Petra Vogt
Ungewöhnliche Brennweiten (hier 18mm) und ungewöhnliche Aufnahmeperspektiven sorgen für Hingucker.

Für die Foto-Challenge wurde der Brennweitenbereich von 18 bis 600mm – verteilt auf 5 Objektive – in den Foto-Rucksack gepackt. Aufnahmeort ist Hamburg. Die Landungsbrücken und die sich anschließende Elb-Promenade Richtung Baumwall bieten typische Motive der Hansestadt – vom Fluß bis zur neuen Elbphilharmonie lässt sich von hier aus alles abbilden.

Die Herausforderung: Alles von einem Standort

Die Aufgabestellung mit nur einem einzigen Standort wurde bewusst gewählt, um zu zeigen, wie der Einsatz verschiedener Brennweiten zu unterschiedlichen Bildergebnissen führt. (Link zu GoogleMaps).

Standpunkt ist die Überführung an der U-Bahn-Station Baumwall
Standpunkt ist die Überführung an der U-Bahn-Station Baumwall (GoogleMaps https://www.google.de/maps/@53.5437655,9.9799183,19.84z)

Bei der Foto-Challenge hat man die Option einen festen Aufnahmestandpunkt zu wählen und in diesem zu verharren oder sich zu bewegen und zu drehen. Beide Optionen regen die Kreativität an und der Fotospaß ist garantiert. Statt Motive abzulaufen, ist man gezwungen, sich auf einen Motivausschnitt zu fokussieren und diesen unter Nutzung unterschiedlicher Brennweiten visuell wirkungsvoll in Szene zu setzen. Fotografisch anspruchsvoller ist ein Kamerastandpunkt – am besten die Kamera auf einem Stativ fixieren – und nur die Objektive/Brennweiten zu variieren.

Der konventionelle Blick: Das Normalobjektiv

Ein Objektiv mit einer 50-er Brennweite entspricht im Sehwinkel in etwa dem unserer Augen – das entsprechende Objektiv wird daher gerne auch „Normalobjektiv“ bezeichnet.

Hier der Blick mit dem Normalobjektiv (50mm Brennweite) Foto: Petra Vogt
Hier der Blick mit dem „Normalobjektiv“ (50mm Brennweite)

Normalobjektive liefern meist eine konventionelle Sicht, da man den Blickwinkel gewohnt ist. Möchte man davon abweichen ist es notwendig, mit der Aufnahmeperspektive zu spielen. Die Rede ist hier beispielsweise von der Frosch- oder Vogelperspektive oder ein ungewöhnlicher Blickwinkel von der Seite. Die Aufnahme hier entstand aus leicht erhöhter Position.

Den Blick öffnen: Weitwinkel-Objektive

Spannender wird es, wenn man Weitwinkel-Brennweiten von weniger als 50mm nutzt. Wie der Name schon sagt, wird der Blickwinkel dabei größer. Das ist vor allem in engen Räumen oder an beengten Standorten, wie etwa einer Gasse vor einem Kirchenportal, ein großer Vorteil. Mit einem starken Weitwinkel wirkt ein Motiv aber auch generell imposanter und mit einem entsprechenden Himmel manchmal sogar fast schon bombastisch. Ultra-Weitwinkel eignen sich daher besonders für Landschaften, um hier die Weite zu visualisieren. Wer jemals Island bereist hat, wird ein Loblieb auf das Ultra-Weitwinkel singen.

Mit 28mm wählten wir hier eine typische Weitwinkel-Brennweite. Foto: Petra Vogt
Mit 28mm wählten wir hier eine typische Weitwinkel-Brennweite.

Ein Vor- und Nachteil von Weitwinkel-Objektiven ist, dass der Schärfentiefenbereich größer ist. Es verschwimmt in der Regel nichts in der Unschärfe. Das bedeutet aber auch, dass man seinen Bildausschnitt klug wählen sollte, denn sonst sehen Weitwinkel-Aufnahmen schnell beliebig oder gar langweilig aus. Eine Faustregel von Foto-Trainern lautet daher „Vordergrund macht Weitwinkel-Bild gesund“. Interessanter wird ein Bild meist dann, wenn der Vordergrund ein Objekt enthält. Der Bildbetrachter hat somit einen Fixpunkt. Bei dem hiesigen Bildbeispiel war die Auswahl bei dem auferlegten fixen Standort nicht groß. Die Wahl fiel auf die Linien des Geländers als gliederndes Vordergrund-Element.

Bei einem starken Weitwinkel (auch „Ultra-Weitwinkel“ genannt) bietet sich häufig auch ein niedrigerer Standpunkt an, um einen noch imposanteren Effekt zu erzielen (siehe dazu das Aufmacher-Foto). Allerdings können beispielsweise in der Architekturfotografie an den geraden Linien auch Verzerrungen auftreten. Darauf ist bei der der Aufnahme zu achten, denn die Bildwirkung kann ggf. dadurch herabgesetzt werden. Man kann sich den Effekt aber auch zu Nutze machen und ihn übertreiben. Die andere Option ist die Korrektur mittels Bildbearbeitung.

Weit entferntes nah heran holen: Tele-Objektive

Genau umgekehrt wie beim Weitwinkel sieht es aus, wenn man die Brennweite vergrößert und in den Tele-Bereich geht. Nun kann man Entferntes nah heran holen und Details sichtbar machen. Besonders attraktiv ist das, wenn es Elemente sind, die man mit bloßem Auge gar nicht mehr so genau erkennen kann. Hier macht schon das Aufnehmen Spaß, denn mit einem Teleobjektiv wird das Fotografieren zur Entdeckungstour.

