Lochkamera - Eine ganz neue und andere Fotoerfahrung

© Camille Gabrieli, www.pinhole.org
© Camille Gabrieli, www.pinhole.org
Heute wenden wir uns dem Thema Lochkamera zu und sicherlich werden wir sowohl bei unseren Jüngeren und Älteren sowie allen, die dazwischen stehen, für Kopfschütteln sorgen. Die Jüngeren fragen sich bestimmt, was denn eine Lochkamera überhaupt ist. Diese Frage ist berechtigt, denn sie sind rein in der digitalen Fotowelt groß geworden, manche kennen noch nicht einmal mehr den Film, wie in einem Bericht erst kürzlich zu lesen war. Ja, und die Älteren und alle anderen, die die analoge Welt noch mitbekommen haben, werden sich fragen, was dieses Thema denn nun soll in unserer digitalen technischen Wunderwelt. Auf das Thema Lochkamera sind wir gestoßen, weil am letzten Sonntag im April, also in diesem Jahr am 26. April, der PinholeDay stattfindet, und zwar zum 15. Mal. Weltweit ist jeder Fotobegeisterte aufgerufen, ein Foto mit der Lochkamera zu machen und dieses auf dem Portal pinholeday.org hochzuladen und somit ein Teil der ersten Internet-Galerie für Lochkamera-Fotografien zu werden. Parallel zu dieser Aktion wird es hunderte lokale Veranstaltungen geben, die auf diese alte, immer populärer werdende Art des Fotografierens aufmerksam machen. Engagierte Freiwillige in vielen Ländern der Erde werden Kongresse, Sitzungen, Arbeitsgruppen und Vorträge organisieren, um diese fotografische Erfahrung zu fördern, neue Liebhaber zu finden und neue Künstler zum Vorschein zu bringen.

Was ist eine Lochkamera

© Bob Merco, www.pinhole.org
© Bob Merco, www.pinhole.org
Eine Lochkamera ist ein einfaches Aufnahmegerät ohne große Technik, das es als Bausatz gibt oder das man auch selbst bauen kann. Im Internet gibt es dazu diverse Anleitungen – es ist unkompliziert und statt aus Pappe kann man beispielsweise auch aus leeren Getränkedosen eine Lochkamera bauen. Durch eine kleine Öffnung (Loch), die um 1 mm, also stecknadelgroß ist – deshalb der englische Terminus pinhole camera – fällt Licht in einen sonst lichtdichten und verhältnismäßig kleinen schachtelförmigen Hohlkörper. Auf der Rückseite des Loches entsteht ein auf dem Kopf stehendes Bild. Dieses lässt sich auf lichtempfindlichem Material (Fotopapier oder Film) oder über einen elektronischen Bildwandler (Bildsensor) festhalten. Besteht die Bildseite aus transparentem Material, lässt sich das Bild auch von außen betrachten. Das Loch verschließt man mit Klebestreifen, wenn sich im Inneren das lichtempfindliche Material befindet. Der Klebestreifen wird erst entfernt, wenn die Belichtung starten soll.

Funktionsweise einer Lochkamera

© Amy Schwartz, www.pinhole.org
© Amy Schwartz, www.pinhole.org
Das Abbildungsprinzip einer Lochkamera besteht darin, dass durch eine Lochblende nahezu alle Lichtstrahlen, bis auf ein möglichst kleines Bündel in gerader Verbindung zwischen Objekt und Bildpunkt, ausgeblendet werden. Da im Gegensatz zu einer fokussierenden Kamera mit Objektiv keine weitere Bündelung des Lichts vorgenommen wird, bestimmt allein der Durchmesser der Lochblende die Bildschärfe und die Helligkeit des Bildes. In der Strahlenoptik erzeugt ein unendlich kleines Loch eine unendlich scharfe Abbildung, die jedoch unendlich lichtschwach ist. Dies führt dazu, dass die Lichtstärke realer Lochkameras um 10- bis 500-mal kleiner ist als die von fokussierenden Kameras und die Schärfentiefe um den Faktor 10 bis 500 größer ist. Diese ist allerdings nur in seltenen Fällen nutzbar, da sie unmittelbar hinter der Lochblende anfängt.

Lochkamera in der Praxis

Wie schon ausgeführt, fällt relativ wenig Licht auf das lichtempfindliche Material. Das hat zur Folge, dass man die Entschleunigung beziehungsweise die Entdeckung der Langsamkeit für sich und die Fotografie entdecken muss. Aufnahmen mit einer Lochkamera können Belichtungszeiten von mehreren Stunden bis hin zu mehreren Wochen beinhalten. Bei diesen Zeitfenstern ist das Ablichten von statischen Motiven angesagt. Bei der Positionierung der Kamera sollte man sich nicht zu viele Gedanken machen – es kommt, gerade wenn man in diese Art der Fotografie einsteigt, oft anders als man denkt. Das Fotografieren mit der Lochkamera macht richtig großen Spaß. Das liegt nicht am Vorgang des Fotografierens als solchem begründet, sondern den Bildergebnissen, die so abweichen von dem, was heute normalerweise wahrnehmen. Wir würden übrigens als lichtempfindlichem Material dem Fotopapier immer den Vorzug geben. Das Angebot an Fotopapieren ist vielfältig und so kann man durch die entsprechende Wahl des Papieres seinen Fotografien mit der Lochkamera noch einmal eine ganz andere Note verleihen. Mit der Lochbildkamera schafft man sehenswerte Unikate, die die eigenen vier Wände nachhaltig visuell bereichern.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2015

12 Bewerten  |  Drucken  |  Weiterempfehlen
1 Kommentare

Ja, auch mich verblüfft es immer wieder, zu den einfachsten Grundlagen zurückzugehen. Es gibt auch schöne Bausätze preiswert zu kaufen. Oder man baut alles selbst. Die teure, computerberechnete, lasergeschnittene Lochblende ist sicher nicht nötig. Heutzutage bin ich für eine Nassentwicklung oft zu faul. Ein Kameradeckel mit einem ganz kleine Loch macht aus der DSLR schnell eine Lochkamera. Die Formel für optimale Lochgröße (Beugungsgrenze) gibts irgendwo im Internet. Man sieht allerdings jedes Stäubchen auf dem Sensor mit deutlichen Beugungsringen.

von Jürgen Sonnemeyer
22. April 2015, 11:16:51 Uhr

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden