Fototipp: Raus aus der Bildmitte - oder aber nicht

© Blende, Erik Oettinghaus, Weg ins Ungewisse... Bildgalerie betrachten

© Blende, Erik Oettinghaus, Weg ins Ungewisse…

Eine Fotografenregel besagt, Fotomotive nicht in die Bildmitte zu platzieren – macht dies doch Aufnahmen schnell langweilig, weil kein Spannungsbogen aufgebaut wird. Warum aber platzieren gerade fotografische Einsteiger ihr Hauptmotiv bevorzugt in die Bildmitte? Sicherlich hängt dies zum einen mit unseren Sehgewohnheiten zusammen. Diese zeigen in der Regel einen größeren Ausschnitt als Fotografien. Zudem nehmen wir die Welt mit unseren Augen dreidimensional wahr – Fotografien sind jedoch nur zweidimensional wodurch Motive natürlich ganz anders im Raum wirken. Ein weiterer Grund liegt vielfach im verwendeten Kameramodell begründet. Gerade preisgünstigere Kameramodelle verleiten dazu, weil der Autofokus auf die Mitte justiert ist.

Grundsätzlich sollte man sich die Fotografenregel „Raus aus der Mitte“ zu Herzen nehmen. Als Allgemeingültig sollte sie jedoch nicht angesehen werden, gibt es doch auch Situationen, in denen es durchaus Sinn macht, die Bildmitte zu gestalten. Denken wir hier zum Beispiel an die Fluchtperspektive – sehr beliebt bei Straßenverläufen und Innenaufnahmen von Tunneln. Wird hier die Bildmitte genutzt, dann gelingt es, den Blick des Betrachters quasi sogartig in das Bild hineinzuziehen. Wichtig ist natürlich, dass wenn man auch wirklich die Bildmitte wählt und von dieser auch nicht zu weit nach rechts oder links abweicht. Minimale Abweichungen – aber wirklich nur wenn sie marginal ausfallen, sind zu tolerieren. Aus diesem Grund ist der Einsatz eines Stativs – bevorzugt Dreibein – sinnvoll. Von der angenommenen Mitte geht man einen-, zwei- oder auch drei Schritte nach rechts beziehungsweise Links und macht jeweils eine Aufnahme. Zuhause am Rechner hat man so die Option, die sieben Aufnahme diejenige auszuwählen, bei der man der Bildmitte an nächsten ist. Die Kamera sollte natürlich auch gerade ausgerichtet sein. Hier ist eine Wasserwage am Stativ ebenso sehr hilfreich wie das Einblenden der Gitternetzlinien über die Kamera.

Besonders beliebt im Zusammenhang mit der Fluchtperspektive ist ein dunkler Fluchtpunkt in der Mitte – dieser wirft in der Regel Fragen, aber auch gegebenenfalls Unbehagen beim Betrachter auf. Verbunden damit ist, dass die Auseinandersetzung mit der Aufnahme steigt und man diese damit wesentlich intensiver betrachtet. Ein sehr geschätztes Gestaltungsmittel ist in Bezug auf die Tunnel- aber auch der Zentralperspektive ist das Spiel mit den Größenverhältnissen. Das menschliche Auge schätzt es, wenn diese ungleich sind. Die Unterschiede müssen übrigens nicht einmal so groß ausfallen.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2016

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