Fototipp: Das Spiel mit ungewöhnlichen Perspektiven durch verschiedene Brennweiten

© Blende, Gudrun Höben, Der schöne Schein Bildgalerie betrachten © Blende, Gudrun Höben, Der schöne Schein

1.000 und eine Nacht ist nichts gegen die Möglichkeiten, die die Fotografie zu bieten hat. Denken wir hier nur einmal an die unendlichen Optionen der Einflussnahme durch die Bildkomposition. Der Kreativität sind quasi keine Grenzen gesetzt. Natürlich setzt dies voraus, dass man sein Handwerk versteht und auch Neuem offen gegenüber steht. Der Mensch schätzt jedoch vielfach das Gewohnte – daran ist im Prinzip eigentlich nichts Verwerfliches – ein gewisser Rhythmus ist sogar wissenschaftlich betrachtet wichtig. Für den fotografischen Schaffensprozess sind Gewohnheiten mitunter jedoch hinderlich, denn sie begrenzen die Kreativität. Man ist sozusagen in seinem Trott gefangen, der einen dahingehend behindern kann, seinen ganz individuellen fotografischen Blick zu entwickeln.

In der Fotografie gibt es unzählige Regeln – manche auch noch aus der Zeit, als die Fotografie ausschließlich analog war. Eine der bekanntesten Regeln in der Bildkomposition ist sicherlich der goldene Schnitt. Wir wachsen quasi mit ihm auf und wenden ihn deshalb oftmals instinktiv an. In Bezug auf die Fotografie sind Regeln wie die des goldenen Schnitts auch dazu da, bewusst gebrochen zu werden. Nichts ist also in Stein gemeißelt und das ist auch gut so, würde es doch unserem kreativen Handeln mitunter konträr gegenüberstehen. Aber nicht nur das – es beraubt uns auch dahingehend, einen individuellen Blick zu entwickeln. Dieser ist aber unerlässlich, denn Fotografieren bedeutet auch, die ganz persönliche Sichtweise wiederzugeben. Nur wenn dem so ist, sind die Aufnahmen authentisch und emotional aufgeladen – das macht sie so sehenswert, aber auch unverwechselbar.

Die Wahl von ungewöhnlichen Perspektiven – auch jenen gegen die Regeln – eröffnen ganz neue Möglichkeiten der Visualisierung und damit der Entfaltung der eigenen Kreativität. Einfach nur eine ungewöhnliche Perspektive einzunehmen, damit allein ist es aber nicht getan. Vor Augen muss man sich als Fotograf zudem immer wieder führen, dass die dreidimensionale Welt nur zweidimensional abgebildet werden kann. Das hat natürlich Einfluss darauf, wie man seine Motive miteinander in Beziehung setzt. Inwieweit man hier die Wirklichkeit abbildet ist dabei jedem selbst überlassen. Wichtig ist, dass die einzelnen Bildelemente in Beziehungen zueinander stehen – formal gesehen muss alles einen Sinn ergeben.

Förderlich für das Spiel mit der Perspektive sind Kenntnisse um die Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Brennweiten. Das Weitwinkelobjektiv bietet wohl die größten Optionen. So lassen sich mit ihm völlig unterschiedliche Räumlichkeiten miteinander verschmelzen. Dadurch gelingt es, einzelne Bildelemente in ganz andere Beziehungen zueinander zu setzen. Weitwinkelobjektive stehen aber auch für spektivische Verzerrungen/Verzeichnungen – denken wir hier nur an dynamische Fluchtlinien in der Architekturfotografie oder an Verfremdungen in der Portraitfotografie. Weitwinkelobjektive, dies leitet schon der Name ab, sorgen für Weite. Teleobjektive hingegen verdichten Räume. Auf der Suche nach unkonventionellen Blickwinkeln sollte man das Spiel mit den unterschiedlichen Brennweiten eingehen. Das Normalobjektiv ist hier sicherlich zu vernachlässigen.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2016

2 Kommentare

Warum soll das Normalobjektiv bei der Suche nach unkonventionellen Blickwinkeln zu vernachlässigen sein? Neue Blickwinkel sind nicht primär von der Brennweite abhängig. Außerdem fehlt jeglicher Hinweis auf Shift-Objektive, die von Nikon PC-Objektive genannt werden, wobei "PC" für "perspective control" steht. Mit Shift-Objektiven ist deutlich mehr möglich, nicht nur in der Architektur-Fotografie. Weitwinkel-Shift-Objektive eröffnen erhebliche kreative Möglichkeiten, gerade, was die Perspektive angeht.

Arno

von Arno
07. April 2016, 10:46:55 Uhr

Knackiger Artikel mit schönen Beispielen. Ausschlaggebend für ein gutes Foto ist für mich immer öfter eine ungewohnte oder unbekannte Perspektive. Fast alles gab es heute schonmal und sowas macht die Bilder interessant und spannend.

Stefan

von Stefan
06. April 2016, 17:07:07 Uhr

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