Kamera denkt mit - Wie gut funktioniert künstliche Intelligenz im Smartphone

KI Bilder entsprechen derzeit noch nicht immer den Sehgewohnheiten

Programmierte Aufnahmeszenen erkennen Motivsituationen

Von künstlicher Intelligenz (KI) und wie stark sie unser Leben verändern wird, ist überall zu lesen. KI ist eines der zentralen Themen der Imaging-Branche, wie der Photoindustrie-Verband (PIV) berichtet. Und auf der photokina wird KI erlebbar sein, nicht nur an den Ständen der Hersteller sondern auch auf der Sonderfläche Mobile Imaging Lounge. Hier präsentiert HONOR aktuelle Modelle und stellt in Workshops die Usability der innovativen KI-Funktion unter Beweis. Wir wollten im Vorfeld der photokina in Erfahrung bringen, wie es sich anfühlt, wenn die Kamera mitdenkt. Dafür wurde das Smartphone P20 Pro von Huawei eingesetzt, mit der derzeit wohl umfangreichsten KI.

Verwacklungsfreie Aufnahme ohne starkes Bildrauschen. Foto: Petra Vogt
Selbst bei wenig Licht gelingen dank KI verwacklungsfreie Aufnahmen ohne starkes Bildrauschen. Foto: Petra Vogt

Auf den ersten Blick fühlt sich das Fotografieren mit einem KI-Smartphone kaum anders an als sonst mit dem Handy. Die künstliche Intelligenz assistiert so perfekt im Hintergrund, dass man sie zunächst gar nicht bemerkt. Genau das ist vermutlich das Ziel der Entwickler und das Versprechen moderner KI: Sie soll unser Leben leichter machen ohne zu stören. Aber an einem Schlüsselmoment zeigt sich die KI dann doch deutlich: Als wir in einer Ausstellung eine Wandtafel mit Erläuterungen fotografieren wollen, erkennt das Smartphone selbständig, dass es sich um Text und eine schräge Aufnahmeposition handelt. Es zeigt zur Visualisierung einen Rahmen um die Schautafel an und korrigiert nach Bestätigung automatisch die Verzerrung. Die Schrift lässt sich dadurch nachher deutlich besser lesen als sonst.

KI erkennt Motive

An diesem Beispiel zeigt sich, was im Smartphone sonst auch passiert: Im Hintergrund versucht ein KI-Programm zunächst einmal das Motiv zu erkennen. Huawei selbst sagt, dass mittlerweile über 500 Szenen einprogrammiert sind. Für diese werden dann jeweils Voreinstellungen hinterlegt, so wie etwa die automatische Verzerrungskorrektur bei Text oder eine Glättung und Farbanpassung der Haut bei Selfies. Ist eine Szene erkannt, wird im Modus „Photo“ auf dem Smartphone-Bildschirm angezeigt, welches Aufnahme-Programm die KI vorschlägt.

Besonders gut hat das im Test bei Nahaufnahmen mit dem Programm „CloseUp“ sowie Porträts funktioniert. Bei einem erkannten Porträt werden automatisch drei Zusatzfunktionen bereitgestellt: Da ist zunächst einmal der so genannte „Bokeh-Effekt“. Er sorgt für eine Hintergrundunschäfe wie sie sonst bei Teleobjektiven entsteht. Der Effekt ist übrigens auch im Modus „Aperture“ für beliebige Motive verfügbar und kann dort ähnlich wie mit einer Blende geregelt werden. Bei Porträts ist das aber besonders nützlich, da die Hintergrund-Unschärfe den Blick gezielt auf das Gesicht lenkt.

KI statt MakeUp – Optimierung schon während der Aufnahme

Die eingebaute KI erkennt jedoch nicht nur grundsätzlich, dass es sich um ein Porträt handelt, sondern sie kann auch das Gesicht und seine Bestandteile identifizieren. Dadurch kann eine gezielte Glättung speziell von Wangen, Stirn und Kinn schon direkt nach der Aufnahme erfolgen. Eventuelle Falten oder Pickel werden so unmittelbar wegretuschiert. Die Stärke dieses Nachbearbeitungs-Effekts – von Huawei „Beauty level“ genannt – kann man stufenlos einstellen. Bei der stärksten Einstellung sieht man den Effekt sehr deutlich, denn die Gesichtshaut wirkt fast schon verschwommen glatt während Haare und Augen sehr scharf sind. Da das völlig den Sehgewohnheiten von Fotoapparaten widerspricht, wirkt die Aufnahme ziemlich künstlich. Im mittleren Einstellungsbereich sieht es eher wie starkes MakeUp aus und bei der Minimaleinstellung muss man schon genauer hinschauen, um zu sehen, dass hier bearbeitet wurde. Das Smartphone zaubert einen quasi fast unsichtbar ein paar Jährchen jünger.

Wem das an Nachbearbeitung noch nicht ausreicht, dem werden als dritte Option bei Porträts so genannte „3D-Lichteffekte“ angeboten. Hierbei wird, ähnlich wie im Studio, eine bestimmte Lichtsetzung, wie zum Beispiel das klassische Hochfrontale Licht („Butterfly-Lightning“), simuliert.

