Fototipp: Fotografieren an Gedenkorten

© Fotograf: Regina Dümesnil, So viele Seelen!, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Regina Dümesnil, So viele Seelen!, Blende-Fotowettbewerb
Es gibt ein kollektives fotografisches Gedächtnis der Menschheit. Betonpfosten, Drahtzaun an Isolatoren, eine neblig-graue Landschaft – alles in Schwarzweiß. Die Szenerie ruft sofort Bilder aus düsterster Vergangenheit in unser Gedächtnis auf. Orte des Schreckens gab es und gibt es leider unzählige auf dieser Welt. Wo einst Menschen litten und starben, erinnert heute im besten Fall eine Gedenkstätte an die Zeiten des Terrors und seiner Opfer. An manchen Orten sind noch Teile der einstigen Anlagen erhalten oder wurden nachgebaut. Das gilt für ehemalige Konzentrationslager ebenso wie für den einstigen Eisernen Vorhang zwischen Ost und West, die Kerker der kommunistischen Regime oder konservierte Schlachtfelder der Weltkriege. Andernorts sollen bewusst gestaltete Gedenkstätten dem Vergessen entgegenwirken. Die Bekannteste in Deutschland ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin mit seinem Stelenfeld.

Eben weil die Bildsprache jener Schauplätze jedermann geläufig ist, braucht es bei deren Fotografie keiner Effekthascherei, um Wirkung zu erzielen. Weniger ist hier mehr. Es bedarf keiner Farben in diesen Aufnahmen, keines Spiels mit der Schärfe, und eigentlich auch keiner Menschen. Mittlere Brennweiten und der Standort nah am Zaun erzeugen beklemmende Nähe. Solche stark reduzierten Bilder mit dokumentarischem Charakter sind eine mögliche Herangehensweise an die Fotografie solcher Gedenkorte, die immer auch die Würde der Menschen im Blick haben, welche hier das Grauen erlebt und nicht immer überlebt haben. Es gibt noch eine andere Herangehensweise, nämlich die Beobachtung der Besucher solcher Orte. Die Frage dabei ist: Wie geht die heutige Generation mit dieser Erfahrung um? Diese Umsetzung ist ungleich schwieriger, weil sie voraussetzt, dass reale Besucher – keine Models – bereit sind, sich fotografieren zu lassen, im Extremfall, während sie mit ihren Gefühlen ringen. Dazu gehören jenseits der fotografischen Technik Einfühlungsvermögen und gute Vorbereitung.

Hilfreich und fast unerlässlich sind Gespräche mit den Verwaltungen der Gedenkstätten, bevor man ambitioniert fotografieren möchte. Das vermeidet Konfliktsituationen und kann zu wertvollen Hinweisen führen. Manchmal öffnen solche Kontakte Türen, die für Besucher üblicherweise verschlossen sind. Das Fotografieren an Gedenkorten hat noch eine Besonderheit. Bei nur wenigen anderen Sujets wird der Fotograf selbst die Nah-Erfahrung mit etwas machen, das im kollektiven Gedächtnis bereits diffus existiert. Er macht sich auch im übertragenen Sinn sein eigenes Bild der Geschichte.

Fotografieren in der Praxis 10 / 2016

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