Fototipp: Streetfotografie - Dokumentation des täglichen Lebens

Fotomotive am Fließband das garantiert die Streetfotografie, die enorm facettenreich ist. Die „echte“ Streetfotografie schließt wie für den „Blende 2017“-Teilnehmer Jannick Timm Inszenierungen aus. „Ich sehe Straßenfotografie als Dokumentation des täglichen Lebens, in dem der Mensch mit der Umgebung interagiert. Der Fotograf erscheint als „passiver Beobachter“, der das Geschehen nicht beeinflusst.“ Ein offener Blick sowie Aufgeschlossenheit für Szenerien und wie diese sich in den nächsten Momenten weiterentwickeln könnten, sind elementar auf dem Weg zum persönlichen Bilderfolg, das machen die Ausführungen von Jannick Timm zu seinem Wettbewerbsbeitrag deutlich.

© Fotograf: Jannick Timm, Lichtpforte, Blende-Fotowettbewerb
Jannick Timm, Lichtpforte, Blende-Fotowettbewerb

Aus der Fotopraxis für die Fotopraxis – Jannick Timm zu seinem „Blende 2017“-Wettbewerbsbeitrag „Lichtpforte“

Ich spazierte entlang Bordeauxs Alleen mit meiner Kamera und einem sehr achtsamen Blick für das Straßenleben, stets bereit den nächsten Moment festhalten zu können. Auf dem Weg hat mir der imposante Kirchturm der „Sainte-Marie-de-la-Bastide“ gefallen. Ich ging durch die offene Eingangshalle und ließ die Stille der leeren Kirche auf mich wirken. Aufgrund der wenigen und kleinen Fenster erreichte nur äußerst wenig Tageslicht das dunkle Kirchengebäude, das auch künstlich nicht ausgeleuchtet war. So ist mein Blick zur stärksten Lichtquelle gewandert, die von der Eingangstür ins Innere strömte und einen starken Kontrast zauberte.

Die Bildidee entstand, als ich die schönen Konturen der Tür und des Torbogens sah. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich ein weiteres Motiv benötigen würde, um dem Foto eine gewisse Spannung und Fülle zu geben. So hoffte ich auf weitere Besucher. Nach kurzer Zeit betrat ein Vater mit Kind die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Als sie wieder gehen wollten, machte ich mich für die Aufnahme bereit.

Auf was muss man bei so einer Aufnahme achten?

Für mich entsteht ein gutes Foto, wenn drei Faktoren zusammenspielen. Einerseits benötigt man ein interessantes Motiv, also einen Eyecatcher, der die Aufmerksamkeit des Betrachters gewinnt.

Andererseits ist „gutes“ Licht extrem wichtig, da gutes Licht meist eine gewisse Atmosphäre und Stimmung entstehen lässt. Viele denken an das sanfte Morgenlicht oder an die goldene bzw. blaue Stunde zum Sonnenuntergang. Starke Kontraste, die auf dem Foto ersichtlich werden, wirken ebenfalls auf den Betrachter und können Emotionen tragen. Zuletzt entscheidet die Komposition über eine gelungene Darstellung.

In der Kirche habe ich meine Kameraeinstellungen im manuellen Modus ausgewählt, damit ich die Belichtung bestimmen konnte. Ich wollte die Szene leicht überbelichten, um die Silhouetten der Menschen stärker hervorzuheben. So entsteht ein intensiver Kontrast zwischen dem einströmenden Sonnenlicht und den Objekten davor. Zudem habe ich mich für eine sehr niedrige Kameraposition entschieden, damit die schattierten Menschen mehr Platz in der Komposition einnehmen würden.

Anschließend habe ich die Kirchentür fokussiert und schaltete daraufhin zum manuellen Fokus, um den Schärfenbereich beizubehalten. Besonders bei schwierigen bzw. schwachen Lichtverhältnissen kommt es vor, dass der Autofokus die Entfernung nicht korrekt bemessen kann.

Wenn ich Menschen im Alltag fotografiere, bevorzuge ich ebenfalls den Reihenaufnahmemodus, da der Bruchteil einer Sekunde darüber entscheidet, wie das Foto wirkt. Gerade bei sich bewegenden Silhouetten lohnt es sich, mehrere Momentaufnahmen zu machen, um das „richtige“ Foto auswählen zu können.

Welches Fotoequipment ist notwendig?

Für diese Aufnahme ist kein lichtstarkes Objektiv oder teure Vollformat-Kamera notwendig. Für das Foto wählte ich Blende F/5.0, um relativ viel Bildschärfe in den Tiefen zu erhalten. So sieht man die Holzstruktur der Tür, die Mauersteine der Eingangshalle und die Kirchenbesucher im Fokus.

Wo liegen die fotografischen Herausforderungen?

Ich denke, die Herausforderung des Fotos liegt in der Bildidee und der Vorbereitung. Jeder Fotograf achtet auf andere Sachen. Für mich steht die Komposition und Perspektive im Vordergrund: Was nehme ich mit in den Bildausschnitt, von welcher Position aus möchte ich das Motiv darstellen und wie erreiche ich eine visuelle Bildtiefe?

Diese Fragen sollten von Straßenfotografen schnell beantwortet werden, da sich oft nur ein kleines Zeitfenster öffnet, in dem Licht, Motiv und Komposition perfekt harmonieren.

Wie viele Anläufe waren notwendig, bis die Aufnahme so im Kasten war?

Ich erinnere mich daran, dass ich etwa 5-6 Reihenaufnahmen von der Szene gemacht habe. Bei der finalen Bildauswahl habe ich darauf geachtet, dass die Silhouetten vor dem hellen Hintergrund freigestellt und gut erkennbar waren. Gleichzeitig finde ich es toll, wenn die Körperformen eine gewisse Dynamik ausstrahlen.

Was begeistert Sie selbst an dieser Aufnahme?

Ich mag die Einfachheit der Aufnahme. Besonders in der Fotografie ist weniger manchmal mehr. Durch die starken Kontraste werden viele Details ausgeblendet und das Auge wandert automatisch zum Fotomotiv. Mir gefällt auch, dass die enge Verbindung zwischen Vater und Sohn zu erkennen ist. Der Vater neigt sich leicht zum Kind und blickt in seine Richtung. Zuletzt sind die Beiden gleich mehrfach durch die dunkle Kirche, der Holztür und dem gemauerten Torbogen gerahmt.


Jannick Timm ist begeisterter Streetfotograf. Einblicke garantiert sein Instagram-Account der zugleich auch ein Spiegelbild für die Vielseitigkeit der Streetfotografie ist.

„Blende“ – Der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

„Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

„Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. Dazu gehört auch, mit Gleichgesinnten zu den thematischen Vorgaben in den Wettstreit zu treten. Dabei wachsen die Teilnehmer über sich hinaus und geben Zeugnis über ihr kreatives fotografisches Potential. Ihre Bilder sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch ihre Teilnahme an „Blende“ zudem den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten. Nur die Präsentation der „Blende“-Bildeinsendungen in den Galerien auf unserer Homepage erscheint uns ausbaubar. Deshalb zeigen wir – vielfach mit Unterstützung der „Blende“-Fotografen – auf, was notwendig ist, um zu so sehenswerten Aufnahmen, wie hier veröffentlicht, zu gelangen. Damit soll nicht zum Kopieren inspiriert werden, sondern motiviert werden zum eigenen Spiel mit Zeit und Blende. Weitere Informationen zu „Blende“: https://www.prophoto-online.de/fotowettbewerb-blende

Fotografieren in der Praxis 12 / 2017

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