Fototipp: Interessante Blickwinkel ergeben sich oftmals erst auf den zweiten Blick

© Fotograf: Elina Schönberg, Glühbirne, Blende-Fotowettbewerb Bildgalerie betrachten Elina Schönberg, Glühbirne, Blende-Fotowettbewerb

Fotografieren heißt, Motive wirkungsvoll in Szene zu setzen. Ein Motiv kann noch so gut sein, es wird verblassen, wenn man nicht das Spiel mit der Perspektive, also dem Blickwinkel eingeht. Das setzt mitunter voraus, die eigene Komfortzone als Fotograf zu verlassen, so wie es die „Blende“-Nachwuchsfotografin Elina Schönberg für ihren eingereichten „Blende“-Wettbewerbsbeitrag „Glühbirne“ getan hat. Sie führt zu Ihrer Aufnahme aus: „Wir haben in der Innenstadt dieses außergewöhnliche Treppenhaus entdeckt. Nachdem ich es von oben bis unten auf der Suche nach der besten Perspektive in Augenschein genommen hatte, fand ich mich letztlich auf dem Rücken am Boden liegend wieder, um das komplette Treppenhaus fotografieren zu können. Erst dann merkte ich, welchen tollen Blickwinkel ich hier gefunden hatte. Mein Tipp: immer mehrere Perspektiven durchprobieren. Manche interessanten Blickwinkel ergeben sich erst auf den zweiten Blick.“

Die Wahl von ungewöhnlichen Blickwinkeln – auch jenen gegen die Regeln – eröffnen ganz neue Möglichkeiten der Visualisierung und damit der Entfaltung der eigenen Kreativität. Einfach nur einen ungewöhnlichen Blickwinkel einzunehmen, damit allein ist es aber nicht getan. Vor Augen sollte man sich als Fotograf zudem immer wieder führen, dass die dreidimensionale Welt nur zweidimensional abgebildet werden kann. Das hat natürlich Einfluss darauf, wie man seine Motive miteinander in Beziehung setzt. Inwieweit man hier die Wirklichkeit abbildet, ist dabei jedem selbst überlassen. Entscheidend ist, dass die einzelnen Bildelemente in Beziehungen zueinander stehen – formal gesehen muss alles einen Sinn ergeben. Ist dem nicht so, so hat der Betrachter Schwierigkeiten die Aufnahme zu lesen.

Förderlich für das Spiel mit dem Blickwinkel sind Kenntnisse um die Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Brennweiten. Das Weitwinkelobjektiv bietet wohl die größten Optionen. So lassen sich mit ihm völlig unterschiedliche Räumlichkeiten miteinander verschmelzen. Dadurch gelingt es, einzelne Bildelemente in ganz andere Beziehungen zueinander zu setzen. Weitwinkelobjektive stehen aber auch für spektivische Verzerrungen/Verzeichnungen – denken wir hier nur an dynamische Fluchtlinien in der Architekturfotografie oder an Verfremdungen in der Portraitfotografie. Weitwinkelobjektive, dies leitet schon der Name ab, sorgen für Weite. Teleobjektive hingegen verdichten Räume. Auf der Suche nach unkonventionellen Blickwinkeln sollte man das Spiel mit den unterschiedlichen Brennweiten eingehen. Das Normalobjektiv ist hier sicherlich zu vernachlässigen.

Das Spiel mit dem Blickwinkel gehört zur Fotografie wie das Auslösen. Übung macht bekanntlich den Meister und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch wenn man bereits über Wissen hinsichtlich perspektivischer Wirkung verfügt, so schult es ungemein, sich immer wieder aufs Neue damit auseinanderzusetzen. Sehr hilfreich für das perspektivische Spiel sind übrigens gerade am Anfang statische Objekte, die einem alle Zeit lassen.

Fotografieren in der Praxis 11 / 2017

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