Die Königsklasse - Das Mittelformat

Mittelformat Bildgalerie betrachten Florian Lindemann, Auszubildender des Photographen-handwerks des Berufskollegs Kartäuserwall Köln

Mittelformatkameras sind immer noch erste Wahl beim Profiphotographen, sowohl wegen des großen Bildformates als auch aufgrund immer größerer Digitalsensoren. Qualität und Flexibilität der heutigen Systeme sind mit ihrer Objektivvielfalt und einem reichhaltigen Zubehörangebot unübertroffen, genauso verhält es sich mit dem Bildergebnis, das beeindruckender nicht sein kann.

Die Mittelformatphotographie gilt unter Profis auch heute noch als das Maß aller Dinge und ambitionierte Hobbyphotographen, die sie für sich entdecken, wissen, daß Mittelformat mehr bedeutet, als nur im Quadrat zu photographieren. Die Digitaltechnik hat dem Mittelformat nichts anhaben können - im Gegenteil, sie hat ihm neue Impulse gegeben.

Das Mittelformat nur auf das Quadrat zu reduzieren, wäre eine Mißachtung und auch völlig falsch. Widerlegt werden kann auch die Vorstellung, Mittelformatkameras seien teuer. Wer in eine Mittelformattechnik investiert, wird diese über Jahre - wenn nicht gar für sein ganzes Leben - nutzen. Die Freude, die sich daraus ergibt, kann mit Geld nicht aufgewogen werden. Mittelformatkameras seien schwer und unhandlich und böten obendrein wenig Bedienkomfort ist ebenfalls eine weit verbreitete Meinung. Vergleicht man das Gewicht einer Mittelformatkamera mit dem einer Kompaktkamera, so bringt sie natürlich deutlich mehr Gewicht auf die Waage - sie hat aber auch mehr zu bieten. Für den schnellen Schnappschuß sind Mittelformatkameras nicht ausgelegt, aber dafür sind sie auch nicht konzipiert. Gerade in der der Portrait-, Landschafts- und Architekturphotographie spielt das Mittelformat seine Stärken aus.

Das große Plus des Mittelformates liegt ganz klar in den Möglichkeiten der Bildgestaltung und dem größeren Aufnahmeformat - so fällt eine Vergrößerung von einem Mittelformatnegativ um einiges schärfer aus als vom Kleinbildnegativ. Der Grund liegt auf der Hand: Um einen Abzug im Format 24 x 30 cm von einem 24 x 36 mm großen Negativ zu erhalten, ist eine zehnfache Vergrößerung notwendig. Steht aber ein Mittelformatnegativ zur Verfügung, so reicht eine fünffache Vergrößerung, wodurch der Abzug an Schärfe gewinnt.

Das Angebot an Mittelformatkameras reicht von der rein mechanischen Reisekamera bis hin zur aufwendig konstruierten Studiokamera mit den Verstellmöglichkeiten einer Fachkamera. In der Bauweise unterscheiden sich die Mittelformatkameras zum Teil erheblich. Meßsucherkameras sind genauso anzutreffen, wie ein- und zweiäugige Spiegelreflexkameras. Unterschiede gibt es auch beim Bildformat: Neben dem klassischen 6 x 6 cm Quadrat lassen sich vom "kleinen" 6 x 4,5 cm bis zum königlichen 6 x 9 cm großen Bild alles mit einem einzigen Filmtyp realisieren; das Format hängt lediglich von der verwendeten Kamera ab.

Mittelformatkameras sind entweder mit einem Zentral- oder Schlitzverschluß ausgestattet. Der Schlitzverschluß hat den Vorteil, daß er sehr schnelle Verschlußzeiten ermöglicht, nämlich problemlos bis zu 1/4.000s, gegenüber 1/1.000s beim Zentralverschluß (manche Modelle sogar nur 1/400s). Das wichtigste Argument für den Zentralverschluß ist die Blitzsynchronisation, die, im Gegensatz zum Schlitzverschluß, bei allen Verschlußzeiten möglich ist, besonders bei Mischlichtsituationen, wo die Kombination von Tages- und Blitzlicht kurze Verschlußzeiten verlangt. Da die Verschlußlamellen beim Zentralverschluß immer jeweils das ganze Filmfenster freigeben, lassen sich so Synchronisationszeiten bis zu 1/1.000s realisieren. Bei langen Verschlußzeiten wiederum löst der Zentralverschluß erschütterungsfrei aus, was ihn ideal macht für Tele- und Makroaufnahmen. Allerdings ist der Zentralverschluß im Objektiv und nicht im Gehäuse eingebaut. Das kann je nach Betrachtungsweise ein Vor- aber auch ein Nachteil sein. Der Vorteil: Bei einem Defekt fällt nur ein Objektiv aus, nicht gleich die Kamera. Der Nachteil: Ein Objektiv mit Zentralverschluß kann konstruktionsbedingt nicht die gleiche Lichtstärke aufweisen, wie sein Pendant bei einer Kamera mit Schlitzverschluß.

Für den ambitionierten Hobbyphotographen - und natürlich auch für den Profiphotographen - lohnt sich auch heute, im digitalen Zeitalter, die Anschaffung einer Mittelformatausrüstung, denn sie bietet eine nie da gewesene Flexibilität. Dank digitaler Rückteile können die Mittelformatkameras aufgerüstet werden. Der digitale Workflow ermöglicht es, fast die gesamte Produktion bis zum Ende zu überwachen.

Wer mit der Anschaffung einer Mittelformatausrüstung liebäugelt, sich aber noch nicht sicher ist, der kann in zahlreichen Seminaren und Workshops die Vorzüge kennen lernen. Die Bildergebnisse sprechen für sich.
 

Fotografieren in der Praxis 01 / 2005

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden