Lost Places - Industrieanlagen im Fokus

© Fotograf: Erik Oettinghaus, Durchblick..., Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Erik Oettinghaus, Durchblick…, Blende-Fotowettbewerb
Stillgelegte Industrieanlagen sind ein Eldorado nicht nur für Fotografen, sondern natürlich für alle, die wissbegierig in die Zukunft blicken und dabei die Vergangenheit nicht aus dem Blick verlieren. Das allein aus fotografischer Sicht reizvolle an diesen verlassenen Orten ist, dass wir es auf der einen Seite mit besonderer Architektur ebenso zu tun haben wie mit der Natur, die sich ihre Welt wieder zu erobern scheint. Hier dürfen wir nicht nur die Pflanzen im Blick haben, sondern auch die Tierwelt, für die diese Orte neue Lebensräume darstellt. Details wie Schilder, Wandventilatoren, Deckenharken bis hin zu Graffitis etc. ergänzen auf wirkungsvolle Weise die Motivpalette stillgelegter Industrieanlagen. Man muss sich beeilen, sie zu fotografieren. Werden sie wie die Zeche Zollverein oder beispielsweise der Landschaftspark Duisburg nicht geschützt, so werden sie eher früher als später abgerissen. Denken wir hier beispielsweise nur an das Hafengebiet in Hamburg, das in den vergangenen Jahren ein ganz neues Gesicht bekommen hat. Natürlich gibt es diese stillgelegten Industrieanlagen nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland. Nachstehend 10 Tipps, wie man Industrieanlagen fotografisch wirkungsvoll festhält.

1. Tipp: Industrieanlagen finden

Industrieanlagen gibt es überall, also auch in kleineren Gemeinden. Nicht alle Industrieanlagen sind so geschichtsträchtig und bekannt, wie beispielsweise die Zeche Zollverein oder der Landschaftspark Duisburg. Das tut keinen Abbruch, denn auch kleinere Industrieanlagen haben schon allein aus fotografischer Sicht ihre Reize. Das unmittelbare Umfeld hat übrigens mehr an industriellen Stätten zu bieten, als oftmals vermutet wird. Mit dem steigenden Interesse als Lost Places wächst die Anzahl derjenigen, die geführte Touren anbieten. Das Internet bietet bei der Recherche wertvolle Dienste, wenn man auf der Suche nach ihnen ist.

2. Tipp: Gesetze beachten

© Fotograf: Chris Tettke, Kühlturm, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Chris Tettke, Kühlturm, Blende-Fotowettbewerb
Nicht zum Gesetzesbrecher werden, auch wenn das Entdeckungsfieber und die Versuchung noch so groß sind sollte der Grundsatz des Handelns sein. Auch wenn Industrieanlagen nicht umzäunt oder die Mauern brüchig sind, wenn Türen und Fenster fehlen, so bedeutet dies noch lange nicht, dass man eintreten darf. Auch diese Orte haben Besitzer, die ihr Einverständnis geben müssen, möchte man auf das Gelände. Das ist bisweilen zeitraubend und erfordert die Kontaktaufnahme mit der Gemeinde und/oder Stadtverwaltung und ein Blick in das Grundbuch – der Aufwand lohnt sich aber, denn nur so ist man auf der sicheren Seite. Gewaltsames Eindringen wird übrigens unter Urbexern – so werden die Personen genannt, die Lost Places aufsuchen – nicht toleriert. Ist das Gebäude zu, dann bleibt es das auch.

3. Tipp: An die Nachwelt denken

Man ist nicht allein auf dieser Welt, auch wenn man das mitunter eventuell gern wäre. So wie man Industrieanlagen vorfindet, so gilt es auch, sie wieder für die Nachwelt zu verlassen. Dazu gehört, seinen Müll dort nicht abzulegen und auch beispielsweise keine Souvenirs mitzunehmen. Gerade letztgenanntes ist immer häufiger zu beobachten. Dazu gehören nicht nur Lichtschalter und Co. sondern inzwischen auch Metall oder Steine. Vandalismus ist natürlich ein „no Go“ und wird von Urbexern nicht toleriert. In zahlreichen Industrieanlagen findet sich noch Mobiliar. Dieses darf natürlich nicht entfernt werden, aber auch nicht arrangiert. Alles soll so bleiben wie es ist.

4. Sich Zeit nehmen

© Fotograf: Ivo Berg, Fabrik, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Ivo Berg, Fabrik, Blende-Fotowettbewerb
Wirkungsvolle Aufnahmen setzen voraus, Industrieanlagen gedanklich zu erobern. Dies bedingt eine intensive Auseinandersetzung mit ihnen aber auch dessen, was man in seinen Aufnahmen transportieren möchte. Wie eingangs bereits aufgeführt liegt der Reiz solcher Stätten im Großen wie im Kleinen. Beides gilt es für sich zu erobern und dann auch die Faszination dessen, was einen fesselt, abzulichten. Sofern es der Zeitrahmen zulässt, was gerade bei geführten Fototouren herausfordernd sein kann, sollte man alles erst einmal ohne den Blick durch den Sucher wahrnehmen und auf sich wirken lassen. Dazu gehört auch, nicht nur einfach durch die großen Hallen schnellen Schrittes zu eilen, sondern die unterschiedlichsten Standpunkte einzunehmen. Auf diese Weise ermittelt jeder Fotobegeisterte für sich den besten Fotostandort für seine Bildaussage die er treffen möchte. In Vorteil ist natürlich jeder, der solche Stätten zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten aufsucht, denn das Licht hilft beim Modulieren der Bildaussage.

5. Fotoausrüstung – Was sollte mit

Grundsätzlich gilt, nur das Nötigste in die Fototasche zu packen, wobei dem Fotorucksack vielfach der Vorzug zu geben ist, weil man dann deutlich mehr Bewegungsfreiheit hat. Welche Kameraausrüstung die bevorzugte ist, hängt vom fotografischen Schwerpunkt ab. Ist es die Architektur, die meist bei Industrieanlagen im Vordergrund steht, so ist man mit einer hochwertigen Kompaktkamera mit großem Zoombereich sowie mit einer kompakten System- und einer Spiegelreflexkamera mit nicht zu extremer Weitwinkeloptik gut beraten. Das Weitwinkel bietet einen großen Betrachtungswinkel, der seine Stärken besonders in Innenräumen ausspielt. Ein weiterer Vorteil dieser Optik ist, dass man eine imposante Raumtiefe erhält und so weiter hinten liegende Motivbereiche weiter entfernt scheinen. Das macht in der Summe die Örtlichkeit noch imposanter und man fühlt sich als Betrachter noch kleiner. Das Fish-Eye-Objektiv – also ein extremes Weitwinkel – ist dann interessant, wenn eine nicht reale Ablichtung das Ziel ist. Gerade bei höheren Gebäuden spielen Shiftobjektive ihre Stärken aus. Mit ihnen lassen sich stürzende Linien vermeiden. Ist der Motivradius wie bei Objekten der Zeche Zollverein oder dem Landschaftspark Duisburg groß, dann kommt man nicht umhin – möchte man sich die einzelnen Bereiche fotografisch erschließen – entsprechende Objektive einzupacken. Dazu zählt das Normalobjektiv ebenso wie wenigstens ein leichtes Tele sowie ein Makro. Das Stativ ist Pflicht – optimal ist ein Drei- oder Vierbeinstativ. An ein Reinigungsset ist zu denken, denn vielfach geht es staubiger in diesen Stätten zu als man denkt. Ersatzakkus gehören ebenso in die Fototasche/Fotorucksack wie Ersatzspeicherkarten.

6. Spiel mit der Perspektive

© Fotograf: Robert Christ, Alt und Jung, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Robert Christ, Alt und Jung, Blende-Fotowettbewerb
Industrieanlagen gilt es, für sich visuell zu erobern. Dies gelingt durch das intensive Spiel mit der Perspektive. Dazu ist es notwendig, die unterschiedlichsten Standpunkte einzunehmen. Die Zentralperspektive kann ebenso eine Option sein wie beispielsweise die Zwei-Punkt-Perspektive. Je nach Örtlichkeit bietet sich aber auch die Frosch- oder Vogelperspektive an. Wichtig ist natürlich auch auf den Lichteinfall zu achten, denn es ist äußerst imposant, wenn Lichtstrahlen durch die Fenster die leere Halle wirkungsvoll modulieren.

