Fototechnik: Little Planet Panoramen

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© Ingo Weber, Langsam wird es Herbst

Wie jeder weiß, dienen Panoramen in der Vielzahl der Fälle dazu, den Blickwinkel zu vergrößern. Die Erstellung von 360-Gard-Panorama-Aufnahmen wird in Zeiten der noch recht jungen Virtual Reality Anwendungen immer populärer. Fotografen können mit diesen Rundum-Aufnahmen ihre eigene, kleine Welt erschaffen: die Little Planets.

Ein Experte in diesem Fach ist Ingo Weber, der mit seinem Little Planet „Langsam wird es Herbst“ den 42. Platz in der bundesweiten Endausscheidung von „Blende 2015“ belegte. Gemeinsam mit ihm wollen wir uns diesem spannenden Thema widmen und aufzeigen, dass es gar nicht so kompliziert ist, ein solches Panorama zu erschaffen.

Die Vorbereitung zu Hause

Für die Aufnahmen, die später zu einem Little Planet zusammengefügt werden sollen, verwendet Ingo Weber eine Nikon D610 mit einem Zenitar 16mm Fisheye. Das Fischaugenobjektiv hat eine geringe Brennweite und bietet dadurch einen größeren Blickwinkel, wodurch weniger Aufnahmen gemacht werden müssen. Ganz nach den eigenen Vorlieben kann aber auch ein anderes Objektiv eingesetzt werden. Wichtig ist nur, dass die vollständige Rundumsicht eingefangen wird, um ein stimmiges 360-Grad-Panorama zu erstellen.

Weiterhin verwendet Ingo Weber einen Roundabout-NP Nodalpunktadapter, dessen Stabilität und Robustheit dem Fotografen aus Marl besonders überzeugen. Als Reserve hat er zudem einen Nodalpunktadapter von Pano-Maxx und Rollei. Ein solcher Panoramakopf ist wichtig, um den Nodalpunkt für die verwendete Kamera einzustellen. Bei der Vorbereitung für ein Panorama-Shooting kann dieser Punkt bereits zuhause bestimmt und markiert werden.

Der Nodalpunkt wird auch als NPP (No-Parallax-Point) oder POP (Punkt ohne Parallaxe) bezeichnet und ist wichtig, um die vertikale Drehachse der Kamera mit der optischen Achse in Einklang zu bringen. Ist dies der Fall, so können die mit Überlappung aufgenommenen Einzelbilder des Rundum-Panoramas passgenau zusammengefügt werden, wobei die Vordergrund- und Hintergrunddetails jeweils übereinstimmen. Da der Nadalpunkt einer Kamera meist abseits der Stativbefestigung liegt, muss die Kamera mit einem entsprechenden Adapter am Stativ befestigt ausgerichtet werden.

Für ein Kugelpanorama, wie Little Planets allgemein bezeichnet werden, wird neben den horizontalen Aufnahmen auch noch ein Foto nach unten (Nadir) und nach oben (Zenit) gemacht. Durch den Nodalpunktadapter kann die Kamera bequem zwischen den Aufnahmen geschwenkt werden. Im Nodalpunkt treten die Lichtstrahlen im gleichen Winkel zur optischen Achse der Kamera in das System ein. Für die Panoramafotografie hat der Drehpunkt um die Eintrittspupille des Objektivs eine besondere Relevanz, da hier die in das optische System einfallenden Strahlenbündel begrenzt werden. Der Adapter wird so eingestellt, dass die senkrechte Drehachse und das Zentrum der Eintrittspupille aufeinanderliegen.

Die Aufnahmen für das Kugelpanorama

Vor Ort befestigt Ingo Weber die Kamera mit Objektiv auf einem Dreibeinstativ, sorgt für einen festen stand und richtet das System anschließend in Waage aus. Dadurch ist gewährleistet, dass alle Aufnahmen der Rundumsicht waagerecht und auf der gleichen horizontalen Ebene liegen. Mit ein paar Testaufnahmen werden Blende und ISO-Wert festgelegt und eine mittlere Belichtungszeit im manuellen Modus eingestellt.

Anschließend wird die Hyperfokaldistanz festgelegt und auf diese Entfernung fokussiert. Mit einer akzeptablen Unschärfe werden dadurch alle Objekte von der halben hyperfokalen Entfernung bis ins Unendliche abgebildet.

Der Rotator des Nodalpunktadapter sollte einwandfrei funktionieren, ohne zu wackeln oder zu ruckeln. Im Abstand von jeweils 30-Grad werden nun 6 Aufnahmen gemacht. Um Verwacklungen zu vermeiden sollte per Fernauslöser oder über das Tablet – wenn die Kamera diese Funktion unterstützt – ausgelöst werden. Den größtmöglichen Freiraum bei der Nachbearbeitung bieten hier Aufnahmen im RAW-Format.

Mit den gleichen Kameraeinstellungen wird eine Aufnahme vom Zenit gemacht. Die optische Achse ist hierbei parallel zur Drehachse. Anschließend wird die Kamera auf ein Einbeinstativ montiert und aus der Höhe des Nodalpunktadapters ein Foto vom Boden (Nadir) geschossen. Das Bodenbild kann auch gemacht werden, während die Kamera noch am Adapter befestigt ist, jedoch muss später dann das Stativ retuschiert werden.

Das Panorama wird erstellt

Um das Kugelpanorama zu erstellen arbeitet Ingo Weber mit Panoramastudio 3 Pro, das für ihn auf seine Ausrüstung und Belange sehr gut zugeschnitten ist. In das Programm werden die Bilder für das mehrreihiges Panorama einladen. Die unerwünschten Teile in den Aufnahmen (beispielsweise die Stativbeine im Bodenbild) werden maskiert und das 360-Grad-Panorama gespeichert. Im Programm lässt sich der Unterpunkt „Projektion erstellen“ auswählen und darüber der „Little Planet“ erstellen. Die Software arbeitet präzise und Belichtungsunterschiede werden gut reguliert. Weber ist inzwischen auf das Programm PTGUI umgestiegen, da er mittlerweile mit Nikon D750 und einem Sigma 15mm Fisheye-Objektiv fotografiert. Dieser Schritt war notwendig, da für ihn die Kompatibilität von Panoramastudio 3 Pro für fehlerfreie Panoramen und Little Planets nicht mehr gegeben war.

Man kann einen Little Planet auch per Photoshop über die Polar-Koordinaten-Transformation erstellen. Hierfür beginnt man beim Rundum-Panorama mit der Bereinigung der Anschlussstelle. Über Filter > Verschiebungseffekt bewegt man den Bildrand so weit in die Bildmitte, dass man eine optimale Retusche dieser – mitunter deutlich sichtbaren – Bildkante vornehmen kann. Stempel und Ausbesserungswerkzeug sind hierfür die Mittel der Wahl.

Anschließend wird das Bild in eine quadratische Form gebracht. Das Ausgangsbild hat hier eine Größe von 3.000 × 1.500 Pixel. Über den Befehl Bild > Bildgröße wird es auf beispielsweise 1.000 × 1.000 Pixel neu berechnet ohne die Proportionen zu erhalten. Anschließend wird das Bild noch über Bild > Drehen > 180° in die richtige Ausgangsposition für die Verformung gebracht.

Die Transformation in das Kugelpanorama erfolgt schließlich über den Filter Verzerrungsfilter > Polarkoordinaten. Beim Rundum-Panorama entscheidet die Position des Horizonts über die Größe und Wölbung des Little Planet. Das Ergebnis ist auf jeden Fall brauchbar, lässt aber noch viele Möglichkeiten zum Feinschliff. Beispielsweise lassen sich Blendflecken (engl. flares) einbauen, Detailreparaturen vornehmen oder eine Kugelschattierung einbringen. Der Kreativität sind bei der Erschaffung der eigenen kleinen Planeten keine Grenzen gesetzt.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2016

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