Mit einer Brennweite von 200mm lässt sich die Elbphilharmonie schon sehr gut heranholen. Foto: Petra Vogt
Mit 200mm lässt sich die Elbphilharmonie schon sehr gut heranholen.

Bei einer Brennweite von 600mm kann man sogar Details der Dachverkleidung erkennen und ahnen, was sich hinter den Fenstern verbirgt. Foto: Petra Vogt
Richtig Spaß macht es mit 600mm: Da kann man sogar Details der Dachverkleidung erkennen und ahnen, was sich hinter den Fenstern verbirgt.

Dabei gilt: Je größer die Brennweite, desto stärker der Tele-Effekt. Spannend wird es ab etwa 100 mm. Gleichzeitig bewirkt das Tele aber auch noch zwei weitere Veränderungen im Bild: Der Hintergrund verschwimmt in Unschärfe. Das liegt daran, dass der Schärfentiefenbereich geringer wird. Der Effekt ist sehr nützlich, denn er trennt Vordergrund und Hintergrund und lenkt damit den Blick.

Eine Brennweite von 400mm lässt den Hintergrund schön in der Unschärfe verschwimmen. Foto: Petra Vogt
Eine Brennweite von 400mm lässt den Hintergrund der zufällig gerade anwesenden Straßenmusikerin schön in der Unschärfe verschwimmen.

Ein weiterer Nebeneffekt vom Teleobjektiv: Motive wirken tendenziell flächiger. Bei Gesichtern kann man das wunderbar studieren. Einfach ausprobieren. Wichtig ist, auf die Nase zu achten. Porträtfotografen bevorzugen leichte Teleobjektive (80mm), auch deshalb, um den Porträtierten nicht zu nah auf die Pelle zu rücken. Das ist nämlich der Fall, wenn ein Weitwinkelobjektiv zum Einsatz kommt. Die Nase wirkt hier zudem meist „knubbeliger“.

Spaß mit Spezialisten: Vom Fisheye bis zum Makro

Wer die typischen Brennweiten durchprobiert hat, für den bieten Spezial-Objektive eine zusätzliche Erweiterung der Möglichkeiten. Ein häufig einsetzbares ist ein so genanntes „Makro“. Mit ihm kann man Objekte ganz nah heran holen. Meistens sieht man damit mehr als mit bloßem Auge und es erschließen sich faszinierende Details. Mit den anderen Objektivtypen geht das normalerweise nicht, da sie eine so genannte „Naheinstellgrenze“ von meist mehr als 50 Zentimetern haben, bei Teleobjektiven liegt diese meist oberhalb von 1,5m. Ein Objekt, das sich näher befindet, kann nicht mehr scharf abgebildet werden. Beim Makro dagegen kann man auch sehr nah an das Objekt heran gehen.

Schraube am Geländer. Makro-Aufnahme, Brennweite liegt bei 90mm. Foto: Petra Vogt
Diese Schraube befindet sich am Geländer, das direkt am Rand des Aufnahmestandortes entlang läuft. Die Brennweite liegt bei 90mm.

Ähnlich wie beim Teleobjektiv ist beim Makroobjektiv der Schärfentiefenbereich sehr schmal und man muss sehr genau einstellen, was man wirklich scharf haben möchte.

Kiesel im Fußboden-Belag. Makro-Aufnahme, Brennweite liegt bei 90mm. Foto: Petra Vogt
Das sind die Kiesel im Fußboden-Belag. Durch das Abkippen der Kamera entsteht eine sehr geringe Schärfezone. Die Kamera wurde so ausgerichtet, dass sich der einzige rote Kiesel in der Bildmitte befindet. Die Brennweite liegt bei 90mm.

Bei lebenden Objekten gilt die Faustregel, dass man am besten auf die Augen scharf stellt. Bei sich bewegenden kleinen Tieren wie etwa Bienen passiert es aber selbst Profis, dass sie viel „Ausschuss“ produzieren. Hier darf man sich nicht entmutigen lassen!

In der Gruppe der „Spezialisten“ gibt es noch einige weitere Objektiv-Typen: Die Extrem-Form des Weitwinkels nennt man Fisheye. Hier ist der Bildwinkel so groß und die Verzerrung so stark, dass die äußeren Ränder der Aufnahme zum Kreis werden. Ein Spezialist für Architektur ist ein Tilt-Shift-Objektiv. Mit ihm kann man die Aufnahmeebene verschwenken, um zum Beispiel stürzende Linien zu vermeiden.

Ausleihen und Testen

Verfügt man für die hier vorgestellte Foto-Challenge noch nicht über ein größeres Objektivsortiment so bietet der Fotohandel (online und stationär) heute die Option, sich Objektive gegen Gebühr ausleihen zu können. Auf diese Art und Weise kann man die Wirkungsweise bestens testen und für sich herausfinden, welches Objektiv man für die Entfaltung des eigenen fotografischen Spiels favorisiert.

Fazit: Brennweiten erweitern den Horizont

Unterschiedliche Brennweiten einzusetzen, macht viel Spaß und sorgt dafür, dass die eigenen Aufnahmen abwechslungsreicher werden. Zu der hier vorgestellten Foto-Challenge können wir nur raten.

Anmerkung: Für die Fortgeschrittenen sei noch angemerkt, dass die Aufnahmen mit einer kompakten Systemkamera gemacht wurden und die Brennweiten entsprechend aufs typische Kleinbild umgerechnet wurden. Wer dazu mehr erfahren möchte, liest unseren Beitrag „Der Crop-Faktor – Brennweite und Sensorgröße“.

Fotografieren in der Praxis 06 / 2018

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