Langzeitbelichtungen - Großer Spaß mit Suchtfaktor

© Fotograf: Tobias Gawrisch, Stargate, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Tobias Gawrisch, Stargate, Blende-Fotowettbewerb
Wer einmal die Langzeitbelichtung – und das nicht nur bei Nacht, sondern auch am Tage durch den Einsatz von Graufiltern (auch vielfach als ND bezeichnet) – für sich entdeckt hat, der wird davon – so unsere Erfahrung – nicht mehr loskommen. Auch, wenn in der Fotografie durch entsprechende Erfahrungen vieles vorhersehbar ist, so liegen bei Langzeitbelichtungen gerade für Einsteiger große Überraschungsmomente vor. Wir können jedem nur empfehlen, sich dieses fotografische Genre zu erschließen, denn damit erweitert sich der kreative fotografische Schaffungsprozess um ein Vielfaches. Und es macht schlichtweg auch großen Spaß, mit den Möglichkeiten zu spielen, weil die Fotografien dadurch ganz andere Intentionen erhalten. Natürlich muss man sich an die Langzeitfotografie herantasten und Erfahrungen sammeln – das macht sie aus unserer Sicht noch interessanter.

Zeit mitbringen

© Fotograf: Ralf Patela, Fast verfallen, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Ralf Patela, Fast verfallen, Blende-Fotowettbewerb
Knipsen kann jeder, und das ist auch gut so. Fotografieren kann auch jeder und für uns liegt der Unterschied zum Knipsen in der Entschleunigung der eigenen Fotografie. Natürlich sind Fotobegeisterte wahre Bildersammler und mitunter eventuell schon Bildermessis. Uns wird es ja auch leicht gemacht, denn Bilder entstehen im Bruchteil einer Sekunde – wenn wir nicht gerade der Langzeitfotografie nachgehen. Fotografieren – und gerade die Langzeitfotografie – heißt, sich zur Entschleunigung verleiten zu lassen, also Motive entdecken, in Szene setzen mit der Wahl der entsprechenden Perspektive und Fokussierung, Kameraeinstellungsparameter wählen und Auslöser betätigen. Wichtig ist also, Zeit und Muße einzuplanen – Ihre Bilder werden diese Entschleunigung in sich tragen.

Fokussierung – Scharf sollte es sein

© Fotograf: Manfred Anders, Nacht im Fjord, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Manfred Anders, Nacht im Fjord, Blende-Fotowettbewerb
Jeder, der schon einmal bei Nacht fotografiert hat, wird feststellen, dass es gar nicht so einfach ist mit der Fokussierung. Dies verhält sich nicht anders, wenn man am Tage mit Graufiltern der Langzeitbelichtung nachgeht. Je nach Stärke des Graufilters ist es nicht möglich, das Motiv noch zu erkennen. Dies macht natürlich eine Fokussierung nahezu unmöglich. Wichtig ist also, den Ausschnitt und die Schärfe vorab festzulegen, also bevor das Graufilter vor dem Objektiv aufgesetzt wird. Ist die Fokussierung abgeschlossen, gilt es, den Autofokus direkt an der Kamera oder am Objektiv auszuschalten.

Graufilter – Welcher soll es sein?

© Fotograf: cmoon view, 2176 m.ü.M, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: cmoon view, 2176 m.ü.M, Blende-Fotowettbewerb
Graufilter, bekannt auch unter dem Namen ND-Filter (Neutral Density = neutrale Dichte) oder Neutraldichtefilter, sperren das gesamte sichtbare Lichtspektrum gleichmäßig und führen dadurch zu einer Lichtreduktion, ohne Farben und Kontrast zu beeinflussen. Die Anwendungen sind vielfältig und teils experimentell. Idealerweise hat ein solches Graufilter eine „waagrechte“ Transmissionskurve im sichtbaren Spektralbereich, d.h. alle auf das Filter durchdringenden Spektralfarben wirken mit gleicher Intensität auf den Empfänger (Film, Sensor,…). Bei einem durchfärbten Filterglas bestimmen die Beimengungen der Glasschmelze seine charakteristische Wirkungsweise. Bei einem Graufilter aus gefärbtem Filterglas ist dies nicht anders. Deren Beimengungen bewirken allerdings, dass im Rotbereich die Transmissionscharakteristik leicht erhöht wird. Dies liegt unbeeinflussbar in der chemischen Zusammensetzung des Glases begründet. Das bedeutet letztlich, dass dieser Rotbereich gegenüber den anderen spektralen Farbkomponenten überbewertet und somit stärker belichtet. Es entsteht daraus ein leichter Warmtoneffekt. Je stärker das Graufilter ist, umso mehr dominiert der Rotanteil. Bei Digitalkameras wird mittels Weißabgleich gegengesteuert, eventuell fallen nachträgliche Korrekturen mit einem Bildverarbeitungsprogramm an.

Das Angebot an Graufiltern ist mit ND 0.3, ND 0.6, ND 0.9, ND 1.8, ND 2.0 und ND 3.0 umfangreich. Sie unterscheiden sich in der Stärke voneinander. Glücklich können sich all jene schätzen, die über so ein Sortiment verfügen, denn dann können sie je nach Situation und Intention den passenden Graufilter wählen. Steht man nun vor einer Anschaffung so würden wir je einen mit geringer, mittlerer und starke Dichte wählen.

Belichtung – Wie lang darf es sein?

© Fotograf: Thorsten Lejeune, Altes Haus, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Thorsten Lejeune, Altes Haus, Blende-Fotowettbewerb
Allgemeingültiges, wie lang nun die Belichtung sein muss/sollte, kann man nicht sagen, denn wie lange man belichtet, hängt natürlich maßgeblich vom verwendeten Graufilter, der Blende und natürlich von der Intention ab – das macht ja auch das fotografische Spiel mit der Belichtungszeit so spannend. Als Einsteiger in die Langzeitfotografie heißt es, mit den Belichtungszeiten in Kombination mit der Blende zu spielen und sich dementsprechend für Belichtungsreihen zu entscheiden. Auf diese Art und Weise erhält man wunderbar ein Gespür, welche Auswirkungen die Verlängerungen der Belichtungszeit mit sich bringen. Als Objekte bieten sich Wasserfälle ebenso an wie auch Impressionen vom Meer und natürlich Architektur beispielsweise im Zusammenhang mit einer Straße und vorbeifahrenden Autos. Versierte, die schon Erfahrung mit Langzeitbelichtungen gesammelt haben, greifen auch gern auf Tabellen zurück oder berechnen diese. Gerade das Berechnen erachten einige als mühsam und für diejenigen gibt es inzwischen auch Apps. Das ist einfach, denn man benötigt nur die Belichtungszeit ohne Graufilter und den Verlängerungsfaktor des Graufilters.

Aufnahmemodus – Welcher sollte es sein?

© Fotograf: Rudi Simon, Industrieromantik im LaPaDu, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Rudi Simon, Industrieromantik im LaPaDu, Blende-Fotowettbewerb
Dass man den Automatikmodus bei Langzeitbelichtungen verlassen sollte, versteht sich von selbst. Der M-Modus, also der Aufnahmemodus, bei dem alle Einstellungen manuell vom Fotografen vorgenommen werden, erweist sich in über 90 Prozent der Aufnahmesituationen als die beste Wahl. Man könnte auch denken, dass die Blendenpriorität/Zeitautomatik (z.B. A- oder AV-Modus) eine gute Wahl ist. Hier wird die Blende vorgegeben und die Belichtungszeit wird automatisch von der Kamera ermittelt. Dieser Modus bietet sich jedoch höchstens für den Erhalt der Anfangsbelichtungszeit an – mehr aber auch nicht, denn die Kamera ist nicht in der Lage, die korrekte Zeit zu berechnen. Das gleiche gilt auch für die Blendenautomatik.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2015

11 Kommentare

Hallo Annette, danke für die Anregung. Das Rauschverhalten steht mit in Abhängigkeit zum verwendeten Kameramodell. Neuere hochpreisigere Kameramodelle neigen weniger zum Rauschen als preiswerte und ältere Kameras. Wir prüfen mal, ob wir das Thema "Rauschen" in einem separaten Beitrag behandeln. Prophoto-Team

Prophoto-Team

von Prophoto-Team
23. September 2015, 10:02:19 Uhr

Interessanter Beitrag, aber gerade bei dem Thema vermisse ich natürlich das Problem des Bildrauschens, das ja eine Herausforderung ist.

Annette

von Annette
23. September 2015, 09:51:15 Uhr

Sehr herzlichen Dank!

Ulrike

von Ulrike
04. September 2015, 14:30:53 Uhr

Hallo Ulrike, wir haben Photo Tools ausfindig gemacht https://play.google.com/store/apps/details?id=ru.neverdark.phototools Wie gut es ist können wir nicht beurteilen

Prophoto-Team

von Prophoto-Team
04. September 2015, 11:27:55 Uhr

Vielen Dank für Ihren Hinweis, aber haben Sie ggf. auch noch App-Vorschläge für Android Handies? Danke und fG!

ulrike B.

von ulrike B.
03. September 2015, 11:11:38 Uhr

Hallo Ulrike, aus unserer Sicht funktioniert App PhotoBuddy ganz gut: http://www.prophoto-online.de/iphone-ipad-apps/App-PhotoBuddy-fuer-iPhone-und-iPad-Unerlaesslicher-Helfer-10002740 Man kann Zeit, ISO und Blende vorwählen und dann den Filter entsprechend hinzufügen und sehen, wie sich die Zeit verändert.

Prophoto-Team

von Prophoto-Team
03. September 2015, 07:44:46 Uhr

Hallo Ulrike, wir kümmern uns drum - schaffen es aber heute nicht mehr.

Prophoto-Team

von Prophoto-Team
02. September 2015, 16:36:52 Uhr

Hallo, haben Sie evtl. mal links zu Apps, die Sie oben erwähnen? Das wäre super! Vielen Dank und fG!

Ulrike B.

von Ulrike B.
02. September 2015, 14:39:23 Uhr

Dieser Artikel macht richtig Lust sich darin zu üben. Bin aber noch Meilensteine von den Bildqualitäten hier entfernt.

Lisa

von Lisa
28. August 2015, 21:23:58 Uhr

kann mich Motivjägerin nur anschließen, toller Artikel und grandiose Bilder. Da muss ich noch lange üben ...

Tobi S.

von Tobi S.
26. August 2015, 20:40:38 Uhr

Super Artikel, danke. Ich werde an Wochenende gleich mal losziehen. Habe das ganze Equipment zwar da, nutzte es aber kaum.

Motivjägerin

von Motivjägerin
26. August 2015, 08:27:44 Uhr

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden