Eine weiche Hand und das Auge eines Falken

Warten auf Mammi Bildgalerie betrachten Blende ,“Warten auf Mammi”
Peter Kniep

Seit der Erfindung der Photographie ist es der Mensch, auf den die Kamera gerichtet wird. Im späten 19. Jahrhundert schleppten Photographen nicht nur unhandliche Kameras mit sich herum, sondern ganze Wagenladungen von Ausrüstungsgegenständen galt es zu transportieren, um beispielsweise im fernen Persien das Leben der Mächtigen abzulichten. Erst um 1930 kamen kleinere Kameras auf den Markt, die den vielfältigen Bedürfnissen der erfahrenen Photographen genügten. Heute kann jeder den Auslöser betätigen, denn zahlreiche Kamerafunktionen garantieren auch dem nicht so Versierten die eindrucksvolle Dokumentation des menschlichen Lebens, ohne sich auf Kameraeinstellungen konzentrieren zu müssen.

Handliche Kameras geben dem Photographen die Freiheit, sich jederzeit unter Menschen zu begeben und fast überall Bilder aufzunehmen, ohne die Aufmerksamkeit der Abgelichteten zu erregen. „Eine weiche Hand und das Auge eines Falken - das sollte man haben“, so Cartier-Bresson. Er gab der 50 mm Brennweite den Vorzug, da das Normalobjektiv ein Bild ergibt, das dem Eindruck, den das menschliche Auge wahrnimmt, sehr ähnlich ist. Teleobjektive hingegen gestatten Großaufnahmen aus der Ferne und garantieren dem Photographen, aus dem Verborgenen heraus agieren zu können. Auf nicht erforderliche Hilfsmittel ist zu verzichten, sie würden den Photographen behindern. Das Bestreben sollte sein, das Leben in all seinen Facetten photographisch zu dokumentieren - Szenen gibt es genügend, in denen der Mensch eine Rolle spielt. Entscheidend ist es, die vielfältigen Stimmungen - die fröhlichen, ernsten, angeregten, nachdenklichen, ruhigen, traurigen - zu entdecken und die Dramatik, die dem scheinbar Gewöhnlichen und Alltäglichen innewohnt, im Bild zu verankern.

Der photographische Instinkt ist zunächst wichtiger als die technischen Finessen der Kamera. Nicht jede Aufnahme wird ein Volltreffer sein. Helmut Newton stellte gar die Behauptung auf, die ersten 10.000 Aufnahmen seien die schlechtesten - ob dem so ist, kann in Frage gestellt werden. Wichtig ist, sich darüber bewußt zu sein, daß das Auge das Bild macht und die Kamera nur das Werkzeug ist, mit dem das Gesehene eingefangen wird. Die Photographie verhilft uns zur Wahrnehmung eines Tatbestandes in Sekundenbruchteilen. Durch die Anordnung des Gesehenen wird das Wahrgenommene durch die Photographie ausdrucks- und bedeutungsvoll gemacht. So ist neben der Wahl des Formates - Quer/Hoch - der Ausschnitt entscheidend. Wer über eine Kamera mit Zoomobjektiv verfügt, kann die Bildwirkung testen indem zwischen Normal-, Weitwinkel- oder Teleeinstellung gewechselt wird. Aber auch die Tiefe oder der Kontrast sind ausschlaggebend für die Atmosphäre im Bild. Bedeutend ist zudem der Kamerastandpunkt, es sollte mit ihm gespielt werden. So kann es überaus reizvoll sein, aus der Hocke heraus den Moment der Momente einzufangen. Haltung gilt es immer, beim Photographieren zu bewahren. Gerade die kleinen digitalen Kompaktkameras verleiten dazu, Aufnahmen zu verkanten.
 

Fotografieren in der Praxis 11 / 2005

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden