Lost Places - Mit Models an verlassenen Orten

© Fotograf: Ulrike Wiese, der letzte Tango, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Ulrike Wiese, der letzte Tango, Blende-Fotowettbewerb
Verlassene Orte, also Lost Places, sind als fotografisches Sujet aktuell absolut angesagt. Es ist eine Augenweide, in welche Welten Außenstehende durch die Fotografien von Lost Places, entführt werden. Das löst natürlich einen zusätzlichen Run auf sie aus. Viel Zeit sollte man – außer es handelt sich um geschützte Objekte – auch nicht verstreichen lassen. Niemand kann vorhersagen, wie lange es diese verlassenen Orte noch geben oder einem der Zutritt gewährt wird. Lost Places sind für sich genommen schon lohnende Motive – viele Fotobegeisterte nutzen diese verlassenen Orte zusätzlich zum Model-Shooting. Frauen stehen hier wesentlich häufiger im Mittelpunkt als Männer. Nun, das hängt vornehmlich damit zusammen, dass es sich um Akt-Shootings handelt und da stehen Frauen nun einmal im Blickpunkt. Warum sind diese Locations so lohnenswert? Es sind die Gegensätze zwischen Ruine, also dem Verfall, auf der einen Seite und der Schönheit des Lebens auf der anderen Seite. Genau diesen Gegensatz gilt es durch das fotografische Spiel herauszuarbeiten. Mit einfach nur „Model schnappen und ab in die Ruine“ ist es nicht getan – entscheidend ist die Bildidee und natürlich ihre Visualisierung.

Passende Location wählen

Die Auswahl der Location hängt maßgeblich von der Bildidee ab. Natürlich können sich Bildideen auch durch Locations ergeben. Aus diesem Grund ist es übrigens immer ratsam, ein Notizbüchlein bei sich zu haben – das kann auch ein Smartphone oder Tablet sein. Das klassische Notizbuch bietet den Vorteil, dass man neben Text auch Skizzen hinterlegen kann. Wichtig ist, sich selbst ein Bild von der Location zu machen. Nur weil man von einem Freund gehört hat, dass sich Gebäude XY perfekt für das Shooting eignet, heißt dies noch lange nicht, dass dem so ist. Gerade bei gefragten Locations ist es ratsam im Vorfeld sicherzustellen, dass man diese an dem gewünschten Tag nach seinen Vorstellungen in Beschlag nehmen kann. Ist Laufpublikum unerwünscht, dann hilft die Absperrung des Areals.

Location – Modalitäten klären

© Fotograf: Johanna Pfeifer, Dancing in the past, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Johanna Pfeifer, Dancing in the past, Blende-Fotowettbewerb
Steht die Location, dann muss der Besitzer mit ins Boot geholt und über das Vorhaben informiert werden. Handelt es sich um geschützte Anlagen wie die Zeche Zollverein oder beispielsweise den Landschaftspark Duisburg, benötigt man eine schriftliche Genehmigung. Wie hoch die Kosten dafür sind hängt davon ab, ob die Fotografien privat oder kommerziell genutzt werden.

Gemeinsam Bildideen entwickeln

Als Fotograf – ob Einsteiger oder ambitioniert – hat man Bildideen im Kopf. Für diese braucht man natürlich die passende Person (nachstehend als Model bezeichnet), mit der diese umgesetzt werden. Ob das Model nun aus dem Familien- beziehungsweise Freundeskreis kommt oder aber gebucht wurde – es ist wichtig, es im Vorfeld in die Kommunikation und Ideenentwicklung mit einzubeziehen. Diese Kommunikation ist auch für die eigene Inspiration wichtig. Als Fotograf gilt es, den Ideen des Models gegenüber aufgeschlossen zu sein und auch ihre Tabus zu akzeptieren.

Bildgestaltung

© Fotograf: Carsten Schröder, Geistertreppe, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Carsten Schröder, Geistertreppe, Blende-Fotowettbewerb
Fotografieren bedeutet das Spiel mit den Möglichkeiten und dazu gehören natürlich auch die Kameratechnischen. Die gewählte Perspektive entscheidet über die Bildwirkung. Diese steht natürlich in einem engen Zusammenhang zur gewünschten Bildaussage. Gerade leere imposante Industriehallen haben eine enorme Dimension. Diese lässt sich perfekt visualisieren, wenn mit den Größenverhältnissen geschickt gespielt wird. Dazu ist es notwendig, das Model ins Verhältnis zur Raumgröße zu setzen. Das setzt voraus, das Model entsprechend zu positionieren, so dass es nur einen Teilbereich des Raumes ausfüllt. Sehr beliebt ist auch das Spiel mit dem natürlichen Licht das durch Fenster, Türen und Schlitze fällt. Mit Reflektoren kann dieses wunderbar in die gewünschte Richtung gelenkt werden. Sehr reizvoll ist der Einsatz der kamerainternen Filter, die die gewünschte Bildaussage wunderbar unterstreichen können.

Requisiten – das iTüpfelchen

Stehen Bildidee und Location geht es auch darum, sich Gedanken über mögliche Requisiten zu machen. Diese stehen natürlich im engen Zusammenhang mit der Bildidee. Plant man ein Akt-Shooting, so ist weniger deutlich mehr – es muss also nicht immer alles an nackter Haut gezeigt werden. Wunderbare Requisiten sind hier einfarbige Tücher – wird in Farbe fotografiert dann bevorzugt rot weil dies für Erotik steht, in der Schwarzweißfotografie setzt man bevorzugt weiße Tücher ein. Macht man ein Bauarbeiter-Shooting, dann muss die Kleidung natürlich ebenso entsprechend mit Blaumann und passendem Werkzeug gewählt werden.

