Fototipp: Landschaftsfotografie - Das Spiel mit der Schärfe

Kameras und erst recht die aktuellen Modelle garantieren eine Bildschärfe wie sie einzigartiger nicht sein könnte. Da bleiben nach oben keine Wünsche mehr offen. Welche Quantensprünge sich hier durch Innovationen vollzogen haben macht ein Vergleich augenfällig mit Aufnahmen, die vor längerer Zeit mit einem älteren Aufnahmegerät eingefangen wurden. Schärfe ist das angestrebte Ziel vieler Fotografen und dass obwohl Unschärfe überaus reizvoll sein kann, wie der Blende-Wettbewerbsbeitrag „Winter auf dem Kreuzberg“, eingereicht von Karl-Hermann Ziegler zur thematischen Vorgabe bei „Blende 2016“ mit „Schätze der Region“ zeigt. Der „Blende“-Teilnehmer wählte als Gestaltungsmittel bewusst die Unschärfe, die seiner Aufnahme den letzten Pfiff verleiht.

Karl-Hermann Ziegler, Winter auf dem Kreuzberg, Blende-Fotowettbewerb
Karl-Hermann Ziegler, Winter auf dem Kreuzberg, Blende-Fotowettbewerb

Wie wir alle wissen ist die Fotografie ein höchst kreativer Schaffensprozess. Der Fotograf ist der Koch, der die Zutaten bestimmt. Dazu gehört auch, Verrücktes auszuprobieren und beispielsweise mit der Bewegungsunschärfe zu spielen. Aber Achtung für alle Einsteiger. Unscharf ist nicht gleich unscharf und ein unscharfes Bild durch Fehlfokussierung ist meist alles andere als sehenswert. Bewegungsunschärfe ist gerade bei der Visualisierung von Bewegungsabläufen wie einem vorbeizischenden Radfahrer immer wieder ein beliebtes Fotothema. Doch was soll man machen, wenn sich das Motiv, wie die Baumstämme in der Aufnahme von Karl-Hermann Ziegler, nicht bewegen. Man hat verschiedene Optionen:

  • Wahl einer langen Belichtungszeit
  • Man bewegt sich als Fotograf
  • Man bewegt die Kamera händisch
  • Man bewegt den Zoom ganz schnell
  • Man wählt die Defokussierung

Unabhängig davon, welchen Weg man einschlägt entscheidet über Wohl und Weh’ bei solchen Bildern das richtige Timing. Denn unscharf ist ja eine Sache, die andere ist aber, dass man schon noch erkennen sollte, was denn eigentlich fotografiert wurde.

Spannend ist die bewegte Kamera, die man während der Aufnahme vertikal, horizontal schwenken oder aber auch drehen kann. Weitere Optionen sind die Kamera zu drehen und dann noch zu zoomen, nur zu zoomen und die Kamera mitfahren zu lassen, beispielsweise indem man während der Fahrt aus dem Fenster fotografiert.

Künstlerische Unschärfe durch das vertikale Schwenken der Kamera setzt voraus, dass die Bewegungen ruhig und gleichmäßig erfolgen, damit die vertikalen Linien nicht verrutschen. Mit der Bewegung sollte bereits vor dem Auslösen begonnen werden und man sollte sie ruhig ausklingen lassen, wenn die Belichtung beendet ist. Ratsam sind längere Belichtungszeiten. In heller Umgebung muss dementsprechend eine kleine Blende, ein niedriger ISO-Wert sowie ein Filter (Polfilter) eingesetzt werden. Die Bewegung der Kamera kann aus der Hand erfolgen. Wir empfehlen jedoch ein Stativ mit Getriebeneiger, bei dem die horizontale und vertikale Achse getrennt eingestellt werden können. Der Einsatz eines Stativs minimiert Verwacklungen. Für vertikale Kameraschwenks empfehlen sich Motive wie beispielsweise Bäume, Häuser, Masten – also Motive mit vertikalen Linien. Bei Landschaftsaufnahmen, wie dem Meer, Hügeln und Feldern, bietet sich das horizontale Schwenken der Kamera an. Es gelten hier die gleichen Voraussetzungen wie beim vertikalen Schwenken. Für horizontale Verschenkungen sollte auch ein Stativ zum Einsatz kommen. Empfehlenswert ist zudem die Panoramaplatte oder der Zweiwegeneiger.

Soll die Unschärfe durch Drehen der Kamera hervorgerufen werden, so kann man das Stativ getrost beiseite stellen und muss die Kamera mit beiden Händen kreisförmig bewegen. Übung macht hier den Meister. Wie bei den vertikalen und horizontalen Kameraschwenks sollte schon vor der Aufnahme mit der Bewegung begonnen werden, die in Ruhe zu Ende zu führen ist, wenn die Belichtung abgeschlossen ist. Der Kameradreh bietet sich bei Motiven wie Baumkronen und Blumen an.

Herausfordernd ist zoomen und drehen der Kamera gleichzeitig. Dies setzt natürlich ein Zoomobjektiv voraus. Mit beiden Händen müssen unterschiedliche Bewegungen ausgeführt werden. Versuchen Sie es einmal mit der einen Hand den Takt auf eine Tischplatte zu schlagen und mit der anderen Hand die Tischplatte zu streicheln. Das gelingt nicht jedem mit einer Hand die Kamera zu drehen, während mit der anderen Hand gleichzeitig die Brennweite des Zoomobjektivs verändert wird. In Abhängigkeit von der Schnelligkeit der Bewegungen entstehen auf diese Art und Weise mehr oder weniger stark ausgeprägte Strudel- beziehungsweise Sogeffekte.

Man kann aber auch nur zoomen, indem man während der Belichtung durch das Drehen am Zoomring des Objektivs die Brennweite verändert. Das kann schnell oder langsam erfolgen, in Abhängigkeit von der künstlerischen Intention. Generell sind die Belichtungszeiten länger zu wählen, weshalb mit einem Stativ gearbeitet werden muss. Menschen, Bäume, Gebäude – eigentlich alle Motive eignen sich für den Zoomeffekt.

Wird die Unschärfe erzeugt, indem beispielsweise aus dem fahrenden Auto aus dem Fenster fotografiert wird, dann ist eine längere Belichtungszeit durch die Wahl einer kleinen Blende und einem niedrigen ISO-Wert ratsam. Da man in einem Auto kaum Platz für ein Stativ hat, kann man die Kamera auf einen Rucksack auflegen, es bietet sich aber auch Rigs an, wie sie beim Videodreh ein nützliches Hilfsmittel sind. Das Auflegen auf dem Fensterrahmen empfehlen wir nicht.

Mit der Belichtungszeit kann auch gespielt werden. Wie lange die benötigte Zeit für die gewünschte Unschärfe ist, hängt unter anderem von der Brennweite des verwendeten Objektivs ab. Prinzipiell ist es natürlich von der Idee des Fotografen abhängig, wie ein Bild belichtet werden muss, damit es auch wirkt. Wer in einem Kornfeld steht, sollte eher ausreichend belichten, während jemand in der Dämmerung im Wald tunlichst darauf achten sollte, dass die Kameraautomatik nicht eine Tageslichtaufnahme daraus macht. Wer sich nicht sicher ist, hält sich beim Fotografieren alle Möglichkeiten offen und verwendet das RAW-Format. Immer mehr Kameras bieten heute auch die Option, die Aufnahmen sowohl im JPEG- als auch RAW-Format während der Aufnahme sichern zu können. Das kostet zwar mehr Speicherplatz aber der wird ja immer erschwinglicher. Anzuraten sind im Zweifelsfall Belichtungsreihen. Ist eine entsprechend lange Belichtungszeit nicht realisierbar, weil es zu hell und das Objektiv bereits abgeblendet ist, greift man zum Graufilter. Neutralgraufilter gibt es in verschiedenen Stärken. Außerdem bieten sich solche ungewöhnlichen Bilder geradezu an, selten genutzte Farbfilter oder auch mal den einen oder anderen Effektfilter zu verwenden.

Wenn ein Fotograf im Wald von oben nach unten schwenkt, muss er das wohl aus der freien Hand machen. Je nach Richtung kann auch ein Drei-Wege-Stativkopf verwendet werden. Der verhindert, dass versehentlich noch in eine weitere Richtung verwackelt wird als in die, in die der Kameraschwenk erfolgt. Damit lässt sich die Kamera auch bequem waagerecht drehen, ohne dass der Fotograf Verrenkungen machen muss, um ruhig stehen zu bleiben.

„Blende“ – Der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

„Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

„Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. Dazu gehört auch, mit Gleichgesinnten zu den thematischen Vorgaben in den Wettstreit zu treten. Dabei wachsen die Teilnehmer über sich hinaus und geben Zeugnis über ihr kreatives fotografisches Potential. Ihre Bilder sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch ihre Teilnahme an „Blende“ zudem den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten. Nur die Präsentation der „Blende“-Bildeinsendungen in den Galerien auf unserer Homepage erscheint uns ausbaubar. Deshalb zeigen wir – vielfach mit Unterstützung der „Blende“-Fotografen – auf, was notwendig ist, um zu so einer sehenswerten Aufnahme, wie sie Karl-Hermann Ziegler gelungen ist, zu gelangen. Damit soll nicht zum Kopieren inspiriert werden, sondern motiviert werden zum eigenen Spiel mit Zeit und Blende.

Fotografieren in der Praxis 02 / 2017

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