Menschen im Fokus - Das Gesicht und die menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten

© Fotograf: Herbert A. Franke, Fünf Freunde, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Herbert A. Franke, Fünf Freunde, Blende-Fotowettbewerb
Fotografien geben in der Regel einen Einblick in das Seelenleben des Fotografen und wenn Menschen abgelichtet sind, so ist deren Gefühlslage natürlich auch essenziell für die Aussagekraft der Aufnahme. Die Mimik verrät schon viel, aber auch die Körperhaltung bringt eine Menge zu Tage und kann mitunter konträr zum Gesichtsausdruck stehen. Eine aufrechte Sitzposition signalisiert beispielsweise eine dynamische Persönlichkeit – da würde eine Mimik mit runtergezogenen Mundwinkel nicht passen -, während hängende Schultern den Eindruck von Antriebslosigkeit vermitteln und hierbei ein lachendes Gesicht ebenso störend wirken würde.

© Fotograf: Katrin Krämer, Die Zeit zaubert uns Falten ins Gesicht, die wir aber mit Lachfältchen überdecken können., Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Katrin Krämer, “Die Zeit zaubert uns Falten ins Gesicht, die wir aber mit Lachfältchen überdecken können.”, Blende-Fotowettbewerb
Gesichter zu fotografieren klingt im Selfiezeitalter relativ simpel. Hat man jedoch den Anspruch, dass Porträtaufnahmen ansprechen und einen in den Bann ziehen, dann darf das Salz in der Suppe auch hier nicht fehlen. So sind die Augen das Tor zur Seele – nicht umsonst gilt es, auf diese die Schärfe zu legen. Im Extremfall erkennt man an ihnen sogar, wie wahr der Spruch „Wenn Blicke töten könnten“ sein kann oder, dass die Augen tatsächlich der Spiegel zur Seele sind. Erfolgreiche Illusionisten oder Poker-Spieler verstehen es vortrefflich, ihre Emotionen nicht nach außen zu zeigen. Damit machen sie sich auch zu herausfordernden Fotomotiven. Natürlich sind es die Augen nicht allein, sondern es schließt auch ihr Umfeld mit ein, wie die Augenbrauen oder die Lachfalten.

Bei den meisten Menschen kann ihre Stimmung im Gesicht abgelesen werden. Auf einen Blick erkennen wir, ob unser Gegenüber fröhlich oder traurig, aufgedreht oder verschlafen, euphorisch oder missmutig ist. Manche Gefühlsregungen zeigen sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, beispielsweise die sich weitenden Augen bei einer Überraschung oder das Zusammenziehen der Augenbrauen und der Stirnregion bei Abscheu und Ekel. Genau diese Momente sind es, die ein Fotograf sucht, denn mit der Lebendigkeit verleihen sie einem Bild Spannung und machen es noch interessanter.

© Fotograf: Celine Förster, Irgendwann muss jeder von uns alleine fliegen.., Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Celine Förster, Irgendwann muss jeder von uns alleine fliegen.., Blende-Fotowettbewerb
Ein direkter Blick des Gegenüber in die Kamera kann eine Aufnahme ungemein aufwerten, denn die Person auf dem Bild tritt mit dem Betrachter förmlich in Blickkontakt. Bei Porträts ist dieser direkte Blick gewünscht, bei der Reportage- und Streetfotografie jedoch meist verpönt, da die Kamera als stiller Beobachter im Hintergrund fungieren und nicht aktiv in das Geschehen eingreifen soll. Offenbart sich der Fotograf mit seiner Kamera, so ist das Verhalten der abgelichteten Personen oft gestellt und die Bildwirkung ist dahin. Es gibt jedoch auch diese außergewöhnlichen Momente, in denen ein Protagonist die Kamera zwar wahrnimmt, ihre Existenz jedoch keinerlei Einfluss auf das Verhalten hat. In solchen Situationen können durch den direkten Blickkontakt sehr intensive Bilder entstehen.

© Fotograf: Celine Förster, Aus Jung macht Alt, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Celine Förster, Aus Jung macht Alt, Blende-Fotowettbewerb
Allgemeinhin wird der Mensch als Gewohnheitstier beschrieben. Dazu zählt auch, dass gewisse Abläufe gelernt sind und demnach bei der Ausübung einer Tätigkeit stetig wiederholt werden. Menschen sind keine Maschinen und somit sind die Wiederholungen immer minimal unterschiedlich und nicht identisch. Aber auch das eignet sich hervorragend für ein gelungenes Foto. Denken wir nur an einen Straßenkehrer oder einen Fließbandarbeiter. Als Fotograf sollte man auch hier stets seine Intention im Hinterkopf behalten: Was soll gezeigt werden? Welcher Bildbereich ist am interessantesten? Welcher Moment im Bewegungsablauf besitzt am meisten Energie?

Neben Blicken und Bewegungen ist es auch die Gestik, die zu einem aussagekräftigen Foto verhelfen kann. Menschen treten miteinander in Kontakt und je intensiver dieser ist, umso deutlicher können Gesten dabei eine Rolle spielen. Hände sind prädestiniert, um eine weitreichende Zeichenpalette in die Kommunikation zwischen Menschen einzubinden. Hände können nach etwas greifen, einen Gegenstand festhalten oder auf etwas zeigen, die Hand lässt sich zur Faust ballen oder zum Gebet zusammen legen, einzelne Finger können in Form von Fingerzeichen – von Daumen hoch über den drohenden Zeigefinger bis zum ausgestreckten Mittelfinger – eindeutige Signale geben.

© Fotograf: Herbert A. Franke, Streit, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Herbert A. Franke, Streit, Blende-Fotowettbewerb
Ist eine Konversation zwischen zwei oder mehr Menschen emotional aufgeladen, können sehr ausdrucksstarke Gesten einfließen, die einer Aufnahme eine besondere Tiefe und Intensität geben können. Meist muss der Fotograf zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um solche Gefühlswallungen in einem Bild festhalten zu können. Menschenkenntnis ist für solche Aufnahmen sicherlich von Vorteil, doch sind sie kaum zu planen und oft hilft nur Kommissar Zufall. Mitunter kann es aber auch sein, dass eine ausgewogene Bildkomposition zerstört wird, weil ein intensiv gestikulierendes und in der Öffentlichkeit streitendes Paar plötzlich die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ergo sollte sich der Fotograf auch hier seiner Intention bewusst sein.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2016

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