Tricks mit der langen Brennweite

Blaue Lagune Bildgalerie betrachten Blende ,“Blaue Lagune”
Wilfried Müllert

Objektive, deren Brennweite länger ist als die der Normaloptik, zeichnen sich dadurch aus, daß sie für einen größeren Abbildungsmaßstab sorgen. Nach klassischer Definition muß man dabei zwischen zwei verschiedenen Objektivtypen unterscheiden: der Fern- und der Teleoptik. Während bei der ersten die Baulänge weitgehend der Brennweite entspricht, sind Telekonstruktionen kürzer als ihre effektive Brennweite und damit in der Regel handlicher.

Doch die lange Brennweite kann nicht nur entfernte Motive heranholen, sie läßt sich auch ganz bewußt zur Bildgestaltung verwenden. Will man nämlich ein Motiv statt mit der Normaloptik mit dem Tele formatfüllend photographieren, so ist es nötig, den Aufnahmeabstand zu vergrößern, und das führt zu einer geänderten, in diesem Fall flacheren Perspektive. Sehr eindrucksvoll läßt sich dieser Effekt bei Autorennen einsetzen, wenn die Wagen in Richtung Kamera fahren. Das Tele komprimiert dabei den Raum und es sieht so aus, als würden die Boliden dicht gedrängt hintereinander über die Piste rasen, selbst wenn ihr Abstand in Wirklichkeit weniger dramatisch ist. Die Macher von Reiseprospekten wissen diesen Trick bisweilen sehr geschickt zu nutzen, indem sie das angepriesene Ferienhotel mit Hilfe der gestauchten Perspektive scheinbar in direkte Nähe der malerischen Badebucht rücken, auch wenn zwischen beiden Objekten einige hundert Meter staubige Straßen liegen. Städteansichten lassen sich auf diese Weise beachtlich verfremden: Man montiere eine lange Brennweite an die Kamera und richte sie aus größerer Entfernung auf eins der typischen, weithin sichtbaren Wahrzeichen, etwa eine Kathedrale oder einen hohen Turm. Wenn die Aufnahmeposition nun so gewählt wird, daß noch ein anderes, dem Photographierenden näher gelegenes Objekt ins Blickfeld gelangt, entsteht der Eindruck, als befänden sich die beiden Bauten in direkter Nachbarschaft. Der Pariser Eiffelturm ließe sich, derart photographiert, gleich hinter Notre Dame plazieren, der Kölner Dom knapp neben eine in Wirklichkeit fünfhundert Meter entfernte Altstadtkirche schieben und Londons Big Ben in trauter Zweisamkeit mit der Kuppel von St. Paul’s abbilden. Gewisse Grenzen bei dieser Art der Bildkomposition setzt die Schärfentiefe. Sie hängt bekanntlich von der Blendenöffnung sowie dem Abbildungsmaßstab ab und dieser ist beim Tele zwangsläufig größer als bei der Normalbrennweite unter gleichen Aufnahmebedingungen. Wenn man nun zwei hintereinander liegende Bauwerke photographiert, aber nur eines davon scharf abbilden kann, ist der optische Trick wirkungslos. Natürlich ist es möglich, die Schärfentiefe durch weiteres Schließen der Blende zu vergrößern, jedoch führt das zu längeren Verschlußzeiten und diese steigern die Verwacklungsgefahr. Abhilfe schafft höhere Empfindlichkeit oder ein Stativ. Bei großen und schweren Teleobjektiven empfiehlt sich auch bei kürzeren Belichtungszeiten der Einsatz eines standfesten Dreibeinstativs.
 

Fotografieren in der Praxis 02 / 2005

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