Warum Langzeitbelichtungen auch am Tag ein Thema sind

Mit ND-Filter (Graufilter) wird der Tag zur Nacht

Abstrakte Bilder durch Kamerabewegungen

Langzeitbelichtungen am Tag - Wasser wird zu Watte

Geht es um das Fotothema Langzeitbelichtungen dann kommt einem unmittelbar das Fotografieren in der Nacht in den Sinn. Kreative visuelle Gestaltungsmöglichkeiten wie Startrails oder Lightpainting werden dabei immer beliebter, und treiben Fotoenthusiasten ebenso in die Dunkelheit wie Fans der Astrofotografie. Doch das Fotofeature Langzeitbelichtung beschränkt sich nicht nur auf die Nacht sondern erweitert die kreativen Möglichkeiten auch am Tage. Möchte man Bilder jenseits des Alltäglichen schaffen, dann gelingt einem dies eindrucksvoll mit Langzeitbelichtungen.

Grundlagen zu Langzeitbelichtung

Generell gilt, für eine lange Belichtungszeit benötigt man wenig Licht. Also je nach Bedarf runter mit den ISO und die Blende zu. Dabei sind allerdings zwei Effekte mit zu berücksichtigen. Mit dem Schließen der Blende vergrößert sich zwar die Schärfentiefe, aber ab Blende 11 macht sich zunehmend die Beugungsunschärfe bemerkbar. Geringere ISO bedeutet auch nicht automatisch bessere Bildqualität. Moderne Sensoren haben häufig bei 200 ISO den größten Dynamikumfang. Eine geringere ISO Zahl lässt dann zwar eine längere Belichtungszeit zu, aber es können dann die Lichter leichter ausfressen.

Stativ ist Pflicht – Es kommt auf die richtige Unschärfe im Bild an

Langzeitbelichtungen am Tag - Musik sehen

Unabdingbar ist natürlich ein gutes Stativ, sonst ist das ganze Bild unscharf und nicht nur die sich bewegenden Gegenstände. Darin liegt nun aber oft der Reiz der Langzeitbelichtung. Bewegungen werden als solche durch Unschärfe sichtbar gemacht. Fließendes Wasser wirkt wie Watte, Wellen werden glattgebügelt. Um die Kamerabewegung und die dadurch resultierende Unschärfe beim Auslösen zu vermeiden, empfiehlt es sich vor allem bei leichten Reisestativen mit Auslöseverzögerung oder mit Fernauslöser zu arbeiten. Viele aktuelle Kameramodelle lassen sich via Smartphone-App steuern, das erspart einem die Anschaffung eines extra Fernauslösers. Das Ausschalten des kamerainternen Stabilisators wird bei älteren Kameras empfohlen.

Lange Zeiten auch am Tag

Möchte man am Tage den Effekt der Langzeitbelichtung erzielen dann sind ND-Filter nötig. ND-Filter sind Graufilter, die Licht aller Wellenlängen gleichmäßig absorbieren. Das ist auch ein wichtiges Qualitätskriterium. Bei ungleichmäßiger Absorption bekommen die Bilder einen Farbstich. ND Filter werden in verschiedenen Stärken angeboten. Meist steht dahinter eine Zahl und da muss man genau aufpassen. Beispielsweise liest man ND 1000 oder auch ND 3,0 bei einem anderen Hersteller. Beide Filter sind aber in der Stärke identisch, die Kommazahl bezieht sich auf die Neutraldichte, die ganze Zahl auf die Belichtungsverlängerung. Beide verdoppeln 10 Mal die Belichtungszeit, also statt 1/1000 dann 1 Sek Belichtungszeit, oder statt 1 Sek dann 1000 Sek. Da wird der Tag zur Nacht. Empfehlenswert ist, um auf unterschiedliche Lichtsituationen eingestellt zu sein, sich ein Set aus einem ND 0,9 (8), einem ND1,8( 64) und dem ND 3,0 (1000) zuzulegen. Ein Nachteil von starken ND Filtern ist, dass bei manchen Kameras der Autofokus nicht funktioniert. Und beim Blick in optische Sucher ist es auch am Tag dunkel. Dann muss der Live View aktiviert werden.

Probieren geht über Studieren

Je nach gewünschtem Effekt ist die Belichtungszeit zu wählen. Soll beispielsweise die Bewegung vorbeihastender Personen eingefangen werden, ohne dass sich die Personen in Nebel auflösen, sollte die Belichtungszeit im Bereich von 1/2 Sek bis 1/10 Sek sein. Um Bewegungen eines Musikers oder Tänzers sichtbar zu machen sind entsprechend längere Belichtungszeiten zu wählen.

Besondere Effekte durch Kamerabewegungen

Langzeitbelichtungen am Tag - Abstraktion durch Bewegung

Abstrakte Bilder lassen sich durch Kamerabewegungen während der Aufnahme erzielen. Je nach Bewegungsintensität kann die Abstraktion so weit gehen, dass das eigentliche Motiv nicht mehr erkennbar ist. Solche Bilder wirken dann sehr stark über die Farben. Um ein Motiv zu abstrahieren genügen bei Normalobjektiven Belichtungszeiten von 1/15 Sek. Die Bewegung der Kamera erfolgt am besten aus dem Handgelenk. Ein bisschen Übung ist notwendig, damit auch der gewünschte Effekt erreicht wird. Sinnvollerweise beginnt man mit der Bewegung bereits kurz vor dem Auslösen. Wichtig ist, dass die Bewegung gleichmäßig erfolgt. Zittrige Linien im Bild wirken eher zufällig und ungewollt.

Freihandaufnahmen erfordern sehr viel Übung und noch mehr Versuche

In vielen Fällen lohnt es sich ein Stativ mit einem Kopf zu verwenden, bei dem sich die Kamera gezielt nur in einer Ebene bewegen lässt (3-Wege-Neiger). Dann lassen sich auch längere Belichtungszeiten verwenden, ohne dass die Bewegung ungleichmäßig wird. Besondere Effekte lassen sich auch durch Rotation der Kamera erzielen. Hier ist es Freihand sehr schwer, eine gleichmäßige (Teil)Rotation um die optische Achse zu erreichen. Bei der Verwendung eines Stativs sind allerdings Winkelplatten oder Nodalpunktadapter notwendig, um eine derartige Rotation zu realisieren.

Soll man das Motiv noch erkennen, ist die Wischtechnik sinnvoll. Hier erfolgt eine kurze Bewegung in Richtung dominierender Bildlinien. Oft ist es sinnvoll, die Bewegung erst kurz nach dem Auslösen zu beginnen. Aber auch hier gilt: Üben, experimentieren und variieren, denn je nach Motiv ist oft ein anderes Verfahren geeignet.

Zoomobjektiv – In das Bild hineinziehen

Langzeitbelichtungen am Tag - Zoomeffekt

Bei den meisten Zoomobjektiven für Spiegelreflex- und kompakte Systemkameras lässt sich die Brennweite manuell verstellen, und das auch bei offenem Verschluss. Dadurch lassen sich Bilder realisieren, bei denen man förmlich in das Bild hineingezogen wird.

Mit der Kamera „wandern“ – zwei Perspektiven in einem Bild

Bei einer Langzeitbelichtung mit der Kamera auf dem Stativ wird schnell der Standort verändert und dann das Motiv aus einer anderen Perspektive zu Ende belichtet. Dabei ist zu beachten, dass die Standortveränderung nur einen kurzen Teil der Gesamtbelichtungsdauer ausmacht.

Fazit

Durch die aufgeführten kreativen Techniken lassen sich auch von eher langweiligen Motiven dynamische und spannende Bilder erzeugen. Also raus mit der Kamera und das kreative Potential entfalten oder erwecken, das in jedem Menschen schlummert.

Fotografieren in der Praxis 05 / 2018

2 Kommentare

Interessanter Bericht, auch für Anfänger verständlich geschrieben.

Wolfgang

von Wolfgang
09. Mai 2018, 14:33:58 Uhr

Danke für en Artikel - aber NEIN DANKE für die Vorschläge ein Motiv "künstlerisch" mit der Kamera zu verunstalten - das überlasse ich wer immer mit Pinsel oder Stift arbeiten möchte....

Gerhard Finke

von Gerhard Finke
09. Mai 2018, 10:31:00 Uhr

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