Bewegte Meere

Ein Moment ist immer in Bewegung, sei es der bunte Glitzerstreif am Horizont der Meere, das abstrakte Farbspiel des auf nächtlicher See dahin gleitenden Riesenfrachters oder die strahlende Luna, die leuchtend ihre Runden über den wie mächtige Hochhäuser wirkenden Schiffscontainern dreht. Aber auch der gewaltige Bug eines anmutenden Lastschiffs, der volle Fahrt auf blaue bis düster scheinende Horizonte aus Luft und Wasser nimmt. Und last but not least die wie angewurzelt auf die nächste Verladung wartenden Schiffsbehälter, die das unermüdliche Hin und Her im Hafen gelassen beobachten. In jedem Fall: große Seefahrt in mitreißenden Perspektiven. Einfache Container in erhabenen Posen. Blauer Himmel auf tosendem Meer.

Alles, was die Elemente hergeben, hat der Photograph und Sophie-Smoliar-Scholarship-Award-Preisträger 2004 des International Photographic Council (IPC), Herbert Böttcher, eingefangen. Mehr als 300 Filme hat Böttcher auf seiner Schiffahrt belichtet, gescannt und bearbeitet. Was dabei entstanden ist, sind kraftvolle Aufnahmen, die die einzigartige Schönheit bewegter Meere inszenieren. In leuchtenden Farben, mit starken Kontrasten und klaren Formen. Bewegende Photographien von Himmel und Wasser, Schiffen, Containern und Häfen. Am Tage und in der Nacht, immer im mächtigen Zusammenspiel der Elemente gefangen. Ein Gefühl vermittelnd, als wäre man dabei, wenn die Weite des Horizonts in der Kurzlebigkeit der Bewegung versinkt. Ein Eindruck, den sich Herbert Böttcher bewußt zunutze macht, indem er scheinbar virtuos mit den Effekten der Langzeitbelichtung spielt. Um die Relativbewegungen des Raumes zu zeigen, wurde meist mit Zeiten von zwei bis vier Sekunden gearbeitet. Dichte Graufilter reduzierten das Tageslicht entsprechend - das Schiff muß scharf bleiben, damit die Schnittstelle Schiff/Wasser zum entscheidenden Wirkfaktor in den Aufnahmen wird. Zwecks Selbstkontrolle wurden die Filme in den Formaten KB und 6x18 cm an Bord mittels JOBO-Prozessor entwickelt und auf einfache Weise gescannt. Die Highend-Bearbeitung per Imacon-Scanner und mittels Photoshop CS erfolgte später an Land. „Was ich zeigen will“. so Herbert Böttcher, „sind meine inneren Bilder. Die Bearbeitung bringt das Photo mit meiner Vorstellung zur Deckung.“

Erst im letzten Drittel der Reise gelangen dem Sophie-Smoliar-Scholarship-Award-Preisträger schließlich die meisten seiner grandiosen Panoramen. In einer Zeit, in der digitale Medien unsere Sicht der Dinge bestimmen, greift Herbert Böttcher auch bewußt zur Lochkamera (Camera obscura) - und im Falle der Serie „SEAMOTION“ ebenfalls zur Hasselblad XPan II. Vor allem deshalb, weil ihm beide Kameratechniken - in Kombination mit digitaler Bildgestaltung - den künstlerischen Freiraum bieten, um neue Sichten und Gestaltungsansätze von gewohnten Dingen zu erzeugen.

Der Dipl.-Designer Herbert Böttcher (www.HerbertBoettcher.com) lebt in Düsseldorf und arbeitet seit 1993 als freiberuflicher Photograph. Sein hier vorgestelltes Projekt „SEAMOTION“ führte er in Kooperation mit den Unternehmen Hamburg Süd, JOBO, Hasselblad und bogen imaging durch. Vertreten wird Böttcher durch die Kölner Galerie in focus fotografie, Burkhard Arnold (www.infocusgalerie.de), die im Januar 2006 seine großformatigen Werke ausstellen wird. Die Serie „SEAMOTION“ macht Mut, auch wenn man nicht über die Photoausrüstung wie Herbert Böttcher verfügt, sich dem Thema Langzeitbelichtung aber auch der digitalen Bildbearbeitung zu stellen.

Eine Kreuzfahrt beispielsweise hat nicht nur die Motive an Land zu bieten, sondern sehr viel mehr. Es gilt, sie zu sehen und mit der Kamera zu entdecken. Welche Kameraeinstellungen bei Langzeitbelichtungen nun genau die richtigen sind, läßt sich nur durch Probieren herausfinden. Lange Belichtungszeiten vermögen Vorgänge in einer Art festzuhalten, die unserer Wahrnehmung völlig widersprechen.
Bewegte Meere
"Bewegte Meere", Herbert Böttcher


Bewegte Meere
"Bewegte Meere", Herbert Böttcher


Bewegte Meere
"Bewegte Meere", Herbert Böttcher


Bewegte Meere
"Bewegte Meere", Herbert Böttcher

 

Fotografieren in der Praxis 07 / 2005

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