Lensbaby - Mehr als ein Spielzeug - Viel Spaß mit nur einer Linse

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“Krokusse”
Hans-Peter Schaub

Moderne Objektive verfügen meist über eine erstaunliche Zahl von Glaselementen. Das ausgeklügelte Kombinieren von Asphären, Sammel- und Zerstreuungslinsen führt zu einer meist recht überzeugenden Korrektur optischer Abbildungsfehler. Derlei hatte Craig Strong allerdings bestimmt nicht im Sinn, als er das Lensbaby entwickelte. Inspiriert von der aufgrund ihrer katastrophalen Abbildungsleistungen zum Kultobjekt avancierten Mittelformat-Holga entwickelte er ein minimalistisches Objektiv, mit dem sich jede noch so teure digitale oder analoge Spiegelreflex für wenig Geld im Handumdrehen auf Holga-Niveau tiefer legen läßt. Scharfe Bilder darf man also von den Babylinsen nicht erwarten, Spaß macht das Photographieren mit den Kleinen aber dennoch.

Eine einzige Linse in einer sauber gearbeiteten Metallfassung, ein kurzes Stück flexibler aber robuster Kunststoffschlauch sowie ein auf dem T-2-Adapter basierendes Anschlußbajonett - fertig ist das Minimalobjektiv, daß jenseits des großen Teiches schnell Kultstatus erlangte und sich anschickt, auch hierzulande eine stetig wachsende Fangemeinde zu begeistern.

Das Lensbaby gibt es mit Anschluß für alle analogen Kleinbildspiegelreflex- beziehungsweise die entsprechenden Digitalkamerasysteme. Die Brennweite des Objektives beträgt je nach System ungefähr 50 oder 65 mm. Fokussierschnecke, Blendenringe oder wenigstens eine Vergütung der einzigen Linse? - Alles Schnickschnack und daher konsequenterweise am Lensbaby nicht zu finden.

Scharfgestellt (wenn man das so nennen kann) wird, indem man den Schlauch oder „Schwenkbalgen“ zusammendrückt oder in die Länge zieht. Mit einigem Kraftaufwand kann man sich den Motiven so bis auf etwa 16 cm nähern. Bei schwächlichen Zeitgenossen mag die Naheinstellgrenze unter Umständen lediglich bei 30 cm liegen.

Der eigentliche Clou des Objektives ist aber der höchst flexible Objektivtubus, der nicht nur gestreckt und gestaucht, sondern auch nach Belieben in alle Richtungen gebogen oder verzerrt werden kann - sozusagen Großformatkomfort auf niedrigem Niveau. Durch dieses freie Verformen des „Balgens“ ergibt sich die Möglichkeit, den je nach Blende mehr oder weniger großen scharfen Bereich, der eigentlich in der Bildmitte liegt, nahezu beliebig im Bildfeld zu plazieren. So kann man wahlweise vom gleichen Standpunkt die Blume rechts unten im Bildfeld oder das Blatt rechts oben (einigermaßen) scharf abbilden. Fixieren läßt sich die jeweilige Schwenkposition allerdings nicht und so gleicht kaum ein Bild dem anderen. Man tut daher gut daran, jeweils mehrere Einstellungen aufzunehmen, um hinterher die optimale auswählen zu können. Dieses winzige bißchen Zufall, das Einzigartige jedes Bildes, macht zweifellos, neben den charakteristischen Abbildungseigenschaften des Lensbabys, ein Gutteil des Reizes des merkwürdigen Objektivs aus.

Da war vorhin doch noch von „Blende“ die Rede. Ja, das Lensbaby bietet tatsächlich doch den Luxus, unterschiedliche Blendenwerte einstellen zu können. Wobei das Einstellen nicht über einen ja nicht vorhandenen Blendenring erfolgt, sondern zumindest ein wenig handwerkliches Geschick und Fingerspitzengefühl erfordert. Mit dem „Objektiv“ werden ein kleines Plexiglasstäbchen und zwei Kunstlederringe geliefert, die wie Unterlegscheibchen aussehen. Mit dem Stäbchen kann man einen Gummiring vorne im Objektiv heraushebeln. Damit wird ein weiteres „Unterlegscheibchen“ zugänglich, das nun gegen eines der beiden ausgetauscht werden kann. Insgesamt stehen so die Blendenöffnungen 2.8 (nur der Gummiring), Blende 4.0, 5.6 und 8.0 zur Verfügung. Mit etwas Übung geht der Wechsel einigermaßen schnell von der Hand. Im Winter, bei entsprechenden Minusgraden und mit Handschuhen an den Händen, dürfte sich das jedoch weniger spontan erledigen lassen.

Hat man erst mal so eine kleine „Ziehharmonika“ in der Phototasche, fallen einem immer wieder neue Möglichkeiten ein, wie man durch Kombination mit vorhandenem Zubehör Ungewöhnliches auf den Film oder Chip bannen kann. So kann man natürlich sowohl die Brennweite der Lensbabys mit Konvertern verlängern als auch die Naheinstellgrenze mit Hilfe von Zwischenringen auf das Niveau veritabler Makroobjektive reduzieren. Aber ganz egal - ob man Blümchen oder Landschaften ins Visier nimmt - der Blick durch den Sucher einer mit dem Lensbaby ausgestatteten Kamera bietet immer wieder Überraschungen. Zwar soll nicht verschwiegen werden, daß es einiger Übung bedarf, ehe man das vermeintlich so schlichte Gerät im Griff hat - mutiges Experimentieren führt dann aber bald zu ansehnlichen Ergebnissen. Photographen allerdings, für die nur ein scharfes Bild ein gutes Bild ist, werden sich mit dem Ding kaum anfreunden können. Andere aber, insbesondere diejenigen, die „normale“ Objektive gerne bei offener Blende mit selektiver Schärfe einsetzen, werden vermutlich schnell Gefallen finden an den Optionen, die das Lensbaby-Objektiv eröffnet.

Kürzlich hat das Kleine übrigens ein Geschwisterchen bekommen. Anders als bei Mensch und Tier, ist der jüngere Sprößling allerdings deutlich reifer. So soll die nun vergütete Linse sichtbar schärfer zeichnen und die Blendenringe werden bedienerfreundlicher über einen Magnetmechanismus fixiert. Wer’s also doch zumindest etwas schärfer haben will, kann sich für Lensbaby 2.0 entscheiden.
 

Fotografieren in der Praxis 07 / 2005

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