Make-Up erspart auch Bildbearbeitung

© Fotograf: Emily Gerhardt, Engel des Lichts, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Emily Gerhardt, Engel des Lichts, Blende-Fotowettbewerb
Make-Up ist die Wunderwaffe des Fotografen, denn wie eine Speckschwarte glänzende Haut gehört damit ebenso der Vergangenheit an wie Hautunreinheiten. Die Strahlkraft der Augen lässt sich beispielsweise durch gekonntes Schminken wunderbar verstärken, was natürlich der Fotografie zu Gute kommt. Make-Up extrem eingesetzt kann Menschen so verändern, dass man sie nur auf den zweiten Blick wiedererkennt. Fotografiert man nur hin und wieder Menschen, dann reicht eine Grundausstattung für rund € 20,— bis € 40,— aus. Möchte man mehr, dann sollte man auf einen Make-Up-Artist zurückgreifen. Der ist nicht ganz preiswert, dafür verfügt er über ein breites Sortiment an Möglichkeiten. Zudem beherrscht er die Kunst der Verwandlung des Models mit beispielsweise Latex-Protesen. Es muss nicht immer Knallbunt zugehen – Ton in Ton ist gerade bei rostbraunen Location wie man sie in verlassenen Industrieanlagen vorfindet gern angesagt. Bräunungscreme, wie sie Bodybuilder nutzen, ist hier die Wunderwaffe. Verstärkt wird der Effekt übrigens mit einem bronzefarbigen Reflektor.

Fototasche – Was nicht fehlen sollte

Wird in den eigenen vier Wänden beziehungsweise im eigenen Studio fotografiert, so befindet sich in diesem das Equipment und man kann bei Bedarf jederzeit darauf zurückgreifen. Dies ist natürlich nicht der Fall, wenn das Shooting außerhalb stattfindet. Hat man etwas vergessen, dann ist das ärgerlich und kostet Zeit. Wichtig ist, sich im Vorfeld eine Liste zu erstellen, was in jedem Fall benötigt wird. Mit der Grundausstattung, und dazu zählt auch eine Taschenlampe, ist man schon gut aufgestellt. Die Kamera gehört natürlich in die Fototasche – nützlich ist, wer hat, ein zweiter Body mit Objektiv. Als Objektive bietet sich ein Weitwinkel ebenso an wie ein leichtes Teleobjektiv. Welche Optik zum Einsatz kommt hängt natürlich von der Bildidee ab. Ist man nicht im Besitz einer Kamera für Wechseloptik dann ist auch eine Kompaktkamera mit einem größeren Zoombereich und die auch manuelle Einstellungen zulässt, eine gute Wahl als Aufnahmegerät. Wichtig sind natürlich geladene Akkus und Ersatzakkus sowie leere Ersatz-Speicherkarten. An das Kamerareinigungsset ist zu denken, denn mitunter geht es bei Lost Places doch sehr staubig zu. Ein Stativ, hier bevorzugt ein Drei- oder Vierbeinstativ ist Pflicht. Auch wenn die Kameradisplays immer besser werden, so lässt sich die Bildqualität über Tablets mit ihren deutlich größeren Displays besser beurteilen. Je nach Intention kann es auf dem Weg zur Location sehr schwergewichtig zugehen. Reflektoren sind noch recht leicht – deutlich schwerer wird es, wenn künstliche Lichtquellen mit Strahlern oder gar Windanlagen zum Einsatz kommen sollen. Ist die Location nur zu Fuß und erst nach einem längeren Marsch zu erreichen, so muss man dies natürlich bedenken – Ein abgekämpfter Fotograf, aber auch ein müdes Model laufen selten zur Hochform auf.

An sein Model, Team und sich denken

© Fotograf: Philipp Herrlich, Smoke, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Philipp Herrlich, Smoke, Blende-Fotowettbewerb
Shootings in Lost Places sind in der Regel keine Sache von wenigen Minuten – außer man macht sie unerlaubter Weise, denn dann muss es schnell gehen und dann hat man in der Regel auch nicht mehr mit als seine Kamera. Erholungspausen für sein Team, aber auch für einen selbst, sind wichtige Zutaten, damit das Fotoshooting ein Erfolg wird. Hier hat man dann auch wieder Gelegenheit für den inspirierenden Austausch. An Proviant, und dazu gehört auch etwas Süßes als Nervennahrung, ist ebenso zu denken wie natürlich an ausreichend Getränke. Je nach Anzahl der beteiligten Personen sorgen Klappstühle, die es auch in sehr leichten Varianten gibt, für Entspannung. Der Vorteil an ihnen ist aber auch, dass man hier auch wunderbar Sachen ablegen kann.

Gefahren nicht aus dem Blick verlieren

Verlassene Orte bergen Gefahren. Dazu zählen vor allem einsturzgefährdete Bauwerke, Gefahrstoffe einschließlich Gase, nicht isolierte Stromquellen und morsche Bretter. Bei Wasserpfützen ist die Tiefe meist nicht abschätzbar. Man sollte bei seinen Erkundungen und natürlich beim Fotoshooting mit Bedacht vorgehen und sein Model, sein Team und sich nicht in Gefahr bringen.

Fotografieren in der Praxis 05 / 2016

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