Luftbildfotografie mit Multicoptern - Aus der Praxis für die Fotopraxis

Die Luftbildfotografie hat mit dem Aufkommen von Fotodrohnen – auch als Multicopter bezeichnet – zu neuem Höhenflug angesetzt. In welchem wachsenden Maße sich Fotoaffine für die Luftbildfotografie begeistern, zeigt sich nicht nur im gestiegenen Absatz von Fotodrohnen sondern auch an der zunehmenden Anzahl an Wettbewerbsbeiträgen, wie sie zu „Blende“, dem Fotowettbewerb für Amateurfotografen, eingereicht werden. Rick Haas, „Blende 2017“-Teilnehmer, hat die Luftbildfotografie mit Multicoptern schon vor längerer Zeit für sich entdeckt. „Die Faszination dabei ist für mich, Strukturen in unserer Landschaft mit anderen Augen zu erkennen, an denen ich Jahrzehnte vorüberging ohne darüber nachzudenken bzw. die die Menschen hier als naturgegeben erachten, obwohl sie teilweise vor Jahrhunderten via Menschenhand errichtet wurden. Da wären z.B. alte Handels-und Fuhrwege, Mittelaltersiedlungen, Meilerstätten, Schieferabbaugebiete, Aufmarschgelände, Schieferstollen, Kahlschläge im Wald usw. Vom Boden aus sind diese Strukturen teilweise unmöglich wahrzunehmen, aus der Luft dagegen erscheinen einzigartige riesige Gebilde in ihrer vollen Größe. Und natürlich fasziniert mich einfach der fremde Blickwinkel für bekannte Orte.“

© Fotograf: Rick Haas, Blaues Gold, Blende-Fotowettbewerb
Rick Haas, Blaues Gold, Blende-Fotowettbewerb

Der von Rick Haas eingereichte Wettbewerbsbeitrag „Blaues Gold“ zur thematischen Vorgabe „Planet Erde – Schützenswertes“ entstand im Zuge einer fotografischen Dokumentation interessanter historischer Orte rund um das Dorf beziehungsweise die Gemeinde. Der Aufnahme vorrausgegangen waren, so Rick Haas, in den zurückliegenden Jahren Recherchen über die fotografische Wirkung dieser Blickwinkel. Als sehr wichtig für technisch gelungene Aufnahmen erachtet Haas ein entkoppeltes bzw. gedämpftes Gimbal, also eine Kardanaufhängung, um Mikroruckler und Vibrationen durch die Rotoren auszugleichen. Dafür gibt es die verschiedensten Dämpfergummis und spezielle Silikone zu kaufen. Den Halterahmen der Kamera (Skelett), die Motorhaltearme und die Entkopplungsplatten für den Quadrokopter modelliert Haas seit 2014 passgenau für seine Action-Kameras in CAD und lässt anschließend alles 3D-drucken. So ist für Haas immer eine hundertprozentige Auswuchtung der Kamera im Schwerpunkt gewährleistet, was die Motoren besser arbeiten lässt und die Aufnahmen ruhiger macht.

Gesamtpaket versus Eigenbau

Seit ca. 2-3 Jahren gibt es bereits relativ zuverlässige Gesamtpakete an Multicoptern mit integriertem Gimbal inkl. Kamera zu kaufen. Als ein großes fotografisches Problem erachtet Haas jedoch, dass oft in das Gimbal integrierte Kameras in keinerlei Hinsicht die Bildqualität guter Actioncams erreichen, wohingegen fotografisch wertvollere Gimbals inkl. Kamera um ein Vielfaches teurer sind als Eigenbaulösungen von Gimbals, zu denen Haas dann eine individuelle Kamera zukauft. Das reicht von der Bildauflösung selbst, über Bildschärfe, Linsen-und Vergütungsqualität, Gegenlichttauglichkeit bis zur Nachbearbeitbarkeit von Rohdaten aus der Kamera. Außerdem lassen sich Gesamtpakete nicht in der Form verändern, dass eine andere Kamera montiert werden oder in die Steuersoftware des Gimbals eingegriffen werden kann, was wiederum bei Eigenbaulösungen keine Probleme darstellt. Man ist laut Haas nicht herstellergebunden und darum fertigt er seine Gimbals selbst.

© Rick Haas

Die Tücken des Weitwinkel

Zur fotografischen Situation hat Haas die Erfahrungen gemacht, dass man genau wählen sollte, welche Actioncam auf einen zugeschnitten ist. Im Gegensatz zu hochwertigeren Kameras, vorzugsweise mit Wechselobjektiven, hat Haas oft das Problem des wirklich extremen Weitwinkels. Dieser schließt Bildobjekte ein, die man nicht haben möchte oder verzerrt bedacht platzierte geometrische Bildelemente grotesk. Daher sollten die Aufnahmen unter dem Aspekt des Weitwinkels angefertigt werden. Beachtet man dies nicht, driften wichtige Bildmotive in die Bedeutungslosigkeit, weil zu klein, oder es wandern unwichtige Dinge ins Foto, die einen starken Beschnitt nötig machen oder das Foto unnötig aufblähen. Außerdem ist danach fast immer eine relativ starke Entzerrung der Aufnahmen nötig. Bestes Beispiel dazu: „Schon viele Personen wunderten sich bei meinen Rohaufnahmen aus der Kamera, dass die Erdkrümmung aus der Flughöhe derartig stark am Horizont zu erkennen ist. Das musste ich immer mit dem Hinweis negieren, dass dies nur die Weitwinkelverzerrung der Kameralinsen sei, nicht aber die Krümmung der Erdkugel! Setze ich dagegen das Weitwinkel mit bedacht ein, wirken Fotos durch den gestaffelten Bildaufbau mit Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund teilweise sogar noch viel interessanter als eine gezoomte Luftaufnahme per Spiegelreflexkamera aus einem Helikopter. Und man kann abstrakte Effekte erschaffen, wie beispielsweise die sich nach außen neigenden Fichten um den Trinkwassersee herum. Außerdem benötigt man nur eine vergleichsweise geringe Flughöhe von teilweise nicht einmal 30m, um schöne Ansichten von Häusern und Anwesen zu erzeugen.“

© Rick Haas

Abstürze ab dem ersten Flug einplanen

Orte zielgenau ansteuern zu können, machen erst Muticopter möglich. Diese sind heute nahezu ausnahmslos GPS-gesteuert und das relativ zuverlässig. Relativ, weil Software-und Hardwarefehler nach Haas immer und überall auftreten. Das hat Haas schon mehrfach selbst erlebt, jedoch bisher ohne Sach- oder Personenschäden. Abstürze sollten quasi ab dem ersten Flug eingeplant werden. Haas fliegt generell ohne GPS, nur auf Sicht und nicht über Personengruppen und vielbefahrene Straßen. Auch hat Haas kein Live-Signal seiner Kamera, d.h. er fliegt auf „Verdacht“, weil zusätzliche Technik mehr Gewicht bringt und die Flugzeit reduziert. Rick Haas: „Da ich sowieso meist vor meinen Kameraflügen erst die Umgebung, Perspektive und – ganz wichtig – die Lichtsituation erkunde, benötige ich nicht zwingend Live-View. Die eigentliche verwertbare Aufnahme fertige ich i.d.R. erst im 2. Schritt an, wenn mir die örtlichen Gegebenheiten bekannt sind.“

© Rick Haas

Rick Haas zu seinem Wettbewerbsbeitrag „Blaues Gold“

Zur Aufnahme selbst habe ich gewisse Grundregeln beachtet, die auch generell gelten. Schatten bringen Tiefe ins Bild. Diese dürfen in Anbetracht der vergleichsweise billigen Technik am Kopter aber nicht zu heftig sein. Ich fertigte mehrere Aufnahmen, teils mit höher stehender Sonne und ohne Wolken an. Die Fotos mit schwacher Sonne und mit Wolken jedoch unterstreichen nochmals den Bildcharakter einer “Luft”-Aufnahme und geben der blauen Fläche, also dem See, eine einzigartige Struktur. Außerdem machen sie die Wellenbewegung im See besser sichtbar. Hinzu kommen die Strukturen der Waldblüte, dessen Pollen sich in dünnen Fäden auf der Wasseroberfläche wiederfand. Vom Boden aus in der Form nicht zu erkennen. Bei dieser Aufnahme stand der Kopter weniger als 100m über dem See.

Einsatzmöglichkeiten eines Multikopters erstrecken sich weit über fotografisch-ästhtetische Aspekte

Das andere große faszinierende Betätigungsfeld ist für Rick Haas als Jäger auch die Überwachung von Wildschäden in der Feldflur und die Erstellung von Übersichtskarten zur geordnerteren Bejagung bspw. bei Erntejagden. Auch dies war früher ohne Multikopter neben den herkömmlichen Satellitenaufnahmen kurzfristig und flexibel nicht ansatzweise denkbar. Das Foto Wildschweinkessel zeigt die Aktivitäten in einem Rapsfeld. „Daraufhin können wir nun gezielt die Schweine an diesen Stellen vergrämen oder auch bejagen, wenn praktisch durchführbar“ so Haas.

Rick Haas, Wildschaden
Wildschaden

Kurzum: „Die Einsatzmöglichkeiten eines Multikopters erstrecken sich auch weit über fotografisch-ästhtetische Aspekte hinaus. Gezielt kann ich ihn für meine Hobbies ebenso sinnvoll nutzen wie für reine Luftaufnahmen für die Wohnung. Das ist für mich der zweite Punkt, der die Copterfotografie so faszinierend macht.

Fotografieren in der Praxis 11 / 2017

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