Porträt vor schwarzem Hintergrund. Foto: Petra Vogt
Dieses Porträt wurde mitnichten im Studio vor schwarzem Hintergrund aufgenommen, sondern aus der Hand bei Tageslicht im Büro vor weißer Wand (siehe nachfolgend Selfie-Fotos im gleichen Setting). Erst die KI hat das obige Foto „gezaubert“. Foto: Petra Vogt

Die KI geht dabei mit Hilfe eines 3D-Modelling-Programms vor, in dem sonst fotorealistische Objekte künstlich erschaffen werden. Der Effekt wirkt in manchen Modi noch recht künstlich, aber zeigt schon jetzt, wohin langfristig die Entwicklung hingehen könnte.

Noch mehr in Richtung „künstliches Make Up“ geht Huawei bei Nutzung der Frontkamera im Selfie-Modus. Hier werden neben der Glättung auch die Farbtöne der Haut angepasst und die Lippen zum Beispiel etwas glänzender gemacht, so dass ein Selfie wie nach einer Beauty-Retusche aussieht.

Selfie mit unscharfen Hintergrund. Fotos: Anissa Ayoub
Im Selfie-Modus wird automatisch der Hintergrund in Unschärfe gesetzt. Das wirkt sich auch auf die „fliegenden“ Haare aus. Hinzu kommt eine leicht künstliche KI-Bräune und fertig ist das Beauty-Selfie. Fotos: Anissa Ayoub

KI für Langzeitbelichtungen

Einen enormen Vorteil bietet KI bei wenig Licht. Huawei hat einen speziellen „AI Image Stabilization“-Modus eingebaut, bei dem 6 Sekunden lang aufgenommen wird. Die KI rechnet anschließend die Verwacklung aus dem Bild. Das hat im Test bei Aufnahmen in der blauen Stunde, vor allem bei Architektur und Landschaft, sehr gut funktioniert. Dass KI am Werk war, erkennt das geschulte Auge an den relativ stark scharf gezeichneten Konturen im Vergleich zu eher leicht verschwommenen Flächen. Ein Effekt, der zunächst einmal eher ungewohnt ist, da rein optische Systeme ihn so nicht produzieren.

Nahezu verwacklungsfreie Videos dank KI

Noch stärker kommt die KI-gestützte Stabilisierung gegen Verwacklung beim Video zum Tragen. Wir haben einen Test in der blauen Stunde an der Elbe gemacht und waren sehr beeindruckt, wie ruhig die Bilder selbst auf einem großen Monitor wirken.

Autofokus mit KI-Power

Eine weitere durch KI ermöglichte Besonderheit beim Testgerät ist der so genannte „4D predictive focus“. Hierbei wird bei bewegten Motiven versucht, automatisch die Bewegungsrichtung zu erkennen und dann dort scharf zu stellen, wo das Fotoobjekt erst in Kürze sein wird. Das ist bei Kindern zum Beispiel relevant oder Blumen, die sich im Wind bewegen. Im Test, an einem typischen windigen Tag in Hamburg, hat das ziemlich gut funktioniert wie die Testaufnahme zeigt.

KI hat eine beeindruckende Schärfe an einem windigen Tag erreicht. Foto: Petra Vogt
Diese Aufnahme ist mitnichten mit einem Makro entstanden, sondern auch mit dem Huawei P20 Pro. Die KI hat jedoch nicht nur eine beeindruckende Schärfe an einem windigen Tag erreicht, sondern auch die Farben etwas stark verfälscht. Foto: Petra Vogt

Manueller Modus

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass sich die KI-Funktionen, vor allem die automatische Motiverkennung, im „Photo“-Modus auch deaktivieren lassen. Ein komplett manueller Modus steht unter „Pro“ zur Verfügung. Hier lassen sich neben Blende und Belichtungszeit sowie einer Belichtungskorrektur auch der ISO-Wert (bis 6.400), der Weißabgleich und sogar der AF-Modus (AF-C, AF-S oder manuell) einstellen. Bei solchen Aufnahmen profitiert man vom vergleichsweise großen Sensor (1/1.7 Inch) und der hervorragenden Leica-Optik.

Bei dieser Ultra-Tele-Aufnahme sind in der starken Vergrößerung im Bildbearbeitungsprogramm (Ausschnitt rechts) noch Details zu erkennen. Foto: Petra Vogt
Was die Kombination von KI und guter Optik leisten kann, zeigt dieses Foto. Es ist mit der maximalen Zoom-Einstellung des Huawei P20 Pro gemacht, die umgerechnet aufs Kleinbild 270mm entsprechen würde. Selbst bei dieser Ultra-Tele-Aufnahme sind in der starken Vergrößerung im Bildbearbeitungsprogramm (Ausschnitt rechts) noch Details zu erkennen. Foto: Petra Vogt

Fazit: Neue Aufnahme- und Sehgewohnheiten

Alles in allem zeigt das KI-unterstützte P20, wo die Reise bei Smartphones wahrscheinlich hingeht: Die Handy-Kamera wird den Nutzern sehr viele Entscheidungen abnehmen und so die Ergebnisse auch für Einsteiger und unter schwierigen Licht-Bedingungen besser wirken lassen. Für Fortgeschrittene und Fotografen, die mit der Kamera unterwegs sind, ist der Umstieg jedoch zum Teil noch etwas gewöhnungsbedürftig, weil manche Effekte zu stark sind und vor allem, weil wir andere Sehgewohnheiten haben. Allerdings lässt sich die KI auch abschalten, so dass man sehr flexibel agieren kann. Wünschenswert wäre, selektiver in die Wirkung der KI eingreifen zu können wie z.B. für die Schärfe aber nicht für die Farben. Bei der Stabilisierung – vor allem auch beim Video – profitiert man enorm von der KI, so dass man sie da kaum missen möchte.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2018

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden