Lightpainting Fotografie - Mit Licht malen

Wer die Bedeutung des Wortes Photographie, von ‚photos‘ altgriechisch ‚des Lichts‘ und ‘graphein’, ‘malen’ noch kennt, mag bei „lightpainting Fotografie“ an einen Pleonasmus denken. Dem ist aber nicht so. Zu Beginn der Fotografie hatte sie, außer dass am Ende ein Bild als Ergebnis vorlag, noch etwas Weiteres mit dem Malen gemeinsam. Es brauchte viel (Belichtungs)zeit bis ein Bild entstand. Heute im Zeitalter von High-Iso ist es selbst nachts möglich aus der Hand zu fotografieren. Die Lichtmalerei geht einen anderen Weg. Das Malen mit dem Licht erfolgt während der Aufnahme, die in der Regel immer eine Langzeitaufnahme ist. Voraussetzung dafür ist ein stabiles Stativ und eine Kamera mit BULB Funktion! Von ein paar Sekunden bis hin zu mehreren Minuten oder im Extremfall sogar Stunden beträgt die Belichtungszeit. Die zweite Voraussetzung ist entweder ein abdunkelbarer Raum oder im Freien wenigstens die Dämmerung abzuwarten. Sinnvoll, um Unschärfen zu vermeiden, ist ein Fernauslöser und in der Regel empfehlen die Kamerahersteller die Bildstabilisierung auszuschalten.

Aufnahmetechnisch kann man zwei Arten des Malens mit Licht unterscheiden, die oft auch miteinander kombiniert werden.

  1. Die eigentliche Lichtquelle ist nicht im Bild, sondern nur die Flächen, die mit dem Licht der Lichtquelle bemalt wurden, wie z.B. Wände, Gegenstände auch jene unter Wasser. Als Lichtpinsel kommen im einfachsten Fall eine Taschenlampe und, wenn es bunt werden soll, farbige Filterfolien zum Einsatz. Empfehlenswert sind LED-Modelle, deren Lichtstärke variierbar ist und die einen fokusierbaren Lichtkegel besitzen. Damit lassen sich flexibler und gezielt interessante Objekte herausstellen oder durch Verstellen und erneutem Anleuchten vervielfältigen.
    Love
    Andererseits versinken unschöne oder unpassende Bildelemente in der Düsternis. Als Beispiel seien charakteristisch geformte Bäume genannt, die am Tage in der Vielzahl der Pflanzen des Waldes optisch untergehen, diese lassen sich auf diese Art selektiv beleuchtet mystisch in Szene setzen.
    Baum
  2. Die Lichtquelle selbst ist mit im Bild. Dabei sorgen die unterschiedlichsten Lichtquellen für eine Vielfalt der Lichteffekte. Eine Auswahl davon wird im Folgenden vorgestellt.

    Der klassische Fall sind die Leuchtspuren von Lichtern, die von Fahrzeugen erzeugt werden. Diese Art war schon zu analogen Zeiten verbreitet, da der Verlauf der Leuchtspuren durch die Straßen oder Schienen vorgegeben waren. In der Regel steuerte der Fotograf nicht das Fahrzeug.

    Beim Lightpainting dagegen zeichnet nun der Fotograf aktiv Lichtlinien ins Bild. Das können abstrakte Muster oder die Umrisse von Gegenständen sein. Nur die Phantasie setzt hier dem Fotografen als Künstler Grenzen. Da der Maler auch bei der Lichtmalerei nicht selbst oder Abrücke von ihm mit aufs Bild sollen, ist dabei „Men in Black“ angesagt! Der Einsatz von Farbfilterfolien und Schablonen vor der Taschenlampe erweitert übrigens die Vielfalt der Möglichkeiten beträchtlich. Spektakuläre Effekte lassen sich mit brennender Stahlwolle erzeugen, erfordern aber sorgfältigste Planung wegen der Feuergefahr!

    Stahlwolle, farbiges Licht, Taschenlampe mit Schablone

    Die bekannten kreis- und bogenförmigen Lichteffekte erzeugt man mittels auf Gestelle montierter Lichtquellen. Hier sind die Möglichkeiten durch immer technisch komplizierte Konstruktionen schier unbegrenzt.

    Lichtrad
    Der Einsatz eines Akkuschraubers oder Mixers sorgt dabei für präzise und gleichmäßige Bewegungen. Blinklichter sorgen für regelmäßige Farbwechsel oder Unterbrechungen in den Farbkreisen.
    Werkzeug

    Futuristische Effekte lassen sich mit aus Plexiglas geformten Lichtpinseln, im Fachjargon Blades genannt, erzielen. Je nach Form des Lichtpinsels und Ausrichtung zur Kamera entstehen völlig unterschiedliche Effekte. Wie beim Malen mit Farbe auf der Leinwand erfordert dies viel Übung, bis man mit den Blades virtuos umgehen kann. Vor allem gilt generell: Ein Übermalen wie bei der Malerei auf Leinwand geht nicht, weil es kein schwarzes Licht gibt. Das bedeutet in der Praxis: Ist ein Lichtakzent falsch gesetzt oder trotz aller Vorsicht ein Teil des sinnvoller Weise schwarz gekleideten Lichtmalers mit auf dem Bild, muss dieses wieder komplett neu aufgebaut werden.

    Amazone
    Lara Croft
    Wer sich scheut, selbst solche Blades anzufertigen: Einige der professionellen Lichtkünstler wie Bernhard Rauscher, alias Lumenman, vertreiben zu günstigen Preisen ihre handgefertigten Stücke und auf deren Internetpräsenzen findet man auch detaillierte Anleitungen und weitere Anregungen.

    Um Nebeleffekte zu erzeugen sind Lichtschnüre ideal, die für wenig Geld in Internetshops zu bekommen sind. Wichtig ist dabei, die Schnüre ständig in Bewegung zu halten und schwarze Fingerhandschuhe überzuziehen, sonst wird auch das von der Haut reflektierte Licht mitaufgezeichnet.

    Alchemist

    Allgemeiner Tipp: Einfach mit allen verfügbaren Lichtquellen von Partyleuchten über Lichterketten bis hin zu Wunderkerzen experimentieren. Der Spaßfaktor steigt um ein Vielfaches, wenn das Projekt mit mehreren Leuten zusammen umgesetzt wird und auch Models mit von der Partie sind.

Digitales Werkzeug

Im Digitalzeitalter kann man zumindest mit jeder Kamera nach der Aufnahme kontrollieren, ob es passt und bei Fehlbelichtungen mit korrigierten Einstellungen einen neuen Versuch starten – das ist ein enormer Vorteil. Noch besser wäre es, wenn auf dem Display simultan mit verfolgt werden könnte, wie sich das Bild entwickelt, um dann bei der korrekten Belichtung abzubrechen und das Bild zu speichern. Zukunftsmusik? Nicht bei Olympus, denn alle OM-D und alle PEN Modelle ab der E-PL5 besitzen den Live-Bulb Modus. Hier ist es tatsächlich möglich, während einer Langzeitbelichtung den Sensor in Intervallen bis zu 24mal auszulesen, so dass der Belichtungsfortschritt, praktischerweise auch im Histogramm gut verfolgt und beim vom Fotografen gewünschten Ergebnis gestoppt werden kann.

Besonders herausfordernd gestaltet sich das Einbeziehen von Personen in das Kunstwerk. Hier darf wegen der Bewegungsunschärfe das Modell nur kurz angeblitzt werden und im weiteren Verlauf der Lichtmalerei nicht erneut beleuchtet werden.

abstrakt
Generell ist bei Langzeitbelichtungen ein Problem, dass je länger die Lichtmalerei dauert, sich das Rest- und Störlicht in den dunklen Bereichen aufaddiert und das Bild insgesamt zu hell wird. Die neuen Olympus Modelle (Beherrschen alle OM-D Modelle, außer der E-M5, sowie bei der PEN-Serie die E- PL7, PL8 und die PEN F) besitzen hier eine spezielle Art der Langzeitbelichtung, das sogenannte Live Composite, bei dem diese Effekte verhindert werden. Es erfolgt keine Aufaddierung von Restlicht, da nach einer vorwählbaren Grundbelichtungszeit nur noch die Bildanteile aufgenommen werden, die heller als das Basisbild sind, also nur die Leuchtspuren des Lichtmalers. Dabei werden bereits belichtete Bildteile von einer weiteren Belichtung ausgespart und der Bildentstehungsprozess kann parallel am Display nachverfolgt werden. Es ist damit möglich, stundenlang großräumige Motive mit Licht gezielt und kontrolliert auszumalen und den Song der Rolling Stones umzuschreiben: I see a black door and i want to paint it red! No darkness anymore, I want them fill with red! Oder natürlich auch mit jeder anderen beliebigen Farbe!

Fotografieren in der Praxis 05 / 2017

1 Kommentare

sehr gelungener Artilel,der mich wieder anspornt weiter zu üben,manchmal ist das mit der geduld bei mir ned so,aber wichtig ist das ich meine Kamera erstmal verstehen lerne Gruß Hagen

Hagen Hofmann

von Hagen Hofmann
04. November 2017, 07:01:09 Uhr

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