7. Nicht nur im Querformat

Die meisten Fotos werden im Querformat aufgenommen. Aber gerade bei Architekturbildern kann auch ein hochformatiges Foto reizvoll sein. Daran gilt es bei der Anschaffung eines Stativs beziehungsweise des Stativkopfs übrigens zu denken. Vor allem besonders günstige Modelle erlauben es oft nicht, die Kamera ins Hochformat zu schwenken. Was bei Architekturaufnahmen die Arbeit erleichtert, ist übrigens ein Getriebeneiger. Mit ihm kann man die Kamera auch in sehr kleinen Schritten ausrichten. Mit einem Kugelkopf kann das schon zu einer sportlichen Herausforderung werden.

8. Ausschnitt – Nicht alles ablichten was man sieht

Die Wahl des Ausschnitts bestimmt die Bildwirkung. Vor lauter Begeisterung für ein Objekt will man oftmals zu viel in seinen Bildern zeigen. Weniger ist vielfach mehr. Es kann also durchaus imposanter sein, wenn nur ein Teil des Gebäudes (außen sowie innen) gezeigt wird. Vor allem bei spektakulärer Architektur entdeckt der Betrachter in Ausschnitten schnelle sehenswerte Konstruktionen. Um diese als Fotograf erst einmal zu entdecken ist es hilfreich, dass Gebäude auf sich wirken zu lassen, bevor man zur Kamera greift.

9. On-Locations-Shootings

© Fotograf: Thomas Betz, Verwaist, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Thomas Betz, Verwaist, Blende-Fotowettbewerb
Stillgelegte Industriehallen bieten sich für On-Locations-Shootings geradezu an. Im Vorfeld sind natürlich mit dem Inhaber die Modalitäten zu klären. Gerade wenn die Aufnahmen der kommerziellen Nutzung dienen sollen, muss bei Objekten wie der Zeche Zollverein oder dem Landschaftspark Duisburg eine Genehmigung, die mit einer Gebühr verbunden ist, eingeholt werden.

Wichtig ist, die Location schon vor dem eigentlichen Shooting im Vorfeld in Augenschein zu nehmen. Nur weil man von einem Freund gehört hat, dass sich Gebäude XY perfekt für das Shooting eignet, heißt dies noch lange nicht, dass dem so ist. Gerade bei gefragten Locations sollte man im Vorfeld sicherstellen, dass man diese an dem gewünschten Tag nach seinen Vorstellungen in Beschlag nehmen kann. Wer kein Laufpublikum möchte, sollte sich bei stärker frequentierten öffentlichen Örtlichkeiten um eine Sperrung des Areals bemühen.

10. Mögliche Gefahren

Verlassene Orte bergen Gefahren. Dazu zählen vor allem einsturzgefährdete Bauwerke, Gefahrstoffe einschließlich Gase, nicht isolierte Stromquellen und morsche Bretter. Bei Wasserpfützen ist die Tiefe meist nicht abschätzbar. Urbexer sollten nicht nur mit Bedacht bei ihren Erkundungen vorgehen, sondern auch für ihren Schutz sorgen. Festes Schuhwerk ist ebenso Pflicht wie gegebenenfalls ein Atemschutzfilter, ein Schutzhelm mit Leuchte und ein Erste-Hilfe-Kasten. Ist man alleine unterwegs, so sollte das Smartphone aufgeladen sein, damit bei einem Unfall mit der Außenwelt Kontakt aufgenommen werden kann. Zusätzlich sollte man Vertrauenspersonen in sein Vorhaben einbeziehen die dann alles nötige veranlassen, wenn eine vereinbarte Rückmeldung ausbleibt. Ratsam ist, die verlassenen Orte nicht alleine aufzusuchen. Bei einem möglichen Unfall können die Begleitpersonen Hilfe holen.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2016

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