Fotosafari: Aug in Aug mit Reiher und Mäusebussard dank Turbo-Tele

(Alle nicht anderweitig gekennzeichneten Fotos sind Original-Schüsse von uns, d.h. von Digiskopie-Einsteigern gemacht und entsprechend auch von Ihnen zu schaffen)
(Alle nicht anderweitig gekennzeichneten Fotos sind Original-Schüsse von uns, d.h. von Digiskopie-Einsteigern gemacht und entsprechend auch von Ihnen zu schaffen)
Ob Reiher beim Fischfang oder ein Porträt eines Mäusebussards: Wer Fernes gerne nah heranholt, braucht viel Brennweite. Bei konventionellen Objektiven ist jedoch für die meisten Fotografen schon bei unter 1.000 mm Schluss. Wer mehr will, muss zum Spektiv greifen. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um eine Art Fernglas, das zum Super-Tele umrüstbar ist. Wir haben uns die Fernoptik ausgeliehen und auf einer Fotosafari in Hamburg getestet, wie einfach Fotografen der Umstieg fällt.

Die Carl Zeiss Vogelstation des NABU in Wedel ist ein idealer Ort, um das Turbo-Tele zu testen. Sie liegt idyllisch direkt hinterm Deich und bietet heimischen Arten ebenso ein Zuhause wie einen Rastplatz für durchreisende. Wir haben uns in den Beobachtungshütten schon öfter mit konventionellen Teleobjektiven auf die Jagd nach dem perfekten Vogelbild gemacht. Mit einer DSLR und einer kompakten Systemkamera kamen wir auf maximal 600 beziehungsweise 900mm Brennweite und haben uns schon oft mehr gewünscht.

Fotosafari: Aug in Aug mit Reiher und Mäusebussard dank Turbo-Tele
In der Station sind mehrere Spektive von der Firma Zeiss aufgebaut, die verlockend zeigen, wie nah man mit der richtigen Ausrüstung an die Tiere herankommen kann: Da sieht man die silberglänzenden Schuppen des gerade gefangenen Fisches, der im Schnabel des Reihers zappelt. Allerdings sind diese Exemplare zum Beobachten und nicht zum Fotografieren installiert. Grundsätzlich möglich ist das aber mit entsprechenden Zusatzadaptern. Für eine solche Ausrüstung werden jedoch typischerweise mindestens 2.500 bis 3.000 Euro Komplettpreis fällig. Vor einer Investition in dieser Höhe wollten wir erst mal ausprobieren, ob das Fotografieren mit Spektiv wirklich etwas für uns ist. Praktischerweise bekamen wir vom renommierten österreichischen Spektiv-Hersteller Swarovski – der übrigens Teil der für seine Juwelen bekannten Unternehmensgruppe ist – das Angebot eines seiner Systeme zu testen. Zur Verfügung gestellt wurde uns ein 95mm Spektiv mit einem Zoomfaktor von 30- bis 70fach. Je nach angeflanschter Kamera erreicht man damit zwischen rund 900 und 4.000 Millimeter (also 4 m!) Brennweite (bezogen auf Kleinbild).

Als das Paket ankam staunten wir Objektiv-gewohnte Fotografen erst einmal, denn die Ausrüstung besteht aus mehreren Teilen: Zunächst sind da Spektiv und Okular. Damit man damit fotografieren kann, wird noch ein Adapter benötigt. Je nach System sind Klapp- oder eine Art Stülpadapter erhältlich. Uns wurde der TLS-Apo – eine Art Stülpadapter, der eine stabile Verbindung von Kamera und Spektiv ermöglicht – mitgeliefert. Damit verschiedene Aufnahmegeräte daran angesetzt werden können, benötigt man noch einen T2-Ring mit entsprechendem Objektivbajonett. Dieser wird dann an die Kamera wie ein konventionelles Objektiv angeschraubt. Wer eine Kompaktkamera oder gar ein Smartphone adaptieren möchte, benötigt eine entsprechende Spezialvariante.

Fotosafari: Aug in Aug mit Reiher und Mäusebussard dank Turbo-Tele
Zunächst ist also erst einmal Steckarbeit angesagt, bevor das Spektiv schließlich in beeindruckender Gesamtlänge von rund 50 cm vor einem liegt. Erstaunlicherweise ist es leichter als es aussieht. Dennoch halten sich die rund 3 kg weder einfach mit der Hand noch mit einem leichten Reisestativ, das wir typischerweise sonst mitnehmen. Für ein Spektiv ist eine ordentliche Mittelklassevariante mit einer ausreichenden Tragkraft angesagt. Ideal ist eines mit möglichst geringer Schwingung wie etwa ein Holzstativ oder eines aus Carbon. (Wer benötigt, findet Tipps zum Stativkauf in unserem Beitrag „Die dritte Hand des Fotografen“). Beim Kopf merken wir ebenfalls schnell, dass unser sonst geliebter Kugelkopf nicht ideal ist. Ein 2-Wege Video-Kopf mit Fluid-Neiger ist deutlich empfehlenswerter. Wer – wie wir – gerade keinen hat, kann aber auch notfalls einem normalen 3-Wege-Kopf einsetzen.

Als alles wieder ordentlich im großen Fotorucksack verpackt ist – jetzt bewährt sich das Stecksystem – machen wir uns dann umweltfreundlich mit dem Fahrrad auf den Weg in die Vogelstation. Mit dem Auto muss man einen Fußweg von etwa 15 Minuten auf sich nehmen. Unpraktisch ist, dass die Öffnungszeiten am Mittwoch, Donnerstag und Wochenende von 10 bis 16 Uhr nur sehr begrenzt sind und nicht in den idealen Tier-Bebachtungszeiten liegen. Vorher und nachher ist die Station zugeschlossen und das Gelände darf aus Artenschutzgründen nicht betreten werden. Durch die zurückgesetzte Lage kann man selbst mit dem Spektiv nicht wirklich vom Zaun oder von außerhalb gute Bilder der Vogelteiche machen. Immerhin bietet das Deichvor- und hinterland eine Reihe weiterer Motive – dazu später mehr.

Angekommen in der sehr gut gepflegten Vogelstation müssen wir uns zunächst für eine der drei Beobachtungshütten entscheiden und unser Spektiv aufbauen. Als das erledigt ist, geht es auf Bilderjagd. Trotz der eher ungünstigen Zeit am frühen Nachmittag kommt uns direkt ein Silberreiher vor die Linse. Faszinierend zu sehen ist, wie er einen Fisch fängt. Da man so viele Details sieht, ist der Tümpel spannender als Fernsehen. Durch das Spektiv kann man sogar die Schwanzflosse im Schnabel zappeln sehen. Das wollen wir natürlich auch auf die Speicherkarte bannen.

Das Digiskopieren – wie sich das Fotografieren mit dem Spektiv nennt – ist aber gar nicht so einfach. Zunächst sind die Bilder unscharf. Der Digiskopie-Spezialist und Workshop-Leiter Dr. Jörg Ketzschmar erklärt uns, dass das ganz normal ist bei Einsteigern und hat eine Reihe von Tipps fürs scharfe Bild parat. Die knackscharfe Aufnahme beginnt damit, nicht in maximaler Teleeinstellung zu fotografieren. Überhaupt wird es schwieriger ein gutes Bild zu bekommen, je weiter man weg ist, da das Spektiv nicht nur die Motive, sondern auch allen Dreck und Schmutz in der Luft vergrößert. „Hitzeflimmern an einem heißen Tag über dem Wasser wirkt wie ein Panzerglas“ erklärt uns der promovierte Biologe, der sogar schon im Urwald digiskopiert hat. Er empfiehlt daher für Einsteiger Motive im Abstand von 20 bis maximal 70 Metern.

Weiterhin sei – wie beim konventionellen Fotografieren auch – auf die Belichtungszeit zu achten. Die alte Daumenregel, dass die Belichtungszeit etwa 1/Brennweite erreichen sollte, gilt beim Spektiv auch. Bei einer Brennweite von mehr als 1.000 mm bedeutet das vor allem die ISO-Zahlen nach oben zu schrauben. Die Blende kann man beim Spektiv nämlich nicht verstellen. Sie liegt bei unserem System bei 8,8 aufwärts (je nach Zoomeinstellung). Um ausreichend kurze Belichtungszeiten zu erreichen, müssen wir bei unserem Shooting meist mehr als 1.000 ASA einstellen. Hier ist klar im Vorteil, wer über ein aktuelles Kameramodell verfügt, da die Sensoren in den letzten Jahren enorme Fortschritte bei hohen ISO-Zahlen gemacht haben. Gut dran ist auch, wer über eine Kamera mit Bildstabilisator im Body verfügt, denn damit gewinnt man etwa zwei Blendenstufen.

Ein weiterer Faktor für die Verwacklung sind Verschluss und Spiegel (bei DSLRs). Wir sind mit einer DSLR und einer spiegellosen Systemkamera unterwegs und merken schnell, dass die spiegellose einige Vorteile hat: Unsere bietet einen elektronischen Verschluss, der keine mechanische Erschütterung mehr mit sich bringt, wenn man ihn über einen Fernauslöser betätigt. Hektische Bewegungen und Herumtrampeln in der Beobachtungshütte sind natürlich sowieso tabu. Die äußere Ruhe, die nötig ist, überträgt sich praktischerweise irgendwann auf uns und sorgt für Entspannung. Vielleicht ist das einer der Geheimnisse, warum Naturfotografen so begeistert von ihrer Disziplin sind.

Innere Ruhe ist auch dringend beim Scharfstellen nötig. Da der Autofokus nicht übertragen wird, muss man präzise manuell fokussieren. Autofokus wäre wenig sinnvoll, denn die Schärfentiefe liegt – dank der extremen Brennweite – gerade mal bei einer Daumenbreite. Profi Ketzschmar empfiehlt deshalb ein zweistufiges Verfahren zum fokussieren: „Im ersten Schritt stellt man die Grundschärfe ein, im zweiten überlegt man dann, wo die Schärfe zum Erreichen der gewünschten Bildaussage genau liegen muss. Bei einem Tier sind das in der Regel die Augen.“ Wir merken schnell, dass für dieses Verfahren Feingefühl, scharfe eigene Augen und viel Konzentration nötig sind.

Dem Profi gelingen solche – wir können davon nur träumen. Foto: Dr. Jörg Kretzschmar/ozellus.de
Dem Profi gelingen solche – wir können davon nur träumen. Foto: Dr. Jörg Kretzschmar/ozellus.de
Gute Hilfsmittel fürs Scharfstellen sind Sucherlupe und Fokus-Peaking der Systemkamera. Bei der DSLR nehmen wir uns den Kauf einer separaten Sucherlupe vor, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen. Aber trotz aller Hilfsmittel sind viele Bilder nicht ganz scharf. Kretzschmar verrät uns später, dass schlichtweg auch sehr viel Übung dazu gehört, die exakte Schärfe zu treffen und empfiehlt zum Einstieg Tierparks oder Zoos. Belohnt wird man dann mit einem beeindruckenden Kontrast von Detailreichtum in den scharfen Stellen und einem sehr unscharfen Hintergrund. Zusammen ergibt das einen cineastischen Look der Bilder – im wahrsten Sinne des Wortes „großes Kino“.

Wir Einsteiger scheitern aber oft schon daran, das Tier überhaupt in den engen Bildausschnitt des Spektivs zu bekommen. Auch dafür hat Kretzschmar einen Trick: „Einfach über das Spektiv drüber schauen und ausrichten. Profis schauen dann später mit einem Auge in die Szenerie und mit einem durchs Spektiv. Das ist einfach Übung.“ So weit sind wir aber noch lange nicht…

Fotosafari: Aug in Aug mit Reiher und Mäusebussard dank Turbo-Tele
Dennoch packt uns die Begeisterung trotz der technischen Hürden schnell: Das Jagdfieber nach dem perfekten Bild ergreift uns und wir vergessen völlig die Zeit. Es muss doch zu schaffen sein, den Reiher genau beim Packen des Fisches aufs Bild zu bekommen. Natürlich steht der genauso lange völlig still, bis man die Geduld verliert und auf ein anderes Motiv fokussiert – um genau in dem Moment nach dem Fisch zu schnappen. Umso größer ist dann die Freude, wenn es gelungen ist, selbst wenn das Ergebnis nicht 100%ig knackscharf ist.

Fotosafari: Aug in Aug mit Reiher und Mäusebussard dank Turbo-Tele
Die Ranger vom NABU müssen uns schließlich an das Ende der Öffnungszeiten erinnern, so sehr haben wir die Zeit vergessen und den Wunsch noch viel länger das faszinierende Schauspiel zu beobachten. Wir suchen uns die nächsten Motive daher auf dem Deich und digiskopieren Schafe. Wer hätte gedacht, dass die Deichpfleger so schöne Augen haben?

Uns hat das Digiskopie-Fieber so gepackt, dass wir als nächstes den Tierpark Hagenbeck unsicher machen. Da die Tiere dort insgesamt näher sind, kann man mit dem Spektiv sogar Details herausgreifen: Wir entdecken, welch wunderschöne Wimpern eine Giraffe hat und dass Löwen in der Iris bunte Sprenkel aufweisen. Das verlangt nach mehr und wir wünschen uns jetzt ein Digiskopie-System. Profi Kretzschmar rät, nicht am falschen Ende zu sparen und auf ein qualitativ hochwertiges System zu setzen. „Sonst ist die Enttäuschung nachher bei den Bildergebnissen groß“.

Weiterführendes Video:

Weiterführende Links:

Bildbeispiele von Jörg Kretzschmar:

http://www.selbstsam.de
http://www.glanzlichter.com

Ein Ratgeber zum Digiskopieren:

http://www.faunoekjmueller-magdeburg.de/Digiscoping/Digiscoping_de.pdf

Fotografieren in der Praxis 09 / 2015

1 Kommentare

Hab das mal versucht. Man muss sich wirklich herantasten bis die Aufnahmen scharf werden.

Thomas

von Thomas
16. September 2015, 14:43:49 Uhr

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